§ 1
Denn wie das Fleisch die Verweslichkeit annehmen kann, so auch die Unverweslichkeit, wie den Tod so auch das Leben. Diese aber folgen aufeinander und beide können nicht gleichzeitig bleiben, sondern das eine wird von dem anderen vertrieben. Wenn also der Tod von dem Menschen Besitz ergreift, vertreibt er das Leben von ihm, und offenbar ist er tot. Noch viel mehr vertreibt das Leben, wenn es vom Menschen Besitz ergreift, den Tod und stellt den Menschen lebend vor Gott 501hin. Wenn nämlich der Tod tötet, warum soll dann das Hinzutreten des Lebens den Menschen nicht lebendig machen? So sagt der Prophet Isaias: „Vernichtet hat er die Gewalt des Todes“. Und wiederum: „Gott nahm jede Träne von jedem Antlitz“. Verdrängt ist aber das alte Leben, da es nicht vom Geiste, sondern nur durch einen Hauch gegeben war.
§ 2
Der Hauch des Lebens, der den Menschen animalisch macht, ist nämlich etwas anders als der lebenspendende Geist, der den Menschen geistig macht. Und deswegen sagt der Prophet Isaias: „So spricht der Herr, der den Himmel gemacht und ihn gefestigt hat, der die Erde gegründet hat, und was in ihr ist, der den Hauch dem Volke gab, das auf ihr ist, und den Geist denen, die auf sie treten“. Der Hauch wurde also allem Volke zuteil, das auf der Erde ist, der Geist aber nur denen, die die irdischen Begierden niedertreten. Mit derselben Unterscheidung heißt es wiederum bei Isaias: „Der Geist nämlich wird von mir ausgehen, und allen Hauch habe ich gemacht“. Den Geist will Gott in den letzten Zeiten ausgießen, indem er das Menschengeschlecht an Kindesstatt annimmt; den Hauch aber gab er schon der gesamten Kreatur und Schöpfung. Zwischen Schöpfer und Geschöpf aber ist ein Unterschied; zeitlich ist der Hauch, ewig der Geist. Der Hauch wächst kurze Zeit und bleibt eine Zeit lang, dann zieht er ab und läßt leblos zurück, worin er früher weilte. Der Geist aber umgibt von innen und außen den Menschen, bleibt immer und verläßt ihn niemals. „Doch nicht zuerst ist das Geistige“, sagt der Apostel, nämlich mit Bezug auf uns Menschen, „sondern zuerst ist das Animale, dann das Geistige“. Versteht sich. Denn zuerst mußte der Mensch gebildet werden, dann empfing er die Seele, und schließlich nahm er die Gemeinschaft des Geistes auf. Deshalb „war der erste Adam vom Herrn zur lebendigen Seele gemacht, der zweite Adam zum lebenspendenden 502Geiste. Wie nun der, welcher zur lebenden Seele geworden war, sich zum Schlechteren abwandte und das Leben verlor, so wird ebenderselbe, wenn er sich zum Besseren zurückwendet, den lebenspendenden Geist aufnehmen und das Leben finden.
§ 3
Denn ebendasselbe, was starb, wird auch lebendig gemacht, was verloren war, wird gefunden, wie auch der Herr das Schaf suchte und fand, das verloren war. Was also starb denn nun? Doch nur die Substanz des Fleisches, die den Hauch des Lebens verloren hatte und leblos und tot geworden war. Diese nun lebendig zu machen, kam der Herr, damit wir, wie wir in Adam alle sterben, so wir animalisch sind, in Christo leben, so wir geistig sind, nicht indem wir das Gebilde Gottes ablegen, sondern die Begierden des Fleisches, und den Hl. Geist annehmen, wie der Apostel in dem Briefe an die Kolosser sagt: „Tötet also eure Glieder, die von der Erde sind!“ Was das bedeutet, hat er selber erklärt: Hurerei, Unreinigkeit, Leidenschaft, böse Begierde und Geiz, der Götzendienst ist. Indem der Apostel mahnt, diese abzulegen, verkündet er, daß die, welche solches tun, gleich als ob sie nur Fleisch und Blut wären, das Himmelreich nicht besitzen können. Da ihre Seele sich zum Schlechten hinwandte und in die irdischen Begierden hinabstieg, hat sie auch denselben Namen wie jene erhalten, und indem der Apostel uns befiehlt, diese abzulegen, sagt er wiederum in demselben Briefe: „Ziehet aus den alten Menschen mit seinen Werken!“ Womit er das alte Gebilde nicht aufheben wollte; sonst müssten wir uns ja das Leben nehmen, um von dem gegenwärtigen Leben loszukommen.
