§ 1
Es läßt sich aber auch zeigen, daß schon ihre erste Emanationsreihe unhaltbar ist. Von dem Bythos und seiner Ennoia nämlich soll der Nous und die Aletheia ausgegangen sein — was offenkundig ein Widerspruch ist. Der Nous, der Verstand, ist nämlich das Erste 124und Höchste, gleichsam der Anfang und die Quelle alles Denkens. Die Vorstellung aber, die Ennoia, die von diesem ausgeht, ist irgend eine Tätigkeit des Verstandes in Betreff irgend einer Sache. Es stimmt also nicht, wenn man sagt, aus dem Bythos und der Ennoia sei der Nous ausgegangen, richtiger wäre es zu sagen, von dem Urvater und genannten Nous sei als Tochter die Ennoia ausgegangen. Denn keineswegs ist die Ennoia die Mutter des Nous, wie sie sagen, sondern der Nous ist der Vater der Ennoia. Wie soll auch der Nous, der Verstand, vom Vater ausgesandt sein, da er doch das Erste und Wesentlichste bei jedem innern und unsichtbaren Affekt bleibt, von dem das Denken ausgeht und die Vorstellung und die Überlegung und dergleichen! Sie sind nichts anders als der Verstand, sondern, wie gesagt, Tätigkeiten desselben, die sich auf irgend eine Denkfunktion erstrecken, verschieden benannt nach ihrer Dauer und Stärke, aber nicht nach ihrer Wesenheit, die da enden in einer Erkenntnis und anfangen in einem Begriff, während der Verstand selber innen verbleibt und wirkt und leitet und lenkt frei aus eigener Kraft und nach eignem Willen, wie wir oben gesagt haben.
§ 2
Seine erste Tätigkeit nämlich wird Ennoia, Vorstellung, genannt; dauert sie aber an und gewinnt Kraft und ergreift die ganze Seele, so nennt man sie Überlegung. Verharrt die Überlegung lange Zeit bei demselben Gegenstande, so nennt man das Nachdenken, und dieses Nachdenken, weiter ausgedehnt, wird zu einem Plane. Dieser Plan wird weiter hin- und herüberlegt und führt zu einem Entschlusse. Dieser Entschluß, noch immer im Geiste verbleibend, wird in Worte gekleidet, und so kann denn endlich das Wort seinen Ausgang nehmen. Aber all diese verschiedenen Bezeichnungen sind ein und dasselbe, sie nehmen vom Verstand ihren Anfang und erhalten nur nach ihrer Stärke verschiedene Benennungen. In gleicher Weise bekommt auch der Leib verschiedene Namen, je nachdem er jugendlich, mannbar oder greisenhaft ist, aber sein Wesen verändert sich nicht, noch geht er verloren. Denn was einer überlegt, das denkt er; was er denkt, das sinnt er; was er sinnt, das plant er; was er plant, das erwägt er im 125Geiste; was er im Geiste erwägt, das spricht er. Aber all diese Funktionen leitet, wie gesagt, der Verstand, der selbst unsichtbar ist und von sich, wie gesagt, einem Strahle gleich das Wort aussendet, aber nicht von einem andern ausgesandt wird.
