§ 1
Lange Zeit aber dauern die Körper fort, solange es Gott gefällt, daß es ihnen gut geht. Man lese die Schriften und wird finden, daß unsere Vorfahren sieben-, acht- und neunhundert Jahre überschritten haben, und ihre Leiber erreichten die Länge der Tage und nahmen teil am Leben, solange sie Gott leben lassen wollte. Doch was sollen wir von jenen sagen? Ist ja doch Henoch in dem Leibe, in dem er Gott gefiel, hinweggenommen worden, hinweisend auf die zukünftige Versetzung der Gerechten. Auch Elias wurde in seiner leiblichen Wesenheit hinweggenommen, prophetisch hinzeigend auf die Himmelfahrt der Geistigen. Und gar nicht hinderte sie der Leib an der Versetzung und Himmelfahrt. Denn von jenen Händen, durch die sie ursprünglich gebildet waren, wurden sie auch versetzt und aufgenommen.484 Gewöhnt hatten sich nämlich in Adam die Hände Gottes, ihr eigenes Geschöpf zu lenken, zu leiten und zu tragen und hinzusetzen, wohin sie wollten. Wo wurde nun der erste Mensch hingesetzt? Bekanntlich doch in das Paradies, wie geschrieben steht: „Und es pflanzte Gott das Paradies in Eden gegen Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte“. Und von dort wurde er in diese Welt wegen seines Ungehorsams hinausgestoßen. Deswegen sagen auch die Ältesten, die Schüler der Apostel, daß die Versetzten dorthin versetzt seien. Denn für die gerechten Menschen, die Geistesträger, wurde das Paradies zubereitet, in welches auch der Apostel Paulus versetzt wurde, und wo „er unaussprechliche Worte hörte“, wenigstens für uns einstweilen. Und dort sollen die Versetzten bleiben bis zur Vollendung, im voraus die Unverweslichkeit verkostend.
§ 2
Sollte aber jemand annehmen, daß die Menschen unmöglich so lange Zeiten fortdauern können, und daß auch Elias nicht im Fleische emporgestiegen sei, sondern daß sein Fleisch in dem feurigen Wagen verbrannt sei, so möge er bedenken, daß Jonas, in die Tiefe des Meeres geworfen und von dem Wale verschlungen, wiederum unversehrt auf Gottes Befehl auf die Erde ausgespieen wurde. Auch Ananias, Azarias und Misael wurden in den siebenfach geheizten Feuerofen geworfen und nahmen keinen Schaden, und keinen Brandgeruch fand man an ihnen. Die Hand Gottes also, die ihnen beistand und für die menschliche Natur Unglaubliches und Unmögliches an ihnen wirkte, was wäre es Wunderbares, wenn sie auch an den Versetzten Unglaubliches wirkte, den Willen Gottes des Vaters vollendend? Das aber ist der Sohn Gottes, wie nach der Schrift der König Nabuchodonosor sprach: „Haben wir nicht drei Männer in den Feuerofen geworfen? Und siehe, ich sehe vier gehen in der Mitte des Feuers, und der vierte ist ähnlich dem Sohne Gottes“. Also wird weder die 485Natur irgend eines geschaffenen Dinges noch die Schwäche des Fleisches stärker sein als der Wille Gottes. Denn nicht ist Gott den Geschöpfen, sondern die Geschöpfe sind Gott unterworfen. Und das All dient seinem Willen. Deswegen sagt auch der Herr: „Was unmöglich ist bei den Menschen, ist möglich bei Gott“. Wie es also den jetzigen Menschen, welche Gottes Wirken nicht kennen, unglaublich und unmöglich erscheint, daß ein Mensch so lange lebe — und dennoch lebten die Vorfahren so lange und leben die Versetzten — und daß sie aus dem Bauche des Wales und aus dem Feuerofen unverletzt hervorgegangen sind — und dennoch ist es geschehen, indem sie von der Hand Gottes hinausgeführt wurden, um seine Kraft zu offenbaren — so mögen auch jetzt einige, die die Kraft und die Verheißung Gottes nicht kennen, ihrem Heile widersprechen, weil sie glauben, daß Gott unmöglich die Körper wiedererwecken und ihnen ewige Fortdauer schenken könne; aber keineswegs wird der Unglaube solcher Menschen den göttlichen Glauben umwerfen.