§ 1
Ganz deutlich lehrte auch der Apostel, daß der Mensch seiner eigenen Schwäche überlassen wurde, damit er niemals aus Hochmut sich gegen die Wahrheit verfehle. Es heißt nämlich im zweiten Korintherbriefe: Und damit ich wegen der Erhabenheit der Offenbarungen mich nicht überhebe, ist mir gegeben der Stachel des Fleisches, ein Engel des Satans, damit er mich peinige. Und überdies habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß er von mir abstehe. Und er sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen. Gerne also werde ich mich mehr rühmen in meinen Schwachheiten, damit in mir die 480Kraft Christi wohne“. Wie also, könnte jemand sagen, wollte denn der Herr, daß sein Apostel so gepeinigt wurde und solche Schwäche erduldete? Freilich, sagt das Wort. Denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen, indem es den bessert, der durch seine Schwäche die Kraft Gottes erkennt. Wie hätte sonst der Mensch verstehen können, daß er selbst von Natur schwach und sterblich ist, Gott aber unsterblich und mächtig, wenn er nicht beider Natur aus Erfahrung kennen gelernt hätte? Seine Schwäche durch Leiden kennen zu lernen, ist kein Übel; vielmehr ist es etwas Gutes, sich in seiner Natur nicht zu täuschen. Sich aber gegen Gott zu erheben und eigenen Ruhm sich anzumaßen, das machte den Menschen undankbar und brachte ihm viel Böses ein. So sollte sein bleiben die Wahrheit und die Liebe zu dem, der ihn gemacht hat. Wo aber Wachstum in der Liebe ist, da wird größere Herrlichkeit durch Gottes Kraft in denen vollendet, die ihn lieben.
§ 2
Es verachten also die Macht Gottes und betrachten nicht, was das Wort ist, die die Schwachheit des Fleisches, aber nicht die Kraft dessen, der es von den Toten auferweckt, berücksichtigen. Wenn Gott nämlich das Sterbliche nicht lebendig macht und das Vergängliche nicht zur Unvergänglichkeit zurückführt, dann ist er dazu nicht imstande. Daß er aber dies alles vermag, das haben wir gleich anfangs betrachtet. Nahm er doch Staub von der Erde und machte den Menschen. Aber viel schwieriger und unglaublicher ist es, aus nicht existierenden Knochen und Nerven und Venen und den übrigen menschlichen Organen den Menschen zum Dasein und Leben und Denken zu bringen, als das bereits Gewordene und später nur in Erde Aufgelöste aus den angegebenen Gründen wieder zu erneuern, da es doch nur dort hinübergegangen ist, von wo der Mensch, der noch nicht war, seinen Ursprung genommen. Der nämlich den, der noch nicht war, wann es ihm beliebte, ins Dasein rief, der wird noch vielmehr die, welche schon waren, nach seinem Wohlgefallen in das von ihm geschenkte Leben zurückrufen. Und siehe, das Fleisch ist 481fähig, Gottes Kraft aufzunehmen und festzuhalten. Zeigte es doch schon anfangs Gottes Kunst, indem das eine zum Auge wurde und sah, das andere zum Ohr and hörte, das andere Hand und arbeitete, das andere Nerven, um die Glieder von allen Seiten eng zusammenzuhalten, das andere Arterien und Venen, um das Blut and den Geist durchzuleiten, das andere verschiedenes Eingeweide, das andere Blut, das Bindeglied zwischen Leib und Seele, Doch, es ist ja nicht möglich, das ganze künstliche Gliedergefüge des Menschen aufzuzählen, das nicht ohne viel Weisheit zustande kam. Was aber teilnimmt an der Kunst und Weisheit Gottes, das nimmt auch teil an seiner Kraft.
§ 3
Folglich ist das Fleisch von der künstlichen Weisheit und Kraft Gottes nicht ausgeschlossen. Wenn nun aber seine Kraft, die das Leben verleiht, in der Schwachheit vollkommen wird, d. h. in dem Fleische, dann mögen doch die, welche behaupten, das Fleisch könne das von Gott verliehene Leben nicht aufnehmen, uns sagen, ob sie dieses behaupten als solche, die jetzt leben und am Leben teilnehmen, oder ob sie als gänzlich leblose sich selbst gegenwärtig für tot erklären! Wenn sie aber tot sind, wie bewegen sie sich denn und sprechen und machen das übrige, was doch nicht Werke der Toten, sondern der Lebendigen sind? Wenn sie aber jetzt leben und ihr ganzer Leib am Leben teilnimmt, wie wagen sie dann zu sagen, das Fleisch könne das Leben nicht halten und daran teilnehmen, obwohl sie zugestehen, daß sie gegenwärtig das Leben haben? Das verhält sich fürwahr so ähnlich, als ob jemand, der einen Schwamm voll Wasser oder eine brennende Fackel in der Hand hielte, sagen wollte, der Schwamm kann kein Wasser, die Fackel kein Feuer fassen. Ebenso sagen diese, daß sie leben, sagen, daß sie Leben in ihren eigenen Gliedern in sich tragen, und dann widersprechen sie sich und behaupten, daß ihre Glieder nicht fähig sind, das Leben aufzunehmen. Wenn aber das gegenwärtige Leben, das doch viel schwächer ist als jenes ewige Leben, dennoch soviel vermag, daß es unsere sterblichen Glieder belebt, wie sollte dann das ewige Leben, das doch stärker ist als dieses, das Fleisch nicht beleben, das doch schon 482geübt und gewohnt ist, das Leben zu tragen! Daß nämlich das Fleisch fähig ist, das Leben aufzunehmen, zeigt sich doch darin, daß es lebt. Es lebt aber, insofern Gott es will. Daß aber Gott auch imstande ist, ihm das Leben zu verleihen, ist klar, da doch jener uns das Leben gibt. Wenn nun Gott imstande, ist, sein Geschöpf zu beleben, und das Fleisch fähig ist, das Leben zu empfangen, was sollte dann dieses hindern, an der Unvergänglichkeit teilzunehmen, die in einem glückseligen, endlosen Leben besteht, das Gott verleiht.