§ 1
Daß aber der, welcher im Anfang den Menschen erschaffen hat, nach seiner Auflösung in Erde ihm eine zweite Geburt versprochen hat, drückt Isaias so aus: „Es werden die Toten wieder auferstehen, und auferstehen die in den Gräbern, und es werden sich freuen, die in der Erde. Denn der Tau von dir ist ihnen Gesundheit“. Und abermals: „Ich werde euch herbeirufen und nach Jerusalem werdet ihr gerufen werden, und ihr werdet sehen, und freuen wird sich euer Herz, und eure Gebeine werden aufgehen wie das Kraut, und erkannt werden wird die Hand des Herrn von denen, die ihn verehren“. Und Ezechiel sagt also: „Und über mir ward die Hand des Herrn, und es führte mich im Geiste der Herr hinaus und stellte mich auf die Mitte des Feldes, und es war voll von Gebeinen; und er führte mich herum über sie ringsherum im Kreise und siehe, viele auf der Fläche des Feldes, ganz dürre. Und er sprach zu mir: Menschensohn, werden leben diese Gebeine? Und ich sprach: O Herr, du weißt es, der du sie gemacht hast. 513Und er sprach zu mir: Prophezeie über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr dürren Gebeine, höret das Wort des Herrn: Dies spricht der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe, ich führe über euch hin den Geist des Lebens und werde geben über euch Nerven, und ich führe zurück über euch das Fleisch, und ich werde ausdehnen über euch die Haut, und ich werde meinen Geist in euch geben, und ihr werdet leben und erkennen, daß ich der Herr bin. Und ich prophezeite, wie der Herr mir vorschrieb. Und es geschah, als ich prophezeite; und siehe, ein Erdbeben, und herbeigeführt wurden die Gebeine, ein jedes, wohin es gehörte, und ich sah, und siehe, über ihnen entstanden Nerven und Fleisch, und über sie hinüber zog sich die Haut, und Geist war nicht in ihnen. Und er sprach zu mir: Zum Geist prophezeie, Menschensohn, und sprich zum Geiste: Dies spricht der Herr: Von den vier Geistern komme und hauche hinein in jene Toten, und sie sollen leben! Und ich prophezeite, wie der Herr mir befohlen hat, und es kam in sie der Geist, und sie lebten und standen auf ihren Füßen, eine Versammlung, sehr groß“. Und wiederum, sagt ebenderselbe: „Dies spricht der Herr: Ich, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern herausführen und euch hineinführen in das Land Israel, und ihr werdet erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffnen werde, um aus den Gräbern mein Volk zurückzuführen; und ich werde meinen Geist in euch geben, und ihr werdet leben, und einsetzen werde ich euch in euer Land, und ihr werdet erkennen, daß ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich werde es tun, spricht der Herr“, Der Demiurg, welcher auch hier also unsere toten Leiber lebendig macht, wie man sehen kann, und ihnen die Auferstehung verspricht und Auferweckung aus den Gräbern und Grabmälern und Unverweslichkeit verleiht, denn „wie der Baum des Lebens“, heißt es, „werden ihre Tage sein“, ist offenbar Gott allein, der dies macht, und der gute Vater selbst, der 514denen das Leben in seiner Güte verleiht, die es aus sich selbst nicht haben.
