§ 1
Viele Widersprüche und Schwierigkeiten ergaben sich also bei der Annahme ihres Pleroma und vorzüglich der ersten Achtheit. Doch nun wollen wir noch ihres Unverstandes halber auch das übrige betrachten und das suchen, was überhaupt nicht ist. Wir sind dazu gezwungen, weil uns die Sorge hierüber anvertraut ist, und weil wir wollen, daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Hast Du selbst doch verlangt, von uns jeden und allen Anhalt zu ihrer Widerlegung zu erhalten.
§ 2
Es fragt sich also: Wie wurden die übrigen Äonen hervorgebracht? Blieben sie vereint mit dem, der sie aussandte, wie etwa die Sonnenstrahlen mit der Sonne, oder verließen sie denselben und trennten sich von ihm, so daß jeder derselben seine eigne und besondere Gestalt hatte wie der Mensch vom Menschen und 140vom Tiere das Tier? Oder sproßten sie hervor wie die Zweige eines Baumes? Waren sie von derselben Substanz wie die, welche sie hervorgebracht, oder hatten sie ihre Substanz von einer anderen? Wurden sie alle in demselben Augenblick hervorgebracht, so daß sie alle gleich alt waren, oder waren einige von ihnen älter und andere jünger? Waren sie einfach und von einer Gestalt, in jeder Hinsicht sich gleich und ähnlich, wie Geister und Lichter ausgesandt wurden, oder waren sie zusammengesetzt und verschieden und ungleich in ihren Gliedern?
§ 3
Nehmen wir an, daß sie nach Art menschlicher Zeugung einzeln als Wirkungen ausgesandt wurden, dann werden die Sprößlinge des Vaters entweder seine Wesenheit haben und ihm ähnlich sein, oder, wenn sie ihm unähnlich sind, dann müssen sie notwendig aus einer andern Substanz bestehen. Sind aber die Sprößlinge des Vaters ihrem Erzeuger ähnlich, dann müssen sie, wie er, auch leidensunfähig sein. Bestehen sie aber aus einer andern leidensfähigen Substanz, woher kommt dann diese ungleichartige Substanz in das unvergängliche Pleroma? Bei dieser Auffassung muß dann jeder von ihnen einzeln und voneinander abgesondert gedacht werden, wie die Menschen, nicht vermischt, noch miteinander vereint, sondern von besonderer Gestalt und bestimmter Umgrenzung und gewisser Größe, ein jeder besonders gestaltet, was alles Eigenschaften des Körpers sind und nicht des Geistes. Also dürften sie das Pleroma nicht mehr geistig nennen, noch sich selbst geistig. Sitzen doch ihre Äonen wie Menschen mit dem Vater zu Tische und verraten ihn, der sie ausgesandt, als das, was sie selbst sind.
§ 4
Stammen aber die Äonen vom Logos, der Logos vom Nous, der Nous vom Bythos, wie z.B. Lichter vom Lichte oder Fackeln an der Fackel angezündet werden, dann werden sie zwar unter Umständen durch Abstammung und Größe sich voneinander unterscheiden, müssen aber derselben Wesenheit wie ihr Urheber sein, so daß sie entweder leidensunfähig bleiben wie der Vater, oder ihr Vater muß teilnehmen an ihren Leiden. So hat auch die Fackel, die von einer andern angezündet 141wurde, kein anderes Licht als die erste, und werden daher ihre Lichter vereinigt, so bilden sie wieder die ursprüngliche Einheit und werden wieder das eine Licht, das sie anfangs gewesen sind. Was aber jünger und was älter ist, kann man weder an dem Lichte selbst erkennen, weil doch das Licht ein Ganzes ist, noch an den Fackeln, die das Licht empfangen haben, weil die Fackeln alle die gleiche Beschaffenheit besitzen. Nur daß die einen vor kurzem, die andern aber soeben erst angezündet wurden.
§ 5
Da sie nun alle derselben Beschaffenheit sind, so wird entweder ihr gesamtes Pleroma mit dem Makel der Leidenschaft und Unwissenheit behaftet sein und sogar ihr Urvater, der sich selbst nicht kennt, — oder es werden alle Lichter innerhalb des Pleroma leidensunfähig verbleiben. Dann aber ist die Leidenschaft des jüngeren Äonen unerklärlich, wenn er, wie all die andern Lichter, Licht vom Vater ist, das natürlicherweise keiner Leidenschaft zugänglich war. Und wie kann man einen von den Äonen jünger oder älter nennen, da doch das gesamte Pleroma nur ein Licht hat. Doch wollte man sie auch Sterne nennen, so würden sie nichtsdestoweniger alle von derselben Beschaffenheit bleiben. Zwar ist ein Stern vom andern an Glanz verschieden, aber doch nicht an Beschaffenheit und Wesenheit, so dass der eine leidensfähig, der andere leidensunfähig wäre. Folglich müssen alle, da sie vom Lichte des Vaters stammen, von Natur leidensunfähig und unveränderlich sein — oder es müssen alle zusammen mit dem Lichte des Vaters leidensfähig, veränderlich und zerstörbar sein.
