§ 1
Daß aber die Seelen nicht von einem Leibe in den andern übergehen, sondern fortdauern, sogar den 203besonderen Charakter des Körpers, zu dem sie gehörten, unverändert bewahren und sich der Werke erinnern, die sie hier vollbracht haben und schon nicht mehr tun können, das hat der Herr auf das deutlichste in jener Erzählung von dem Reichen und von Lazarus gelehrt, der im Schoße Abrahams ausruhte. Dort sagt er, daß der Reiche den Lazarus nach dem Tode erkannte und ähnlich auch den Abraham, und daß jeder von ihnen an seinem Orte verbleibe und jener bat, daß ihm Lazarus zu Hilfe geschickt werde, dem er nicht einmal von den Brosamen seines Tisches mitgeteilt hatte. Und aus der Antwort Abrahams ersehen wir, daß jener nicht nur über sich, sondern auch über den Reichen Bescheid wußte, und daß er befahl, dem Moses und den Propheten zu gehorchen, um nicht an jenen Ort der Strafe zu kommen, und die Botschaft desjenigen anzunehmen, der von den Toten auferstehen würde. Hierdurch ist deutlich erklärt worden, daß die Seelen nicht von Körper zu Körper übergehen, sondern fortdauern, die menschliche Gestalt beibehalten, um erkannt zu werden, und sich an die irdischen Dinge erinnern; daß ferner dem Abraham die Lehrgabe innewohnt, und daß auch schon vor dem Gerichte jede Menschenart den ihr gebührenden Wohnplatz erhält.
§ 2
Nun könnte jemand an dieser Stelle einwenden, es sei unmöglich, daß die Seelen, deren Existenz vor kurzem begonnen hätte, lange Zeit fortdauerten; sind sie unsterblich, dann müßten sie auch unerzeugt sein, haben sie aber durch Zeugung einen Anfang genommen, dann müßten sie auch mit dem Körper sterben. Darauf ist zu erwidern, daß ohne Anfang und ohne Ende, ganz unveränderlich und immer derselbe allein Gott der Allerhöchste ist, alles aber, was von ihm gemacht worden ist und gemacht wird, im Entstehen seinen Anfang nimmt und nach dem Willen seines Schöpfergottes fortdauert und sich in die Länge der Jahrhunderte erstreckt. Wie er ihnen in diesen Dingen die Existenz verlieh, so verleiht er ihnen auch hernach die Fortdauer.
§ 3
204Wie nämlich der Himmel über uns und das Firmament und Sonne und Mond und die übrigen Sterne mit all ihrer Pracht zuerst nicht waren und dann geworden sind und lange Zeit fortdauern nach dem Willen Gottes, so wird man logischerweise auch von den Seelen und Geistern und allem Gewordenen denken müssen. Das alles nahm einmal in seiner Existenz einen Anfang und dauert fort, solange Gott seine Existenz und Fortdauer will. Diese Lehre bezeugt auch der Geist des Propheten, der da spricht: „Er sprach, und es ward; er gebot, und es war erschaffen. Er hat es festgestellt in alle Ewigkeit“. Und wiederum sagt er von dem Menschen, der erlöst werden soll, also: „Um Leben bat er dich, und du gewährtest ihm die Länge der Tage ewiglich“. Somit schenkt der Vater aller in Ewigkeit Fortdauer denen, die gerettet werden. Nicht aus uns nämlich, noch aus unserer Natur ist das Leben, sondern gemäß der Gnade Gottes wird es uns gegeben. Wer deshalb das Geschenk des Lebens bewahrt und dankbar ist gegen den Geber, der wird in Ewigkeit die Länge der Tage empfangen. Wer es aber von sich wirft und seinem Schöpfer undankbar wird, keinen Dank dafür weiß, daß er geworden, und den Geber nicht erkennt, der beraubt sich selbst der Fortdauer in Ewigkeit. Deshalb spricht der Herr zu solchen Undankbaren: „Wenn ihr im Kleinen nicht getreu gewesen, was Großes wird man euch geben können?“. Das soll heißen: Wer in dem kurzen zeitlichen Leben undankbar gewesen ist gegen den, der es gab, wird gerechterweise von ihm in Ewigkeit die Länge der Tage nicht empfangen.
§ 4
Wie aber der von der Seele belebte Leib nicht die Seele selbst ist, sondern an ihr nur teilhat, solange Gott will, so ist auch die Seele nicht das Leben selbst, sondern nimmt nur teil an dem Leben, das ihr Gott verleiht. Daher spricht das prophetische Wort von dem ersten Menschen: „Er wurde zur lebendigen Seele“, indem 205es uns lehrte, daß die Seele erst durch die Teilnahme am Leben lebendig wurde; denn etwas anderes ist die Seele und etwas anderes das ihr verliehene Leben. Weil also Gott Leben und Fortdauer verleiht, darum können die Seelen, die zunächst nicht waren, fortdauern, wenn Gott will, daß sie sind und bestehen. Denn Gottes Wille muß alles beherrschen und lenken, alles übrige muß ihm folgen, dienen und gehorchen. — Soviel möge über die Erschaffung und Fortdauer der Seelen gesagt sein.