§ 1
Wie also Christus in der Substanz des Fleisches auferstanden ist und seinen Jüngern die Male der Nägel und die Öffnung der Seite zeigte — das aber sind die Anzeichen des Fleisches, das von den Toten auferstand— so wird er auch uns, heißt es, auferwecken durch seine Kraft. Und abermals schrieb er an die Römer: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesum von den Toten auferweckte, in euch wohnt, so wird der, welcher Christum von den Toten auferweckte, auch eure sterblichen Körper lebendig machen“. Welches sind nun die sterblichen Körper? Etwa die Seelen? Aber die Seelen sind doch unkörperlich, wenigstens im Vergleich zu den sterblichen Körpern. „Es hauchte nämlich Gott in das Angesicht des Menschen den Hauch des Lebens, und es wurde der Mensch zur lebenden Seele“. Der Hauch des Lebens aber ist unkörperlich. Was aber der Hauch des Lebens ist, das können sie nicht für sterblich ausgeben. Deswegen sagt auch David: „Und meine Seele wird ihm leben“, da ja ihre Substanz gleichsam unsterblich ist Doch den Geist können sie auch nicht 489einen sterblichen Körper nennen. Was also bleibt noch übrig, das man einen sterblichen Körper nennen könnte, wenn nicht das Gebilde, d. h. das Fleisch, von dem es eben heißt, daß Gott es lebendig machen wird? Dies nämlich stirbt und löst sich auf, nicht aber die Seele oder der Geist. Denn sterben heißt, die lebendige Beweglichkeit verlieren, für immer ohne Atem, Seele und Bewußtsein bleiben und übergehen in das, woraus es entstanden ist. Das aber kann der Seele nicht zustoßen, denn sie ist der Hauch des Lebens; aber auch dem Geiste nicht, denn der Geist ist nicht zusammengesetzt, sondern einfach, kann nicht aufgelöst werden und ist selber das Leben derer, die ihn empfangen. So bleibt offenbar nur übrig, daß der Tod das Fleisch trifft, das nach dem Scheiden der Seele ohne Atem und leblos zurückbleibt und allmählich in die Erde sich auflöst, von der es genommen. Dieses also ist sterblich, und von diesem heißt es: „Er wird lebendig machen eure sterblichen Körper.“ Und deswegen heißt es von dem Fleische in dem ersten Korintherbriefe: „So ist auch die Auferstehung von den Toten, Gesät wird es in Verweslichkeit, und auferstehen wird es in Unverweslichkeit. Denn was du säst“, sagt er, „wird nicht lebendig, wenn es zuvor nicht stirbt“.
§ 2
Was aber wie ein Weizenkorn gesät wird und in der Erde verwest, das ist nichts anders als die Körper, die in die Erde gelegt werden, wie man Samen ausstreut. Deswegen sagt er auch: „Gesät wird es in Armseligkeit, auferstehen wird es in Herrlichkeit“. Denn was ist armseliger als totes Fleisch? Was wiederum herrlicher, als wenn es aufersteht und die Unverweslichkeit empfängt? Gesät wird es in Schwachheit, auferstehen wird es in Kraft: In seiner Schwachheit, da es aus der Erde stammt, geht es in die Erde; durch die Kraft Gottes aber wird es von den Toten auferweckt. Gesät wird ein animaler Leib, auferstehen wird ein 490geistiger Leib. Unzweifelhaft hat er dies nicht von der Seele, noch von dem Geiste, sondern von den sterblichen Körpern gesagt. Denn derart sind die animalen Körper, die an der Seele, der Anima, teilnehmen, daß sie durch den Verlust derselben sterben; wenn sie dann aber durch den Geist auferstehen, werden sie geistige Körper, sodaß sie durch den Geist immerwährendes Leben haben. „Jetzt nämlich“, heißt es, „erkennen wir stückweise und prophezeien stückweise, dann aber von Angesicht zu Angesicht“. Dasselbe sagt auch Petrus: „Ihr liebt ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr glaubt an ihn, obwohl ihr ihn jetzt nicht schaut; aber glaubend werdet ihr frohlocken in unaussprechlicher Freude“. Denn unser Angesicht wird schauen das Angesicht Gottes, des lebendigen, und wird sich freuen in unaussprechlicher Freude, wenn es nämlich seine Freude sieht.