§ 3
Das trifft wenigstens bei den Menschen zu, die von Natur aus zusammengesetzt sind und aus Leib und Seele bestehen; wenn nun jene sagen, daß aus Gott die Ennoia ausgesandt sei, von der Ennoia der Nous und darauf von diesen der Logos, dann muß man ihnen vorhalten, daß sie hier doch den Begriff Emanation in ganz übertragenem Sinne anwenden, indem sie zwar die menschlichen Affekte, Leidenschaften und Absichten der Seele beschreiben, Gott aber nicht kennen. Was beim Menschen dem Sprechen vorausgeht, kann man nicht auf Gott übertragen, von dem sie doch selbst sagen, daß er allen unbekannt sei. Um ihn nicht zu klein sich vorzustellen, leugnen sie, daß er die Welt erschaffen habe, beschenken ihn aber mit den Affekten und Leidenschaften der Menschen. Würden sie die Schrift kennen und von der Wahrheit belehrt sein, so würden sie wissen, daß Gott nicht wie ein Mensch ist, und daß seine Gedanken nicht sind wie die Gedanken der Menschen. Weit entfernt ist Gott von den menschlichen Leidenschaften und Affekten. Einfach ist er und nicht zusammengesetzt, in allen Teilen und im Ganzen sich selbst ähnlich und gleich, da er ganz Verstand, ganz Geist, ganz Empfinden, ganz Vorstellung, ganz Vernunft, ganz Gehör, ganz Auge, ganz Licht und ganz die Quelle aller Güter ist. So geziemt es sich für die religiösen und frommen Seelen von Gott zu sprechen,
§ 4
Er ist aber mehr als dies und deswegen unaussprechlich. Sein Verstand wird nämlich gut und recht als allumfassend bezeichnet, aber dem menschlichen Verstande ist er nicht ähnlich. Auch Licht wird er ganz mit Recht genannt, aber unserm Lichte ist er nicht ähnlich. So wird der Vater aller auch in den übrigen Beziehungen keiner der menschlichen Kleinigkeiten 126ähnlich sein. Demgemäß nennen wir ihn Vater wegen seiner Liebe, aber gemäß seiner Größe geht er über unsere Vorstellung hinaus. Wenn also schon bei den Menschen der Verstand nicht ausgesandt wird, noch von dem lebendigen Organ sich trennt, wo alles von ihm ausgeht, und nur seine Tätigkeiten und Affekte in die Erscheinung treten, dann wird noch viel weniger bei Gott, der ganz Verstand ist, dieser von ihm irgendwie getrennt werden, noch irgend etwas anderes von einem andern ausgesandt werden.
§ 5
Stellt man sich nämlich den Verstand als eine Emanation vor, dann muß man sich den, der ihn von sich aussendet, zusammengesetzt und körperlich denken, damit Gott, der ihn aussendet, und der Verstand, der ausgesandt wird, voneinander gesondert seien. Lassen sie aber den Verstand von dem Verstande Gottes emanieren, so trennen und sondern sie den Verstand von Gott. Doch wohin und von wo soll er ausgegangen sein? Was nämlich von jemandem ausgesandt wird, muß in etwas Vorhandenes ausgesandt werden. Was aber war denn vor dem Verstande Gottes da, daß es dahin hätte ausgesandt werden können? Und wo war denn ein so gewaltiger Ort, daß er Gottes Verstand hätte aufnehmen und fassen können? Wenn sie nun zum Vergleich auf den Sonnenstrahl hinweisen, so muß doch, wie hier die Luft, die ihn aufnimmt, älter ist als der Strahl, auch hier irgend ein Substrat nachgewiesen werden, wohin der Verstand Gottes ausgesandt wird, das ihn aufnehmen kann und älter als er ist. Und wie ferner die Sonne, welche ihre Strahlen von sich aussendet, augenscheinlich kleiner ist als das All, so werden sie auch vom Urvater sagen müssen, daß er seinen Strahl nach außen und weit von sich ausgesandt habe. Was aber kann außerhalb und fern von Gott gedacht werden, wohin er seinen Strahl entsandte?