§ 6
Dieselbe Schlußfolgerung ergibt sich auch, wenn sie sagen, daß die Äonen vom Logos ausgegangen seien wie die Äste eines Baumes. Da der Logos von ihrem Vater abstammt, so werden sie ersichtlich alle dieselbe Wesenheit wie der Vater haben und höchstens durch ihre Größe, nicht aber durch ihre Natur sich voneinander unterscheiden und die Größe des Vaters ausmachen, wie die Finger eine Hand bilden. Befindet sich also der 142Vater in Leidenschaft und Unwissenheit, dann werden es freilich auch die Äonen sein, die von ihm abstammen. Ist aber diese Annahme gottlos, dann können die nicht mehr fromm heißen, welche einen von ihm ausgegangenen Äonen in Leidenschaft fallen lassen und sogar der Weisheit Gottes dieselbe Gottlosigkeit beilegen.
§ 7
Sollten se aber sagen, ihre Äonen seien wie die Strahlen von der Sonne ausgegangen, so müssen sie alle leidensfähig mit dem sein, der sie aussandte, da sie doch alle von derselben Wesenheit sind und von ebendemselben abstammen, oder es müssen alle leidensunfähig sein. Unmöglich nämlich ist es zu lehren, daß bei dieser Art von Emanation die einen leidensfähig, die andern leidensunfähig seien. Sind aber alle leidensunfähig, dann zerfällt ihr ganzes Lehrgebäude. Wie nämlich konnte der jüngere Äon in Leiden geraten, wenn alle leidensunfähig waren? Sollen aber alle an diesem Leiden ihren Anteil gehabt haben, wie einige kühn behaupten, daß es beim Logos begann und auf die Sophia überströmte, dann führen sie offenkundig das Leiden auf den Logos, den Verstand dieses Urvaters, also auf den Verstand des Urvaters und somit auf den Urvater selbst zurück. Denn der Vater ist nicht, gleich einem zusammengesetzten Lebewesen, etwas anderes als der Verstand, wie wir vorher gezeigt haben, sondern der Verstand ist Vater und der Vater Verstand. Also muß auch der, welcher vom Logos abstammt, ja vielmehr der Verstand selbst, da er der Logos ist, vollkommen und leidensunfähig sein, und ebenso müssen die von ihm ausgehenden Äonen vollkommen und leidensunfähig und immer dem ähnlich bleiben, der sie aussandte, da sie ja der gleichen Wesenheit wie er selber sind.
§ 8
Also kannte der Logos, in dritter Reihe vom Vater abstammend, den Vater, was jene leugnen. Das mag vielleicht bei menschlicher Abstammung wahrscheinlich sein, wie ja nicht selten die Eltern unbekannt sind; aber bei dem Logos des Vaters ist das durchaus unmöglich. Wenn er nämlich in dem Vater ist, dann erkennt er auch den, in dem er ist, d. h. sich selbst. Ebenso müssen die von ihm ausgehenden Äonen, die seine Kräfte sind und ihm immer beistehen, den erkennen, der sie von sich 143ausgesandt hat, wie die Sonne ihre Strahlen. Ebensowenig kann also auch die Sophia innerhalb des Pleroma, die auch zu den genannten Emanationen gehört, in Leiden geraten und so große Unwissenheit empfangen haben. Das wäre nur möglich bei der Weisheit des Valentinus. Diese kann, da sie vom Teufel ausging, allerdings in Leiden geraten und das Meer der Unwissenheit hervorgebracht haben. Wo man nämlich seiner Mutter das Zeugnis ausstellt, daß sie aus dem Fehltritt eines Äonen entsprungen sei, da braucht man keinen weiteren Grund zu suchen, warum die Söhne einer solchen Mutter fortwährend im Meere der Unwissenheit umherschwimmen.
