§ 1
Wäre unser Lehrer, das Wort, nicht Mensch geworden, so hätten wir auf keine andere Weise lernen können, was Gottes ist. Denn kein anderer konnte uns vom Vater erzählen als sein eigenes Wort. „Wer hat nämlich sonst den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sonst sein Ratgeber geworden?“ Auch konnten wir es nicht anders lernen, als indem wir unsern Lehrer sahen und mit unsern Ohren seine Stimme hörten, auf daß wir „die Nachahmer seiner Werke und die Vollbringer seiner Worte geworden“, die Gemeinschaft mit ihm hätten, indem wir von dem Vollkommenen und dem, der vor aller Schöpfung da war, den Zuwachs empfingen. Wir sind ja eben erst geworden, von dem allein Guten und sehr Guten und dem, der Unvergänglichkeit schenken kann, nach seinem Ebenbild erschaffen, vorausbestimmt, zu sein, als wir noch nicht waren, nach dem Vorauswissen des Vaters, „zum Anfang der Schöpfung“ gemacht. So haben wir zur vorherbestimmten Zeit durch Vermittlung des Wortes, das in allem vollkommen ist, empfangen, daß er als das allmächtige Wort und wahrer Mensch mit seinem Blute uns rechtmäßig erlöst und sich zum Lösegeld für die hingegeben hat, die in die 475Gefangenschaft geführt waren. Da also die Herrschaft der Apostasie über uns nicht zu Recht bestand und wir von Natur des allmächtigen Gottes Eigentum waren, er also wider die Natur uns ihm entriß, indem er uns zu seinen Jüngern machte, so hat sich das in allem mächtige Wort Gottes, dessen Gerechtigkeit nicht nachläßt, mit Recht auch gegen die Apostasie erhoben und sein Eigentum davon erlöst. Aber nicht Gewalt wandte er an, wie sie im Anfang über uns herrschte, indem jener fremdes Eigentum unersättlich an sich riß, sondern bloßen Rat, wie es sich für Gott geziemt, der da rät, aber nicht zwängt, ihm zu folgen, damit das Recht nicht gebeugt würde und das Urgeschöpf Gottes nicht zugrunde ging. Da also mit seinem Blute der Herr uns erlöste und seine Seele für uns hingab und sein Fleisch für unser Fleisch, und da er den Geist des Vaters ausgoß, um den Menschen mit Gott auf das innigste zu verbinden, indem er in dem Menschen durch den Geist Gott niederlegte und durch seine Menschwerdung den Menschen in Gott hineinlegte, und da er wahrhaft und wirklich in seiner Ankunft durch die Gemeinschaft mit ihm Unvergänglichkeit schenkte — so sind verloren alle Lehren der Häretiker.
§ 2
Denn eitel sind, die da sagen, er sei nur dem Scheine nach erschienen. Nicht dem Scheine nach, sondern auf dem Untergrund der Wahrheit ist dies geschehen. Schien er aber bloß Mensch, ohne Mensch zu sein, so blieb er weder, was er in Wahrheit war — Geist Gottes, da ja der Geist unsichtbar ist, noch war überhaupt eine Wahrheit in ihm, da er das nicht war, was er schien. Wir haben aber schon vorher gesagt, daß Abraham und die übrigen Propheten ihn prophetisch schauten, das, was kommen sollte, in Gesichten verkündigend. Wäre er nun derartig erschienen, daß er das nicht war, was er schien, so ist den Menschen wieder nur irgend ein prophetisches Gesicht geworden und man muß noch eine andere Ankunft von ihm erwarten, wo er so sein wird, wie er jetzt nur prophetisch geschaut wird. Das aber würde heißen, wie wir bereits 476gesagt haben, daß er nur dem Scheine nach erschienen sei, und daß er nichts aus Maria angenommen habe. Denn nimmer besaß er in Wahrheit Fleisch und Blut, durch das er uns erlöste, wenn er in sich nicht das alte Gebilde Adams zusammenfaßte. Töricht also sind die Valentinianer, die solches lehren, um das Leben des Fleisches zu leugnen und das Geschöpf Gottes zu verwerfen.
§ 3
Töricht sind aber auch die Ebioniten, welche eine Vereinigung Gottes mit dem Menschen durch den Glauben nicht annehmen, sondern in dem alten Sauerteig der Schöpfung verharren. Denn sie wollen nicht einsehen, daß der Hl. Geist über Maria gekommen ist and die Kraft des Allerhöchsten sie überschattet hat, weswegen auch das Geborene heilig ist und der Sohn des höchsten Gottes, des Vaters von allem, der seine Menschwerdung bewirkte und die neue Zeugung darstellte, damit wir durch diese neue Zeugung das Leben ererbten, wie wir durch die alte den Tod geerbt haben. Es leugnen diese also die Mischung des himmlischen Weines und wollen nur das Wasser dieser Welt kennen, wenn sie Gott von der Vereinigung mit sich ausschließen. Sie verbleiben in dem Adam, der besiegt und aus dem Paradiese verstoßen wurde, und bedenken nicht, daß am Ende der Zeiten das Wort des Vaters und der Geist Gottes, vereint mit der alten Substanz des adamitischen Geschöpfes, den Menschen zum Leben und zur Vollendung führt, sodaß er den vollkommenen Vater aufnimmt, wie im Anfang unserer Erschaffung in Adam der Hauch des Lebens durch die Vereinigung mit dem Geschöpf den Menschen belebte und zu einem vernünftigen Wesen machte. So sollen wir also in dem geistigen Adam alle das Leben empfangen, wie wir in dem psychischen alle gestorben sind. Denn niemals entzog sich Adam den Händen Gottes, zu denen der Vater sprach: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis“. Und deswegen machen sie am 477Ende der Zeit nicht aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern nach dem Wohlgefallen des Vaters einen lebendigen Menschen, damit Adam nach dem Bilde und Gleichnis Gottes werde.