§ 1
Weil aber der Apostel gegen die Substanz von Fleisch und Blut nichts gehabt hat, als er sagte, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht besitzen können, so bedient sich derselbe Apostel überall bei dem Herrn Jesus Christus der Worte Fleisch und Blut, teils um ihn als Menschen darzutun, nannte er sich doch selbst den Menschensohn, teils um die Erlösung unseres Fleisches kundzutun. Hätte das Fleisch nicht gerettet werden sollen, dann wäre keineswegs das Wort Gottes Fleisch geworden. Und sollte nicht das Blut der Gerechten aufgesucht werden, so hätte der Herr kein Blut gehabt. Doch da das Blut schon von Anfang an seine Stimme erhob, so sprach Gott zu Kain, als er seinen Bruder erschlagen hatte: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir“. Und da ihr Blut gefordert werden sollte, sprach er zu den Angehörigen des Noe: „Denn das Blut eurer Seelen, ich werde es von allen Tieren fordern“. Und abermals „Wer Menschenblut vergießen wird, wird für das Blut desselben vergossen werden“. Ähnlich sprach auch der Herr zu denen, die sein Blut vergießen sollten: „Es wird gefordert werden alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wird, von dem Blute des gerechten Abel bis zu dem Blute des Zacharias, des Sohnes des Barachias, den ihr erschlagen habt zwischen dem Tempel und dem Altare. Ja, ich sage euch, all dies wird kommen über dieses Geschlecht“. Das soll heißen: Die Rekapitulation 510des von Anfang an vergossenen Blutes aller Gerechten und der Propheten, sowie die Rückforderung dieses Blutes werde durch ihn selber erfolgen. Nicht aber wird dieses gerächt, wenn er nicht gerettet werden sollte, noch hätte der Herr in sich dies rekapituliert, wenn er nicht selber gemäß der ursprünglichen Erschaffung Fleisch und Blut geworden wäre, um schließlich in sich selbst das zu retten, was in Adam anfänglich verloren gegangen war.
§ 2
Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: „Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen“. In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.
§ 3
Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden 511war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: „In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden“. Und wiederum ebendenselben: „Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi“. Und wiederum: „Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren“. Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.
§ 4
Wenn also Fleisch und Blut uns das Leben erwerben, dann kann im eigentlichen Sinne nicht von Fleisch und Blut gesagt sein, daß sie das Reich Gottes nicht besitzen können, sondern nur von den genannten fleischlichen Akten, die den Menschen zur Sünde hinlenken und ihn des Lebens berauben. Und deswegen heißt es in dem Briefe an die Römer: „Nicht also herrsche die Sünde in eurem sterblichen Leibe, um ihr zu gehorchen, noch möget ihr eure Glieder als Waffen der Ungerechtigkeit der Sünde darbieten, sondern bietet euch selbst Gott dar als solche, die gleichsam von den Toten leben, und eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit für Gott“. Mit ebendenselben Gliedern also, mit denen wir der Sünde dienten und den Tod als 512Frucht einbrachten, sollen wir der Gerechtigkeit dienen, um das Leben zu erwerben.
§ 5
So bedenke also, Geliebtester, daß Du durch das Fleisch unseres Herrn erkauft und durch sein Blut erlöst bist, „klammere Dich an das Haupt, aus welchem der ganze Leib der Kirche zusammengehalten, Wachstum erhält“, d. h. bekenne Gott und die fleischliche Ankunft des Sohnes Gottes, und nimm fest auf seinen Menschen! Benutze diese Beweise, die aus den Schriften entnommen sind, und leicht besiegst Du, wie wir gezeigt haben, alle jene später erdichteten Lehren der Häretiker.