§ 9
Damit wären, soweit ich sehe, alle Möglichkeiten der Emanationsart erschöpft, und ebensowenig konnten sie uns noch eine andere Möglichkeit angeben, so viele Unterredungen wir auch mit ihnen über diesen Punkt gehabt haben. Nur das geben sie noch an, daß jeder Äon allein den gekannt habe, von dem er selbst ausgegangen sei, nicht aber weiter hinauf. Sobald sie jedoch erklären sollen, auf welche Weise die Emanationen erfolgten, oder wie solches bei einem geistigen Wesen möglich ist, sitzen sie fest. Sofern sie sich nämlich weiter vorwagen, sind sie gezwungen, wider allen gesunden Verstand und die Wahrheit zu behaupten, daß der Logos, der von dem Nous ihres Urvaters ausgesandt wurde, bei seiner Emanation geringer geworden wäre. Der von dem vollkommenen Bythos ausgegangene vollkommene Nous hätte schon nicht mehr eine vollkommene Emanation hervorbringen können, sondern nur noch eine, die hinsichtlich der Erkenntnis und der Größe des Vaters blind gewesen sei, welches Geheimnis der Erlöser durch den Blindgeborenen angezeigt hätte: der blinde, von dem Eingeborenen ausgegangene Äon sei nämlich die Unwissenheit. So lügen sie Unwissenheit und Blindheit dem Worte Gottes an, das in zweiter Linie von dem Urvater ausging. O diese wunderbaren Weisheitslehrer und Erforscher der Tiefen des unbekannten Vaters und Erklärer der überhimmlischen Geheimnisse, „in welche die Engel zu schauen verlangen!“ 144Der vom Nous des allerhöchsten Vaters ausgegangene Logos ist blind gewesen, d. h. hat den Vater nicht gekannt, von dem er ausging!
§ 10
Wie konnte bloß, o ihr kläglichen Sophisten, der Nous des Vaters oder vielmehr der Vater selber, da er doch der Verstand selbst und vollkommen in allem ist, seinen Logos als unvollkommenen und blinden Äonen aussenden, wo er doch imstande war, auch sogleich mit ihm die Erkenntnis des Vaters auszusenden? Wenn Christus, der nach allen übrigen hervorgebracht wurde, vollkommen gewesen ist, um wieviel mehr muß dann der Logos, der doch älter als jener ist, von demselben Nous vollkommen hervorgebracht sein und nicht blind? Und wie konnte dieser noch blindere Äonen hervorbringen, als er selbst war, bis daß dann eure Weisheit für immer verblendet, eine so große Masse von Übeln hervorbrachte! Dieses Übels Ursache aber ist euer Vater, denn ihr sagt doch, daß die Größe und Kraft des Vaters der Grund der Unwissenheit seien, indem ihr ihn einem Abgrunde vergleicht und ihm den Namen des unnennbaren Vaters beilegt. Wenn aber die Unwissenheit ein Übel ist und nach eurer Erklärung alle Übel aus ihr entsprossen sind, ihre Ursache aber die Größe und Kraft des Vaters sein soll, dann erklärt ihr ihn zum Schöpfer der Übel. — Denn darin, daß er nicht die Größe des Vaters erfassen konnte, liegt nach euch die Ursache des Übels. Wenn es aber dem Vater unmöglich war, von vorneherein sich denen, die er erschaffen hatte, bekannt zu geben, dann war der schuldlos, der die Unwissenheit derjenigen nicht aufheben konnte, die nach ihm kamen. Wenn er aber später durch seinen Willen die immer weiter fortgeschrittene und den Äonen eingepflanzte Unwissenheit aufheben konnte, dann hätte er umsoweniger gestatten dürfen, daß die vorher noch nicht gewesene Unwissenheit entstand.
§ 11
Da also der Vater, sobald er wollte, nicht nur von den Äonen, sondern auch von den Menschen der jüngsten Zeiten erkannt wurde, wo er aber anfangs nicht wollte, unbekannt blieb, so ist die Ursache der Unwissenheit nach euch lediglich der Wille des Vaters. Wenn er nämlich das Kommende voraussah, warum hat er dann 145nicht lieber von vorneherein die Unwissenheit jener aufgehoben, als daß er gleichsam aus Reue nachher dafür durch die Aussendung Christi sorgte? Denn die Kenntnis, die er später durch Christus allen verlieh, die konnte er viel eher verleihen durch den Logos, der der Erstgeborene des Eingeborenen war. Wollte er aber von vorneherein dies so haben, dann müssen die Werke der Unwissenheit fortdauern und gehen niemals vorüber. Was nämlich aus dem Willen eures Urvaters entstanden ist, das muß auch mit seinem Willen fortdauern, oder wenn dies vorübergeht, dann geht auch damit der Wille dessen vorüber, der ihm das Dasein verliehen hat. Durch welche Wissenschaft denn gaben sich die Äonen zufrieden und erlangten die vollkommene Erkenntnis, wenn der Vater selbst unfaßbar und unbegreifbar ist? Konnten sie denn nicht ihre Erkenntnis auch erlangen, bevor sie in Leiden gerieten, oder wurde denn die Größe des Vaters verringert für die, die von Anfang an wußten, daß er unfaßbar und unbegreiflich ist? Blieb er nämlich wegen seiner unfaßbaren Größe unbekannt, dann hätte er auch wegen seiner unfaßbaren Liebe die vor Leiden bewahren müssen, die aus ihm geboren waren. Dem stand nicht nur nichts im Wege, sondern es wäre sogar viel besser gewesen, wenn sie gleich von Anfang erkannt hätten, daß der Vater unfaßbar und unbegreiflich ist.