§ 6
Sagen sie aber, die Emanation liege nicht außerhalb des Vaters, sondern innerhalb, dann ist es zunächst zwecklos, von einer Emanation zu reden. Wie soll auch der Verstand ausgesandt sein, wenn er innerhalb des Vaters verbleibt? Durch die Aussendung erscheint doch das Ausgesandte in- und außerhalb des Aussendenden. 127Alsdann wird nach seiner Aussendung auch der von ihm stammende Logos innerhalb des Vaters sein und ähnlich auch die übrigen Äonen. Sind sie alle aber innerhalb des Vaters, dann kann er ihnen nicht unbekannt sein, noch kann sich der Grad ihrer Erkenntnis nach der Reihenfolge ihrer Emanation abstufen, da sie alle von allen Seiten in gleicher Weise vom Vater umgeben sind. Aber auch leidensunfähig werden alle in gleicher Weise verbleiben, da sie im Schoße des Vaters sind, und keiner wird kleiner sein als der andere. Denn in dem Vater gibt es keine Verkleinerung, wie in einem großen Kreise vielleicht ein kleinerer und in diesem wiederum ein kleinerer enthalten ist, oder es sei, daß der Vater nach Art einer Kugel oder eines Vierecks in seinem Innern die Emanation der Äonen aufgenommen habe, von denen ein jeder teils von dem größeren eingeschlossen wird, teils den kleineren umgibt. Dann würde allerdings der kleinste und der letzte, der in der Mitte sich befindet und am weitesten vom Vater entfernt ist, den Urvater nicht kennen. Wenn sie aber dies behaupten, dann schließen sie ihren Bythos in Gestalt und Grenzen ein, da er etwas umgibt und von etwas umgeben wird, und können sich dieser Schlußfolgerung nicht entziehen. Dann sind wir wieder bei der unendlichen Kette des Einschließens und Eingeschlossenwerdens angelangt, und alle Äonen sind offenbar nichts anders als eingeschlossene Körper.
§ 7
Weiter werden sie zugeben, daß der Vater entweder leer ist oder das Weltall in sich enthält. Dann werden alle Äonen in gleicher Weise am Vater teilnehmen. Wie wenn jemand im Wasser Kreise macht oder runde oder viereckige Figuren, all diese teilnehmen am Wasser, und wenn jemand etwas in der Luft macht, dies notwendig teilnimmt an der Luft, und im Lichte am Lichte — so werden auch die, welche im Vater sind, alle in gleicher Weise teilnehmen am Vater, und Unwissenheit hat bei ihnen keinen Platz. Wie könnten sie sonst teilnehmen an dem alles erfüllenden Vater? Wenn er sie aber erfüllt, kann in ihnen keine Unwissenheit sein. So zerfällt ihre Mühe der Abstufung, die Aussendung der Materie und ihr übriger Weltenbau, der 128sein Dasein aus der Leidenschaft und Unwissenheit empfangen haben soll. — Lassen sie aber den Vater inwendig leer sein, dann verfallen sie ja in die größte Gotteslästerung und leugnen seine geistige Wesenheit. Denn wie soll der geistig sein, der nicht einmal das erfüllt, was in ihm ist!
§ 8
Was wir über die Aussendung des Verstandes gesagt haben, läßt sich auch gegen die Basilianer und gegen die übrigen Gnostiker anwenden, sie empfingen ja den Anstoß zu der Emanationslehre von ihnen und sind im ersten Buche widerlegt worden. —
Unannehmbar und unmöglich ist also ihre erste Emanation, die des Nous oder des Verstandes. Das haben wir soeben handgreiflich bewiesen. Wir gehen nun zu den übrigen über. Von dem Nous nämlich lassen die Werkmeister dieses Pleroma den Logos und die Zoe ausgehen. Nun nimmt zwar bei der Tätigkeit des Menschen der Logos, d. h. das Wort, von dem Verstande seinen Ausgang; doch darf man nicht glauben, etwas Großes erfunden zu haben, wenn man sagt, der Logos gehe aus vom Nous, indem man diese dunklen Ausdrücke auf Gott anwendet. Denn das wissen ja doch alle, daß dies bei den Menschen zutrifft, jedoch bei dem allerhöchsten Gott hat dieses Abhängigkeitsverhältnis keine Statt, da er ganz Verstand und ganz Wort ist, wie wir soeben gesagt haben, und bei ihm nichts früher oder später noch vom andern unterschieden, sondern alles sich gleich und ein und dasselbe verbleibt. Ohne einen Fehler zu begehen, kann man Gott ganz Gesicht und ganz Gehör nennen, denn worin er sieht, darin hört er auch, und worin er hört, darin sieht er auch. Ebenso gut kann man auch sagen, er sei ganz Verstand und ganz Wort, denn worin der Verstand ist, darin ist auch das Wort, und sein Wort ist derselbe Verstand. Zwar ist das von Gott zu gering gesprochen, aber immerhin doch noch geziemender, als wenn man die Entstehung des gesprochenen Menschenwortes auf das ewige Wort Gottes überträgt und ihm dieselbe Entstehung und denselben Ursprung beilegt wie dem eigenen Worte. Denn worin soll sich noch das Wort Gottes, oder vielmehr Gott selber, da er doch das Wort ist, von dem Worte 129der Menschen unterscheiden, wenn es auf dieselbe Weise entstanden und ausgesandt ist!