§ 2
Und deshalb zeigte der Herr sich und den Vater seinen Schülern auf das deutlichste, damit sie keinen anderen Gott suchen sollten außer dem, der den Menschen erschaffen und ihm den Hauch des Lebens geschenkt hat, und damit sie sich nicht zu jenem Unverstand verstiegen, über dem Demiurgen einen anderen Vater zu erdichten. Deswegen heilte er sonst alle, die sich durch ihre Sünden ihre Krankheiten zugezogen hatten, bloß durch das Wort, indem er zu ihnen sprach: „Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres widerfährt!“ Wodurch er anzeigte, daß den Menschen wegen der Sünde des Ungehorsams die Krankheit folgte. Dem aber, der von Geburt an blind war, gab er nicht durch ein Wort, sondern durch eine Handlung das Gesicht wieder, was keineswegs unbedeutend oder zufällig war, sondern auf die Hand Gottes hinweisen sollte, die im Anfang den Menschen geschaffen hat. Als daher die Schüler ihn fragten, wegen welcher Ursache jener blind geboren sei, ob aus eigener Schuld oder aus Schuld der Eltern, da sagte er: „Weder dieser noch seine Eltern haben gesündigt, sondern damit an ihm die Werke Gottes offenbar werden“. Das Werk Gottes aber ist die Erschaffung des Menschen. Diese nämlich geschah durch eine Handlung, wie die Schrift sagt: „Und es nahm Gott Schlamm von der Erde und bildete den Menschen“. Deshalb spie auch der Herr auf die Erde und machte einen Kot: und strich ihn über die Augen, indem er auf die Weise hinwies, wie der Mensch ursprünglich gebildet wurde, und die Hand Gottes, durch die aus dem Schlamme der Mensch gemacht war, für die offenbarte, die es verstehen konnten. Was nämlich die Kunst des Wortes im Mutterleibe zu erschaffen unterlassen hatte, das machte er jetzt offenkundig, damit an ihm das Werk Gottes offenbar werde und wir keine andere Hand suchen sollten, durch welche der Mensch erschaffen wäre, noch 515einen andern Vater. Wir sollten erkennen, daß die Hand Gottes, welche uns im Anfang erschaffen hat, auch im Mutterleibe schafft, ebenso uns Verlorene in den letzten Zeiten aufgesucht hat, indem sie ihr verlorenes Schaf wiedergewann, auf ihre Schultern auflud und mit Frohlocken uns in die Herde des Lebens zurückführte.
§ 3
Daß aber im Mutterleibe uns das Wort Gottes schafft, das sagt Jeremias: „Bevor ich im Mutterleibe dich bildete, kannte ich dich, und bevor du aus dem Mutterschoße hervorgingst, habe ich dich geheiligt und als Propheten unter den Völkern dich bestellt“. Und ähnlich sagt aus Paulus: „Als es dem gefiel, der mich aussonderte vom Schoße meiner Mutter, daß ich ihn verkünden sollte unter den Heiden“. Da wir also im Mutterleibe von dem Worte geformt werden, so gab ebendasselbe Wort dem, der von Geburt an blind gewesen war, das Gesicht. Da ja das Wort selbst den Menschen offenbart war, so offenbarte es den, der im Verborgenen uns bildet, erklärte die alte Erschaffung des Adam, indem er durch einen Teil auf das Ganze hinwies, wie dieser gemacht und durch welche Hand er erschaffen wurde. Der nämlich das Gesicht gab, derselbe Herr bildete auch den ganzen Menschen, indem er dem Willen des Vaters diente. Und da der Mensch in jenem Leibe Adams in Ungehorsam verfiel und des „Bades der Wiedergeburt“ bedurfte, so sprach er zu ihm, nachdem er den Kot über seine Augen gestrichen hatte: “Gehe nach Siloa und wasche dich!“ Und zugleich mit der Wiederherstellung seines Körpers gab er ihm das Bad der Wiedergeburt. Deshalb kam er auch nach dem Bade sehend zurück, damit der Mensch seinen Schöpfer erkennen und den begreifen sollte, der ihm das Leben geschenkt hatte.
§ 4
Somit scheiden auch die Valentinianer aus, die da behaupten, daß der Mensch nicht aus Erde, sondern aus einer flüssigen und gießbaren Materie entstanden 516sei. Denn offenbar bildete der Herr im Anfang den Menschen aus derselben Erde, aus der er die Augen gebildet hat. Unvernünftig wäre es nämlich, die Augen aus einem andern Stoffe als den übrigen Körper zu bilden, wie es auch unvernünftig wäre, die Erschaffung des Körpers einem andern zuzuschreiben als die Erschaffung der Augen. Vielmehr hat der, welcher im Anfang den Adam bildete, und zu dem der Vater sprach: „Lasset uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis“, auch in den letzten Zeiten sich selbst geoffenbart, indem er dem, welcher seit Adam her blind war, das Gesicht gab. Darauf weist die Schrift prophetisch hin, indem sie sagt, daß, nachdem Adam wegen seines Ungehorsams sich versteckt hatte, der Herr am Abend zu ihm kam, ihn rief und zu ihm sprach: „Wo bist du?“ Das bedeutet, daß in den letzten Zeiten dasselbe Wort Gottes kam, um den Menschen zu sich zu rufen und ihm seine Werke vorzuhalten, derentwegen er sich vor dem Herrn verborgen hatte. Wie nämlich damals Gott am Abend Adam suchte und zu ihm kam, so suchte er in den letzten Zeiten durch dieselbe Stimme sein Geschlecht auf.