§ 1
Jetzt aber nehmen wir zur Vervollkommnung und Vorbereitung auf die Unverweslichkeit einen Teil von seinem Geiste, indem wir uns gewöhnen, Gott aufzunehmen und zu tragen. Das nennt der Apostel ein Unterpfand, d. h. einen Teil der uns von Gott versprochenen Ehre, indem er im Epheserbriefe sagt: „Nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heiles gehört hattet, glaubtet auch ihr daran und wurdet bezeichnet mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher das Unterpfand unserer Erbschaft ist“. So also macht dies Unterpfand dadurch, daß es in uns wohnt, uns schon geistig, und das Sterbliche wird von dem Unsterblichen verschlungen. „Denn“, sagt der Apostel, „ihr seid nicht im Fleisch, sondern im Geiste, da ja der Geist Gottes in euch wohnt“. Nicht etwa, weil sie das 491Fleisch verloren hätten, sondern weil sie in Gemeinschaft mit dem Geiste stehen. Denn nicht ohne Fleisch waren die, denen er das schrieb, sondern sie hatten den Geist Gottes angenommen, in dem wir rufen: „Abba, Vater“. Wenn wir also jetzt, wo wir bloß das Unterpfand haben, Abba, Vater, rufen, was wird dann erst geschehen, wann wir nach der Auferstehung ihn von Angesicht zu Angesicht schauen werden, wann alle Glieder in überströmender Freude den Jubelhymnus anstimmen und den preisen werden, der sie von den Toten auferweckt und mit dem ewigen Leben beschenkt hat? Denn wenn schon das Unterpfand dadurch, daß es den Menschen umfängt, ihn rufen läßt: Abba, Vater, was wird dann die gesamte Gnade des Geistes bewirken, die dem Menschen von Gott verliehen werden wird? Ähnlich mit ihm wird sie uns machen und vollenden nach dem Willen des Vaters, denn sie wird den Menschen machen nach dem Bild und Gleichnis Gottes.
§ 2
Die also das Pfand des Geistes haben, den Lüsten des Fleisches nicht dienen, sondern sich dem Geiste unterwerfen und in allem vernünftig wandeln, die nennt der Apostel mit Recht geistig, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt. Unkörperliche Geister aber werden die geistigen Menschen nicht sein, sondern unsere Wesenheit, d. h, die Vereinigung von Seele und Fleisch, vollendet durch die Aufnahme des göttlichen Geistes den geistigen Menschen. Die aber den Rat des Geistes verwerfen, den Lüsten des Fleisches dienen, unvernünftig leben und zügellos sich in ihre Begierden stürzen, da sie keinen Hauch vom göttlichen Geiste besitzen, sondern nach Art der Schweine und Hunde leben, die nennt mit Recht der Apostel fleischlich, da sie nichts anders als Fleischliches kennen. Und die Propheten vergleichen aus ebendemselben Grunde mit den unvernünftigen Tieren diejenigen, welche so unvernünftig wandeln. „Hengste, rasend nach Weibern, sind sie geworden, ein jeder von ihnen wiehert nach der Frau seines Nächsten“. Und wiederum: „Der Mensch, da er in Ehre war, ist ähnlich 492geworden dem Vieh“. Aus eigener Schuld nämlich ist er dem Vieh ähnlich geworden, weil er sich einem unvernünftigen Leben ergeben. Und dementsprechend sagen auch wir von solchen Menschen, daß sie unvernünftiges Vieh und tierisch geworden sind!
§ 3
All dies hat das Gesetz im voraus bildlich verkündet, indem es durch Tiere den Menschen zeichnete. Was nämlich doppelte Klaue hat und wiederkäut, erklärt es als rein; was aber das eine oder andere nicht hat, sondert es als unrein ab. Welches sind also nun die Reinen? Die zum Vater und dem Sohne durch den Glauben fest ihren Weg gehen — das bedeutet die doppelte Klaue — und die Aussprüche des Herrn Tag und Nacht meditieren, um mit guten Werken sich zu schmücken — das bedeutet die Kraft der Wiederkäuer. Unrein aber ist, was keine doppelten Klauen hat oder nicht wiederkäut, d. h. die weder den Glauben an Gott haben, noch seine Aussprüche meditieren — das ist der Greuel der Heiden. Die aber wiederkäuen und keine doppelte Klaue haben, sind auch unrein — das weist bildlich auf die Juden hin, die zwar die Aussprüche Gottes im Munde haben, aber keine feste Wurzel fassen im Vater und im Sohne, und deshalb ist hinfällig ihr Geschlecht. Denn die einhufigen Tiere gleiten leicht aus und gehen nicht so sicher wie die zweihufigen, weil die gespaltenen Hufe einander auf dem Wege folgen und sich“ gegenseitig stützen. Unrein ist gleichfalls, was eine doppelte Hufe hat, aber nicht wiederkäut. Das weist offenkundig hin auf alle Häretiker, die nicht die Aussprüche Gottes meditieren, noch mit Werken der Gerechtigkeit sich schmücken. Zu ihnen spricht der Herr: „Was sagt ihr mir Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ Derartige Leute geben zwar vor, an den Vater und den Sohn zu glauben, meditieren aber niemals die Aussprüche Gottes, wie es sich gehört, noch; sind sie mit den Werken der Gerechtigkeit geschmückt, 493sondern sie haben, wie gesagt, das Leben der Schweine und Hunde angenommen und sich der Unreinigkeit, Schlemmerei und übrigen Sorglosigkeit ergeben. Mit Recht also nannte der Apostel alle diese, die wegen ihres Unglaubens und ihrer Üppigkeit den göttlichen Geist nicht erlangen und durch verschiedene Charaktere den Geist hinauswerfen, der sie lebendig macht, und in ihren Lüsten unvernünftig wandeln, fleischlich und animal, nannten die Propheten sie Vieh und wildes Tier, deutet die Gewohnheit sie als Tiere und Unvernünftige, verkündet das Gesetz sie als unrein.