§ 4
Denn der Apostel selbst, der im Mutterschoße gebildet war und von dem Mutterleibe ausgegangen war, bekennt im Briefe an die Philipper: „Das Leben im Fleisch ist die Frucht meines Wirkens“. Die Frucht des Wirkens im Geiste ist das Heil des Fleisches. Was aber soll die sichtbare Frucht des unsichtbaren Geistes 503sein, wenn nicht dies, daß das Fleisch reif und fähig gemacht wird für die Unverweslichkeit! Wenn er also sagt: „Das Leben im Fleische ist mir die Frucht meines Wirkens“, dann hat er gewiß die Substanz des Fleisches nicht herabgesetzt mit den Worten: „Ziehet aus den alten Menschen mit seinen Werken!“ Er verkündete nur die Abschaffung des alten Wandels, der im Absterben ist, und fährt deshalb fort: „Und ziehet an den neuen Menschen, welcher erneuert wird für die Erkenntnis nach dem Ebenbilde dessen, der ihn erschaffen hat“. Mit den Worten: „Der erneuert wird für die Erkenntnis“, lehrte er, daß der früher so unwissende Mensch, d. i. nämlich in Bezug auf Gott, durch die Erkenntnis Gottes erneuert wird. Denn die Erkenntnis Gottes erneuert den Menschen. Und die Worte: „Nach dem Ebenbilde des Schöpfers“, sollen auf jenen Menschen rekapitulierend hinweisen, der im Anfang nach dem Ebenbilde Gottes gemacht war.
§ 5
Dies war aber gerade der Apostel, der nach seinen eigenen Worten im Mutterschoße, d. h. in der alten Substanz des Fleisches, erzeugt war, wie er im Galaterbriefe schreibt: „Als es aber Gott, der mich von dem Mutterschoße her abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn den Heiden verkündete .. .“. Der also aus dem Mutterschoße geboren war, war, wie wir bereits gesagt haben, kein anderer als der, welcher den Sohn Gottes verkündete. Der vorher in Unwissenheit die Kirche verfolgte, verkündete, nachdem er die himmlische Offenbarung erhalten und der Herr mit ihm gesprochen hatte, wie wir im dritten Buche gezeigt haben, als den Sohn Gottes Jesum Christum, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde. Seine frühere Unwissenheit wurde von der späteren Erkenntnis vertrieben, wie die Blinden, die der Herr geheilt hat, ihre Blindheit verloren und eine vollkommene Augensubstanz empfinge. Über dieselben Augen, mit denen sie früher nichts 504gesehen hatten, kam das Gesicht: die Finsternis wurde von den Augen vertrieben, die Wesenheit der Augen aber blieb dieselbe, damit sie, auf den Augen nun sehend, mit denen sie früher nicht gesehen hatten, dem, der ihnen das Gesicht wieder geschenkt hatte, Dank sagen sollten. Auch hat der, dessen trockene Hand geheilt wurde, und haben alle, die von ihm geheilt wurden, nicht neue Glieder empfangen, sondern die wurden gesund, welche sie von Anfang an bei der Geburt hatten.
§ 6
Das Wort Gottes, das alles erschaffen und im Anfang den Menschen gebildet hat, heilte sein Geschöpf von Grund aus, da es fand, daß es durch Arglist zu Fall gebracht war. Und zwar erneuerte er jedes einzelne Glied an seinem Gebilde und stellte auch den Menschen als Ganzes wieder heil und unversehrt her, indem er ihn für die Auferstehung vollkommen vorbereitete. Denn welchen Grund hätte er gehabt, die Glieder des Fleisches zu heilen und in ihren früheren Zustand zurückzuversetzen, wenn sie, die von ihm geheilt waren, nicht hätten gerettet werden sollen? War der Nutzen nämlich nur ein zeitlicher, dann war die Wohltat der Heilung nichts besonders Großes. Oder sollte das Fleisch des Lebens nicht fähig sein, das von ihm stammt, wo es doch von ihm geheilt wurde? Durch die Heilung kommt das Leben, durch das Leben aber die Unverweslichkeit zustande. Wer also Heilung bringt, verleiht auch das Leben, und wer das Leben verleiht, der umgibt auch sein Gebilde mit Unverweslichkeit.