§ 1
Denselben Gedanken hat der Apostel auch noch anders ausgedrückt, indem er sagt: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben“. Diese Stelle führen alle Häretiker in ihrer Tollheit gegen uns an, um darzutun, daß das Gebilde Gottes nicht gerettet werden könne. Sie erwägen nicht, daß, wie wir gesagt haben, der vollkommene Mensch aus drei Stücken besteht: aus Fleisch, Seele und Geist, indem der Geist erlöst und gestaltet, das Fleisch vereint und gestaltet wird, zwischen diesen beiden aber die Seele steht, die bald dem Geiste folgt und dann von ihm erhoben wird, bald aber dem Fleische zustimmt und dann in die irdischen Begierden hinabgleitet. Die also das, was erlöst und gestaltet und eint, nicht haben, die werden folgerichtig Fleisch und Blut sein und genannt werden, denn sie haben ja den Geist Gottes nicht in sich. Deshalb werden solche von dem Herrn auch als Tote bezeichnet. „Lasset die Toten“, sagt er, „die Toten begraben“, denn sie haben nicht den Geist, der den Menschen lebendig macht.
§ 2
494Wer aber immer Gott fürchtet und an die Ankunft seines Sohnes glaubt und durch den Glauben in sein Herz den Geist Gottes einsenkt, ein solcher wird mit Recht Mensch genannt, rein und geistig und für Gott lebend, weil er den Geist des Vaters hat, der den Menschen reinigt und zum göttlichen Leben erhebt. Wie nämlich das Fleisch von dem Herrn als schwach bezeichnet wird, so hat der Geist von ihm das Zeugnis, daß er willig ist. Denn dieser ist imstande, alles zu vollenden, was ihm entgegentritt. Wenn also jemand diesen willigen Geist gleichsam wie einen Stachel der Schwachheit des Fleisches beigesellt, dann muß notwendig das Starke das Schwache überwinden, sodaß die Schwäche des Fleisches von der Stärke des Geistes verschlungen wird, und wegen der Gemeinschaft des Geistes wird solch ein Mensch nicht mehr fleischlich, sondern geistig sein. So also legen die Märtyrer Zeugnis ab und verachten den Tod, nicht nach der Schwachheit des Fleisches, sondern weil der Geist willig ist. Denn die Schwäche des Fleisches ist verschlungen, und der Geist beweist seine Stärke, und das Fleisch beweist die Stärke des Geistes; der Geist aber, indem er die Schwäche verschlingt, besitzt in sich das Fleisch als Erbe, und aus beiden ist der lebendige Mensch geworden. Er ist lebendig, weil er teilnimmt an dem Geiste, ein Mensch aber wegen der Substanz des Fleisches.
§ 3
Daher ist das Fleisch ohne den Geist Gottes tot, hat kein Leben und kann das Reich Gottes nicht besitzen. Das Blut ist unvernünftig, wie Wasser, ausgegossen auf die Erde. Und deswegen heißt es: „Wie der Irdische, so die Irdischen“. Wo aber der Geist des Vaters, da ist der Mensch lebendig, das Blut vernünftig, dessen Rache Gott besorgt, das Fleisch vom Geiste in Besitz genommen, sodaß es seiner vergißt und die Eigenschaft des Geistes annimmt, da es gleichförmig dem Worte Gottes geworden ist. Und deswegen heißt es: „Wie wir das Bild dessen trugen, der von der Erde ist, so laßt uns auch das Bild dessen tragen, der vom 495Himmel ist“. Was ist also das Irdische? Das Gebilde. Und was ist das Himmlische? Der Geist. Wie wir also, will die Stelle besagen, ohne den himmlischen Geist einstmals in dem alten Fleische gewandelt sind, ungehorsam gegen Gott, so laßt uns jetzt, da wir den Geist empfangen, in einem neuen Leben wandeln, gehorsam gegen Gott. Da wir also ohne den Geist Gottes nicht gerettet werden können, so ermahnt uns der Apostel, durch den Glauben und einen keuschen Lebenswandel den Geist Gottes zu bewahren, damit wir nicht, nachdem wir den Geist Gottes verloren haben, auch das Himmelreich verlieren, und sagt laut, daß das Fleisch an sich in seinem Blute das Reich Gottes nicht erben kann.
§ 4
Wenn man jedoch die Wahrheit sagen soll, so nimmt das Fleisch nicht in Besitz, sondern wird in Besitz genommen, wie der Herr spricht: „Selig die Sanftmütigen, da sie durch Erbschaft die Erde besitzen werden“. Also wird im Reiche gleichsam die Erde erblich besessen, von der auch die Substanz unseres Fleisches stammt; und deshalb will er auch, daß der Tempel rein sei, damit sich der Geist Gottes in ihm ergötze, wie der Bräutigam bei der Braut. Wie nun die Braut den Bräutigam nicht freien kann, wohl aber vom Bräutigam gefreit werden kann, wenn der Bräutigam kommt und sie nimmt, so kann auch das Fleisch an und für sich das Reich Gottes nicht aufnehmen, sondern wird vielmehr von dem Geiste in das Reich Gottes aufgenommen. Der da lebt, erbt das Eigentum des Toten. Etwas anderes ist es, erben, und etwas anderes, geerbt zu werden. Der Erbe nämlich lenkt und herrscht und verwaltet das Erbe nach seinem Willen; das Erbe aber untersteht und gehorcht und wird beherrscht von dem Erben. Was ist nun also das Lebende? Der Geist Gottes. Was aber ist das Eigentum des Toten? Die Glieder des Menschen, die sich in Erde auflösen. Diese also werden von dem Geiste ergriffen und in das Himmelreich übertragen.
§ 5
Deswegen ist auch Christus gestorben, damit das Evangelium, in der ganzen Welt kundgetan und erkannt, 496zunächst seine Knechte frei mache; dann aber sollte es die Seinigen zu Erben einsetzen, indem der Geist sich ihrer bemächtigt, wie wir gezeigt haben. Der Lebendige nämlich ergreift Besitz, das Fleisch aber wird in Besitz genommen. Damit wir nun nicht dadurch, daß wir den Geist verlieren, der uns besitzt, auch das Leben verlieren, ermahnt uns der Apostel zur Anteilnahme an dem Geiste, indem er in dem angegebenen Sinne sagt; „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht besitzen.“ Das will besagen; Täuschet euch nicht! Wenn das Wort Gottes nicht in euch wohnt und der Geist des Vaters nicht in euch ist und ihr eitel und gedankenlos wandelt, so als ob ihr nur Fleisch und Blut wäret, dann werdet ihr das Reich Gottes nicht besitzen können.