§ 1
Dem könnte aber jemand entgegenhalten: Wie also, sind denn eitel und zufällig die verschiedenen Namen, die Wahl der Apostel, die Taten des Herrn und die Zusammensetzung der erschaffenen Dinge? Darauf wäre zu antworten: Keineswegs, sondern mit großer Weisheit und Sorgfalt, offenbar zweckmäßig und schon ist alles von Gott gemacht worden, sowohl das Alte als auch alles, was in den letzten Zeiten von seinem Worte gemacht worden ist; doch muß man dies nicht mit der Zahl dreißig, sondern mit dem innern Grunde oder der Ursache in Verbindung setzen. Über Gott Untersuchungen anzustellen auf Grund der Zahlen, Buchstaben und Silben, das ist etwas ganz Unzuverlässiges wegen ihrer vielfachen und verschiedenen Bedeutung. Auf diese Art könnte heute noch einer jeden Beweis führen mit den Zeugnissen, die der Wahrheit ins Gesicht schlagen, weil sie sich eben nach vielen Richtungen gebrauchen lassen. Die Zahlen selbst und alles Erschaffene müssen auf den wahren inneren Grund zurückgeführt werden. Nicht ist die Lehre aus den Zahlen, sondern die Zahlen sind aus der Lehre zu entnehmen; nicht resultiert Gott aus dem Erschaffenen, sondern das Erschaffene aus Gott. Denn alles stammt von ein und demselben Gott.
§ 2
Die mannigfache Verschiedenheit aber der erschaffenen Dinge läßt sich so erklären: In Bezug auf die 172ganze Schöpfung sind alle passend und wohlgeordnet, zueinander jedoch sind sie entgegengesetzt und nicht passend, so wie der Klang der Zither durch den Unterschied der verschiedenen Töne eine schöne Melodie hervorbringt, die aus vielen und entgegengesetzten Tönen besteht. Wer also die Wahrheit liebt, darf sich durch den Unterschied der verschiedenen Töne nicht verleiten lassen, für diese verschiedene Künstler und Urheber anzunehmen, so daß der eine die hohen, der andere die tiefen, der dritte die mittleren Töne gemacht habe, sondern ein und derselbe hat das ganze weise Werk schön und richtig, gut und prächtig hergestellt. Wer nun ihren Klang hört, der muß den Künstler loben und preisen, bei dem einen die Kraft bewundern, bei dem andern auf die Weichheit des Tones achten, bei dem dritten die Mischung von Kraft und Weichheit heraushören, ein andermal wieder die besondere Art und Bedeutung erwägen und ihre Ursachen aufsuchen. So wird man nie von der gegebenen Lehre abweichen, noch an dem Künstler irre werden, noch den Glauben an den einen Gott verwerfen, der alles gemacht hat, noch unsern Schöpfer lästern.
§ 3
Sollte einer aber auch nicht von allem, was er sucht, die Ursache finden, so möge er bedenken, daß er ein Mensch ist, der unendlich kleiner ist als Gott, nur stückweise die Gnade empfangen hat und seinem Schöpfer noch nicht gleich oder ähnlich ist und demgemäß nicht die Erfahrung oder Einsicht haben kann wie Gott. Um wieviel der Mensch von heute, der eben geworden ist, kleiner ist als der Unerschaffene und Unveränderliche, um soviel muß er auch an Wissenschaft und Kenntnis der innern Gründe aller Dinge kleiner sein als der Schöpfer. Nicht unerschaffen bist du, o Mensch, und lebtest nicht von Ewigkeit mit Gott, wie es dem Worte zukommt, sondern wegen seiner überströmenden Güte hast du jetzt einen Anfang genommen und lernst von seinem Worte den Heilswillen Gottes, der dich erschaffen.
§ 4
Halte also Ordnung in deinem Wissen und erhebe dich nicht über Gott selbst, indem du verkennst, was 173dir gut ist, denn du kannst ihn nicht übersteigen! Suche auch nicht, was über dem Demiurgen ist, denn du wirst es nicht finden! Unergründlich nämlich ist dein Schöpfer und über ihn hinaus sollst du keinen andern Vater dir erdenken, gleich als ob du diesen gänzlich durchmessen und seine Schöpfung durchwandert und seine Tiefe und Breite und Länge erfaßt hättest. Du wirst keinen über ihm dir erdenken können, sondern gegen die Natur denkend, wirst du unvernünftig werden und, wenn du darin verharrst, in Wahnsinn versinken, weil du dich für besser und höher hieltest als deinen Schöpfer, wähnend, daß du seine Reiche durchwandert hättest.