§ 1
Und eine solche oder eine so große Heilsordnung vollzog er nicht durch fremde, sondern eigene Geschöpfe, auch nicht durch solche, die aus der Unwissenheit und dem Fehltritt ihren Ursprung genommen, sondern durch die, welche aus der Wesenheit und Kraft des Vaters ihre Wesenheit erhalten haben. Er war nicht so ungerecht, Fremdes zu begehren, noch so arm, daß er nicht vermochte, aus Eigenem seinen Geschöpfen das Leben zu geben, sondern er benutzte seine eigene Schöpfung zum Heil der Menschen. Wenn sie aus der Unwissenheit und dem Fehltritt hervorgegangen wäre, hätte sie ihn nicht tragen können. Denn daß das fleischgewordene Wort Gottes am Kreuze hing, haben wir vielfach gezeigt und auch die Häretiker bekennen den Gekreuzigten. Wie hätte nun die Emanation der Unwissenheit und des 522Fehltrittes den, der die Kenntnis des Universums besitzt und der Wahre und Vollkommene ist, tragen können? Oder, wie sollte die vor dem Vater verborgene und weit getrennte Schöpfung sein Wort tragen? Oder wenn sie von Engeln gemacht wäre, die entweder den allerhöchsten Gott kannten oder nicht kannten, wie wäre sie imstande gewesen, als Erzeugnis von Engeln den Vater und den Sohn zugleich zu tragen, da doch der Herr sagt: „Ich bin in dem Vater, und der Vater ist in mir“. Ist sie aber außerhalb des Pleroma, wie sollte die Schöpfung dann den fassen, der das ganze Pleroma umfaßt? Da also alle diese Annahmen unmöglich sind und keinen Beweis für sich haben, so ergibt sich als allein richtig die Predigt der Kirche, daß seine eigene Schöpfung, die aus der Kraft und Kunst und Weisheit Gottes subsistiert, ihn getragen hat, d. h. sein Wort. Unsichtbarer Weise freilich trägt sie der Vater, aber sichtbarer Weise trägt sie umgekehrt sein Wort, und das ist die Wahrheit.
§ 2
Der Vater nämlich, der die Schöpfung und sein Wort trägt, und das Wort, das vom Vater getragen wird, gibt den Geist allen, wie der Vater es will: dem einen, das nur erschaffen ist, daß es existiert, dem andern, das aus Gott geboren ist, daß es angenommen wird an Kindesstatt. So ergibt sich ein Gott Vater, der über alles und durch alles und in allem ist. Über allem nämlich ist der Vater, und er selbst ist das Haupt Christi; durch alles ist das Wort, und dies ist das Haupt der Kirche; in uns allen aber ist der Geist, und dieser ist „das lebendige Wasser“, das der Herr „allen gibt, die an ihn recht glauben“ und ihn lieben und wissen, daß „ein Vater, der da ist über allem und durch alles und in uns allen“. Hierfür zeugt auch Johannes, der Schüler des Herrn, der in seinem Evangelium also spricht: „Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies 523war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden“. Alsdann sagt er von dem Worte selbst: „In dieser Welt war es, und die Welt ist durch dasselbe gemacht worden, und die Welt hat ihn nicht erkannt. In sein Eigentum kam er, und die Seinigen haben ihn nicht aufgenommen. Soviele aber ihn aufnahmen, jenen gab er die Gewalt, Kinder Gottes zu werden, diesen, die glauben in seinem Namen“. Indem er aber hinweist auf seine Heilstat als Mensch, sagt er: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat in uns gewohnt.“ Und er fügt weiter hinzu: „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit wie die des Eingeborenen des Vaters, voll der Gnade und Wahrheit“. Deutlich zeigte er allen, die Ohren haben, d. h. die hören wollen, daß ein Gott Vater über allem ist und ein Wort Gottes, das durch alles ist, und durch das alles gemacht ist, daß diese Welt sein Eigentum und durch ihn nach dem Willen des Vaters gemacht ist, nicht aber durch Engel, oder durch Apostasie und Abfall oder Unwissenheit, noch durch irgend eine Kraft des Prounikos, den manche auch Mutter nennen, noch durch irgend einen anderen Weltenschöpfer, der den Vater nicht kannte.
§ 3
Denn der wahre Weltenschöpfer ist das Wort Gottes, d. h. unser Herr, der in den letzten Zeiten Mensch geworden ist. Obwohl er in der Welt ist, umfaßt er unsichtbarer Weise alles, was gemacht ist, und ist eng verbunden mit der gesamten Schöpfung, da das Wort Gottes alles leitet und ordnet, und deshalb kam er sichtbarer Weise und wurde Fleisch und hing am Holze, um alles in sich zu rekapitulieren. Und seine eigenen Menschen nahmen ihn nicht auf, wie Moses dies im Volke kundgetan hat: „Und es wird dein Leben vor deinen Augen hängen, und du wirst deinem Leben nicht glauben“. Die nun ihn nicht annahmen, empfingen nicht das Leben. So viele aber jenen aufnahmen, denen 524gab er die Gewalt, Söhne Gottes zu werden. Er ist es nämlich, der vom Vater alle Gewalt hat, da er das Wort Gottes und wahrer Mensch ist. Am Unsichtbaren nimmt er teil als Logos, und als Nous gibt er das Gesetz, daß alles in seiner Ordnung verharrt. Über das Sichtbare aber und Menschliche herrscht er sichtbar und zieht alles vor sein gerechtes Gericht, worauf David deutlich hinweist, wenn er sagt: „Unser Gott wird sichtbar kommen, und er wird nicht schweigen“. Und auf das Gericht, das er abhalten wird, weist er hin mit den Worten: „Feuer wird brennen in seinem Angesichte und rings um ihn ein gewaltiger Sturm, Er wird herbeirufen den Himmel oben und die Erde, zu richten sein Volk“.