§ 1
Wie er also im Anfange gelogen hat, so log er auch am Ende, indem er sprach: „Dies alles ist mir übergeben, und wem ich will, gebe ich es“. Denn nicht er verteilte die Königreiche dieser Welt, sondern Gott. „Das Herz des Königs nämlich ist in der Hand Gottes“. Und durch Salomon spricht er das Wort: „Durch mich herrschen die Könige, und die Mächtigen halten die Gerechtigkeit. Durch mich werden die Fürsten erhöht werden, und die Tyrannen regieren durch mich die Erde“. Auch Paulus sagt mit Bezug hierauf: „Allen höheren Gewalten seid Untertan, denn es ist keine Gewalt außer von Gott. Die aber sind, sind von Gott angeordnet“. Und weiter heißt es: „Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut“. Daß er aber dies nicht von den Gewalten der Engel, noch von den unsichtbaren Fürsten sagt, wie es einige zu erklären wagen, sondern von den menschlichen, spricht er: „Deswegen entrichtet ihr auch Abgaben, denn sie 537sind Gottes Diener, hierzu dienend“. Das hat auch der Herr bestätigt, indem er nicht tat, was ihm vom Teufel geraten wurde; vielmehr ließ er den Steuereinnehmern für sich und den Petrus die Steuer geben, denn „Diener Gottes sind sie, hierzu dienend“.
§ 2
Da nämlich der von Gott abtrünnige Mensch so verwilderte, daß er selbst seinen Blutsverwandten als Feind betrachtete und in allerlei Unruhe und Menschenmord und Geiz ohne Scheu sich erging, so legte Gott ihm die Furcht vor den Menschen auf, da er die Furcht vor Gott nicht kannte. Menschlicher Gewalt unterworfen und menschlichem Gesetze verbunden, sollten sie in etwa wenigstens zur Gerechtigkeit gelangen und sich gegenseitig zügeln, indem sie das Schwert vor ihren Augen fürchteten, wie der Apostel sagt: „Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut.“ Deswegen werden auch die Obrigkeiten, die die Gesetze als Gewand der Gerechtigkeit haben, über das nicht gefragt, was immer sie gerecht und gesetzlich tun, noch bestraft. Was sie aber zur Unterdrückung des Gerechten ungerecht, gottlos, gegen das Gesetz und nach Tyrannenart verüben, das bringt ihnen Verderben ein; denn alle erreicht das gerechte Gericht Gottes gleichmäßig und macht vor keinem Halt. Also sind die irdischen Reiche zum Nutzen der Völker von Gott auf gestellt, und nicht vom Teufel, der doch niemals ruhig ist und demgemäß auch nicht will, daß die Völker in Ruhe leben. Die irdische Herrschaft fürchtend, sollen die Menschen sich nicht nach Art der Fische gegenseitig verschlingen, sondern durch die Bestimmungen der Gesetze die vielfache Ungerechtigkeit der Heiden hinten anhalten. Und in diesem Sinne sind die, welche von uns Steuern fordern, Diener Gottes, indem sie hier zudienen.
§ 3
Die Gewalten, die bestehen, sind von Gott angeordnet. Offenbar lügt also der Teufel, wenn er sagt: “Mir ist es übergeben, und wem ich will, gebe ich es.“ 538Denn auf wessen Befehl die Menschen geboren werden, auf dessen Befehl werden auch die Könige eingesetzt, passend zu den Menschen, die in der betreffenden Zeit von ihnen regiert werden. Einige sollen dienen zur Besserung und zum Nutzen ihrer Untergebenen and zur Bewahrung der Gerechtigkeit, andere sollen Furcht einflößen, strafen und tadeln, andere verhöhnen, beschimpfen und unterdrücken, wie es jene auch verdienen, indem über alle, wie wir gesagt haben, in gleicher Weise das gerechte Gericht Gottes einherschreitet. Der Teufel aber, der doch nur ein abtrünniger Engel ist, kann, wie er im Anfange offenbart hat, weiter nichts als den Sinn des Menschen ablenken und ihn verführen, die Gebote Gottes zu überschreiten, und die Herzen derer, die sich einließen, ihm zu dienen, allmählich so verblenden, daß sie den wahren Gott vergessen, ihn aber als ihren Gott anbeten.
§ 4
Wie wenn ein Rebell ein Land erobert und seine Einwohner so verwirrt, daß sie ihm königliche Ehre erweisen, ohne zu ahnen, daß er nur ein Rebell und Räuber ist, so hat auch der Teufel, einer von den Engeln, die über den Geist der Luft gesetzt waren, wie der Apostel Paulus im Briefe an die Epheser kundtut, in Neid gegen den Menschen das göttliche Gesetz übertreten; denn der Neid entfremdet von Gott. Und weil durch einen Menschen seine Apostasie aufgedeckt wurde und der Mensch der Prüfstein seiner Absicht wurde, deswegen stellte er sich immer mehr dem Menschen entgegen, da er ihn um sein Leben beneidete und ihn mit der Macht seines Abfalls umstricken wollte. Das Wort Gottes aber, das alles vermag, besiegte ihn durch den Menschen und stellte ihn als Apostaten bloß, ja unterwarf ihn sogar dem Menschen. „Siehe“, sprach es, „ich gebe euch die Gewalt, über Schlangen und Skorpionen und über alle Gewalt des Feindes zu wandeln“. Wie er durch seine Apostasie über den Menschen herrschte, so sollte durch den Menschen, der sich zu Gott zurückwandte, wiederum seine Apostasie vernichtet werden.