§ 1
Dies ist aber der Demiurg, der wegen seiner Liebe Vater, wegen seiner Macht Herr, und wegen seiner Weisheit unser Schöpfer und Bildner genannt wird. Seine Feinde sind wir geworden, indem wir sein Gebot übertraten. Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er „der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde“. Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: „Und erlaß uns unsere Schulden!“ Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten. Wer aber ist dieser? Etwa irgend ein unbekannter Vater, der niemals einem ein Gebot gegeben hat? Oder vielmehr der, welcher von der Schrift verkündet wird, und dessen Schuldner wir wurden durch den Ungehorsam gegen sein Gebot? Dies Gebot aber wurde dem Menschen durch das Wort gegeben. Es heißt nämlich: „Adam hörte die Stimme des Herrn, des Gottes“. Trefflich also spricht das Wort zu dem 519Menschen: „Es werden dir erlassen deine Sünden“. Der nämlich, der im Anfang von uns beleidigt wurde, der schenkte uns zum Schluß Verzeihung der Sünden. Hätten wir eines anderen Gebot übertreten und hätte ein anderer gesprochen: „Es werden dir erlassen deine Sünden“, dann wäre dieser weder gut, noch wahrhaftig, noch gerecht. Denn wie ist der gut, der nicht von dem Seinigen schenkt? Wie der gerecht, welcher sich Fremdes aneignet? Wie aber wären die Sünden in Wahrheit vergeben, wenn sie nicht der, gegen den wir gesündigt haben, verzieh, „durch das innerste Erbarmen unseres Gottes, womit er uns heimsuchte“, durch seinen Sohn?
§ 2
Deshalb verherrlichten auch nach der Heilung des Gichtbrüchigen alle Völker, die es sahen, Gott, „der solche Macht den Menschen gegeben hat“. Welchen Gott verherrlichten denn die herumstehenden Völker? Etwa den von den Häretikern erfundenen, unbekannten Vater? Wie priesen sie denn den, welcher damals im Anfang nicht von ihnen erkannt wurde? Es ist also offenbar, daß die Israeliten den Gott priesen, der von dem Gesetz und den Propheten verkündigt war, den Vater unseres Herrn Jesu Christi. Und deshalb lehrte er offenbar die Menschen durch die Zeichen, welche er tat, Gott die Ehre zu geben. Wäre er aber von einem anderen Vater gekommen, dann hätten die Menschen, welche die Zeichen sahen, einen anderen Vater gepriesen, and er hätte sie undankbar gemacht gegen den Vater, der die Heilung verliehen hatte. Da jedoch der eingeborene Sohn Gottes gekommen war, um die Menschen zu retten, und er den Ungläubigen durch die Zeichen, die er tat, zurief, Gott die Ehre zu geben, und diese die Ankunft seines Sohnes nicht annahmen und daher an die Vergebung von ihm nicht glaubten, rief er den Pharisäern zu: „Wisset, daß der Menschensohn die Macht hat, Sünden zu vergeben“. Als er dies gesagt hatte, ließ er den gichtbrüchigen Menschen sein Bett nehmen, 520auf dem er lag, und in sein Haus gehen. Dadurch beschämte er die Ungläubigen und zeigte an, daß er selbst die Stimme Gottes ist, durch die der Mensch jene Gebote empfing, deren Übertretung ihn zum Sünder gemacht hatte. Denn seine Gicht war eine Folge der Sünden.
§ 3
Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden. Deshalb verkündete auch David: „Selig, deren Missetaten vergeben und deren Sünden bedeckt sind“. Selig der Mann, dem Gott seine Sünde nicht angerechnet hat“. Damit wies er hin auf die durch seine Ankunft erfolgte Vergebung, durch welche er „die Handschrift unserer Schuld tilgte und sie ans Kreuz anheftete“. Wie wir durch das Holz Gottes Schuldner geworden waren, sollten wir durch das Holz die Verzeihung unserer Schuld empfangen.
§ 4
Das ist außer von vielen anderen auch schon von Elisäus deutlich verkündet, worden. Denn als die Propheten, die bei ihm waren, Holz zum Bau eines Zeltes fällten und das aus dem Beil herausgefallene Eisen in den Jordan gefallen war und nicht gefunden wurde, da kam Elisäus an denselben Ort, und als er hörte, was geschehen war, warf er Holz auf das Wasser und allsogleich schwamm das Eisen der Axt empor, und von der Oberfläche des Wassers nahmen sie es, die es vorher verloren hatten. Durch diese Tat zeigte der Prophet an, dass wir das feste Wort Gottes, das wir durch das Holz 521unachtsamerweise verloren hatten, nicht fanden, es aber wieder aufnehmen sollten durch die Vermittlung des Holzes. Daß aber das Wort Gottes einer Axt ähnlich ist, hat von ihm Johannes verkündet: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt“. Und ähnlich sprach Jeremias: „Das Wort des Herrn ist wie eine Doppelaxt, die den Stein haut“. Dieses vor uns verborgene Wort offenbarte, wie wir gezeigt haben, der Vorgang mit dem Holze. Denn da wir es durch das Holz verloren haben, ist es durch das Holz wieder allen offenbar geworden und zeigte durch sich die Höhe und die Länge und die Breite an, indem es, wie einer der älteren gesagt hat, durch die Ausbreitung der Hände die beiden Völker in einem Gott vereinigte. Denn die zwei Hände weisen hin auf die zwei Völker, die bis an die Enden der Erde zerstreut waren; der eine Kopf aber in der Mitte auf den einen Gott, der über alle, durch alle und in uns allen ist.