§ 1
Unsere Gegner, die ihrem eigenen Heile im Wege stehen, mögen uns doch sagen, in welchen Leibern denn die tote Tochter des Hohenpriesters, der tote Sohn der Witwe, der aus dem Tore herausgetragen wurde, und 505Lazarus, der schon vier Tage im Grabe lag, in welchen Leibern die auferstanden sind! Doch wohl in den Leibern, in denen sie auch gestorben waren. Wären es andere gewesen, dann wären ja andere auferstanden, als gestorben waren. Denn es heißt doch: „Es ergriff der Herr die Hand des Toten und sprach zu ihm: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und es saß der Tote, und er befahl ihm zu essen zu geben, und er gab ihn seiner Mutter. Und den Lazarus rief er mit lauter Stimme und sprach zu ihm: Lazarus, komm heraus! und es ging hinaus der Tote, umwickelt an Händen und Füßen mit Tüchern“. Das war ein Symbol jenes Menschen, der durch die Sünden gebunden war. Und deswegen sagt der Herr: „Macht ihn los und laßt ihn gehen!“ Wie nämlich die Geheilten an den Gliedern, die früher krank gewesen waren, geheilt wurden und die Toten in denselben Leibern auferstanden, indem ihre Glieder und Leiber Heilung und Leben von dem Herrn, der es gab, empfingen, damit das zeitliche Leben ein Vorbild des ewigen wäre und er darauf hinwiese, daß der, welcher sein Werk heilt, ihm auch das Leben gibt, um zum Glauben an sein Wort von der Auferstehung zu führen, so werden auch, wenn am Ende der Herr mit der Trompete des jüngsten Tages ruft, die Toten auferstehen. „Es kommt die Stunde“, spricht der Herr, „in der alle Toten, die in den Gräbern sind, die Stimme des Menschensohnes hören werden, und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, und die, welche Böses gewirkt haben, zur Auferstehung des Gerichtes“.
§ 2
Töricht also in der Tat und unglücklich, wer das so Klare und Offenbare nicht einsehen will, sondern das Licht der Wahrheit sieht und wie der Ödipus der Tragödie sich selbst blendet. Und wie die nicht geübten Kämpfer in der Palästra, wenn sie mit andern ringen, 506einen Teil des Körpers fest umklammern und deswegen fallen und im Fallen noch zu siegen glauben, weil sie jenen eifrig festhalten, dessen Glied sie gleich im Anfang umschlangen, aber zu dem Fall noch ausgelacht werden, so machen es die Häretiker mit dem Worte Pauli: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben.“ An die beiden Worte sich klammernd, haben sie den Apostel nicht begriffen, noch die Kraft der beiden Ausdrücke sich klar gemacht, und indem sie sich nun allein an die beiden nackten Worte halten, sterben sie an ihnen und werfen den ganzen Heilsplan Gottes um, so weit sie es können.
§ 3
Wenn sie nämlich behaupten, daß dies recht eigentlich vom Fleische und nicht von den fleischlichen Werken zu verstehen sei, wie wir gezeigt haben, dann lassen sie den Apostel sich selbst widersprechen. Denn in demselben Briefe sagt er sogleich mit deutlichem Hinweise auf das Fleisch: „Es muß nämlich dieses Verwesliche die Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dieses Sterbliche angezogen haben wird die Unsterblichkeit, dann wird sich erfüllen das Wort, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod im Siege. Wo ist, Tod, dein Stachel? Wo ist, Tod, dein Sieg?“ Diese Worte werden mit Recht gesprochen werden, wenn dieses sterbliche und verwesliche Fleisch, bei dem der Tod ist, und das gewissermaßen von der Herrschaft des Todes bedrückt ist, zum Leben emporsteigt und Unverweslichkeit und Unsterblichkeit anzieht. Dann nämlich wird der Tod in Wahrheit besiegt sein, wenn das Fleisch, das von ihm festgehalten wurde, seiner Herrschaft entrinnt. Und abermals sagt er den Philippern: „Unser Wandel aber ist im Himmel, von wo wir auch als Heiland erwarten den Herrn Jesus, welcher umgestalten wird den Leib unserer Niedrigkeit, gleichförmig dem Leibe seiner Herrlichkeit, so wie er es kann nach dem Wirken seiner Kraft“. Welches ist also der Leib unserer Niedrigkeit, den der Herr dem Leibe seiner Herrlichkeit 