§ 1
Wenn nämlich der Vater nicht richtet, so geht ihn das, was geschieht, entweder nichts an, oder er stimmt dem allem zu. Wenn er aber nicht richtet, dann werden alle gleich sein und in demselben Zustand verharren. Dann aber wird die Ankunft Christi überflüssig 546sein, und er widerspricht sich, wenn er nicht richtet. „Ist er doch gekommen, den Menschen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schnur gegen die Schwiegermutter zu entzweien“, und wenn zwei in einem Bette sind, den einen aufzunehmen, den andern zurückzulassen, und „wenn zwei Frauen eine Mühle mahlen, die eine aufzunehmen, die andere zurückzulassen, und am Ende den Schnittern zu befehlen, zuerst das Unkraut zu sammeln und es in Bündel zu binden und es in unauslöschlichem Feuer zu verbrennen, den Weizen aber in die Scheune zu sammeln; die Schafe in das Reich zu rufen, das ihnen bereitet ist, die Böcke aber in das ewige Feuer zu senden, das sein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat - Und wie denn? Das Wort kam „zum Sturz und zur Auferstehung vieler!“ Zum Sturz derer, die an ihn nicht glauben, denen er eine noch schwerere Verdammnis als Sodoma und Gomorrha im Gerichte angedroht hat. Zur Auferstehung aber derer, die an ihn glauben und den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist. Wenn also die Ankunft des Sohnes über alle in gleicher Weise erfolgt, die Gläubigen und Ungläubigen aber richtend er scheidet, indem die einen aus eigenem Entschlusse seinen Willen tun und glauben, die andern aber in ihrem freiwilligen Ungehorsam zu seiner Lehre nicht gelangen, so ist es klar, daß auch der Vater alle in gleicher Weise erschaffen hat, indem jeder seine eigene Erkenntnis und seinen freien Sinn hat, und daß er auf alles acht hat und für alles sorgt, indem er „die Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“.
§ 2
Und wer immer die Liebe zu ihm bewahrt, dem schenkt er seine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft mit Gott aber ist Licht und Leben und der Genuß der Güter, die bei ihm sind. Welche nun immer aus eigenem Entschluß von ihm sich abwenden, die führt er in die von 547ihnen erwählte Trennung. Die Trennung von Gott aber ist der Tod, und die Trennung von dem Licht ist die Finsternis, und die Trennung von Gott ist der Verlust aller Güter, die in ihm sind. Die aber wegen ihrer Apostasie die genannten Güter verloren haben — aller Güter sind sie ja verlustig gegangen —, die verfallen jeglicher Strafe, ohne daß Gott die Bestrafung im voraus in die Hand nimmt; auf dem Fuße folgt ihnen die Strafe, indem sie aller Güter beraubt werden. Weil aber die Güter bei Gott ewig und ohne Ende sind, deswegen ist auch ihre Strafe ewig und ohne Ende, wie ja auch bei der Unermeßlichkeit des Lichtes die, welche sich selbst blenden oder von andern geblendet werden, endlos des Genusses des Lichtes beraubt sind, ohne daß das Licht sie mit Blindheit bestraft. Denn gerade ihre Blindheit ist ihr Unglück. Deswegen sprach auch der Herr: „Wer an mich glaubt« wird nicht gerichtet“, d. h., wird nicht von Gott getrennt, denn immer ist er mit Gott durch den Glauben vereinigt. „Wer aber nicht glaubt“, spricht er, „der ist schon gerichtet, da er an den Namen des eingeborenen Sohnes nicht geglaubt hat“, d. h., sich selbst durch freiwilligen Entschluß von Gott getrennt hat. „Das ist nämlich das Gericht, daß das Licht in diese Welt gekommen ist, und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht. Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. Wer aber den Willen tut, kommt ans Licht, damit seine Werke offenbar werden, die er in Gott gewirkt hat“.