507gleichförmig machen wird? Offenbar dieser Leib aus Fleisch, der erniedrigt wird, indem er in die Erde fällt. Wenn nun das sterbliche und verwesliche Fleisch unsterblich und unverweslich wird, so geschieht diese Umgestaltung nicht kraft der eigenen Wesenheit, sondern gemäß dem göttlichen Wirken, der das Sterbliche mit Unsterblichkeit und das Verwesliche mit Unverweslichkeit umgeben kann. Deshalb heißt es im zweiten Korintherbriefe: „Damit verschlungen werde das Sterbliche vom Leben; der uns aber hiezu eben vollendet, ist Gott, der uns das Pfand des Geistes gegeben hat“. Das gilt ganz offenbar vom Fleische, denn weder die Seele noch der Geist ist sterblich. Verschlungen aber wird das Sterbliche vom Leben, wann auch das Fleisch nicht mehr tot, sondern lebendig und unverweslich fortdauert, Gott lobpreisend, der uns hiezu vollendet hat. Damit wir also derart vollendet werden, sagt er treffend zu den Korinthern: „Verherrlichet Gott in eurem Leibe!“ Gott ist der Urheber der Unverweslichkeit.
§ 4
Daß er aber dies nicht von irgend einem andern Leibe, sondern von dem Leibe des Fleisches meint, sagt er klar, unzweifelhaft und unzweideutig den Korinthern: „Immer tragen wir die Abtötung Jesu an unserm Körper umher, damit das Leben Jesu Christi in unserm Körper offenbar werde. Denn immer werden wir, die wir leben, dem Tode übergeben durch Jesus, damit auch das Leben Jesu in unserm sterblichen Fleische offenbar werde“. Und da der Geist das Fleisch umfängt, so sagt er in demselben Briefe: „Ihr seid ja ein Brief Christi, vermittelt durch uns, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes, nicht auf steinernen Tafeln, sondern auf den fleischlichen Tafeln des Herzens“. Wenn also jetzt die fleischlichen Herzen den Geist fassen können, was ist es dann Wunderbares, daß sie in der Auferstehung das Leben aufnehmen, das vom Geiste gegeben wird? Über diese 508Auferstehung schreibt der Apostel den Philippern: „Gleichförmig seinem Tode werde ich ihm wohl entgegengehen zu der Auferstehung von den Toten“. Von welchem andern sterblichen Fleische kann man denn verstehen, daß in ihm das Leben offenbart werde, wenn nicht von der Substanz, die wegen des Bekenntnisses für Gott getötet wird? So sagt er ja selbst: „Wenn ich mit wilden Tieren zu Ephesus gekämpft habe, was nützt es mir, wenn die Toten nicht auferstehen? Denn wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist auch Christus nicht auferstanden; wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist eitel euer Glaube, wir aber werden als falsche Zeugen Gottes erfunden, da wir ja bezeugt haben, daß er Christum auferweckt hat, den er nicht auferweckt hat. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist auch Christus nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist eitel euer Glaube, da ihr ja noch in euren Sünden seid. Also sind auch verloren, die in Christus entschlafen sind. Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus hoffen, sind wir elender als alle Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden als Erstling der Schlafenden, denn durch einen Menschen ist der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung von den Toten“.
§ 5
Entweder hat nun mit all diesem der Apostel seinem Worte widersprochen: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben“, oder sie werden bösartige und verschrobene Erklärungen all dieser Worte geben müssen, um ihren Sinn zu verdrehen und abzuändern. Denn was sollen sie Vernünftiges sagen, wenn sie auf andere Weise seine Worte erklären wollen: „Es muß nämlich dies Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dies Sterbliche Unsterblichkeit anziehen“; und: „damit das Leben Jesu offenbar werde in unserm sterblichen Leibe“, und die anderen Stellen, in denen der Apostel offen und klar die Auferstehung und die Unverweslichkeit des Fleisches 509verkündet? Sie sind also gezwungen, all diese Stellen falsch zu erklären, wenn sie die eine nicht richtig verstehen wollen.