§ 9
Gefehlt haben sie auch in Betreff der Zoe, des Lebens, indem sie diesem den sechsten Platz anweisen, wo ihm der allererste gebührt, da Gott das Leben, die Unvergänglichkeit und Wahrheit ist. Aber diese und ähnliche Begriffe sind nicht nacheinander von Gott ausgegangen, sondern sind nur Namen für jene Vollkommenheiten, die zu Gott immer gehören. Denn unvollkommen und inadäquat ist alles, was wir von Gott hören oder sagen. In dem Worte Gott sind einbegriffen Verstand und Wort und Leben und Unvergänglichkeit und Wahrheit und Weisheit und Güte und seine andern Eigenschaften. Den Verstand kann man nicht älter nennen als das Leben, denn sein Verstand ist das Leben, noch kann man das Leben jünger nennen als den Verstand, sonst käme noch heraus ein Weltverstand, d. h. ein Gott, ohne Leben. Sollten sie aber sagen, das Leben sei allerdings in Gott, aber erst an sechster Stelle hervorgebracht, damit das Wort lebe, dann hätte es wenigstens bereits an vierter Stelle hervorgebracht werden müssen, damit auch der Nous lebe, oder sogar noch vor diesem mit dem Bythos, damit ihr Bythos lebe. Ja, wenn man zu dem Urvater die Stille hinzuzählt und ihm diese zur Gemahlin gibt, die Zoe, das Leben, aber ausläßt, dann begeht man doch fürwahr eine unübertreffliche Torheit!
§ 10
Hinsichtlich der folgenden Emanation, der des Menschen und der Kirche, widersprechen sich ihre Väter, die fälschlich sogenannten Gnostiker, gegenseitig, betrachten dieselbe als ihr geistiges Eigentum und schimpfen einander Diebe. Es sei dem Emanationsgedanken entsprechender und darum wahrscheinlicher, daß aus dem Menschen das Wort, und nicht aus dem Wort der Mensch hervorgegangen sei, vor dem Worte sei der Mensch gewesen und dies sei der höchste Gott. Indem sie also auch hier, wie gesagt, die menschlichen Affekte, die seelischen Vorgänge, die Entstehung der Absichten und Worte als wahrscheinlich vermuten, lügen sie ganz Unwahrscheinliches gegen Gott. Denn wenn sie menschliche Vorgänge und ihre eigenen Leidenschaften auf den 130göttlichen Verstand übertragen, dann mögen sie bei denen, die Gott nicht kennen, Zustimmung finden und durch diese menschlichen Leidenschaften sie berücken, wenn sie der Entstehung und Aussendung des göttlichen Wortes den fünften Platz anweisen und wunderbar tief und unaussprechliche Geheimnisse vorzutragen behaupten, die keinem andern bekannt seien. Von diesen habe der Herr gesagt: „Suchet, so werdet ihr finden“. Deshalb suchten sie, wer aus dem Bythos und der Sige, aus dem Nous und der Aletheia hervorgegangen sei, ob aus diesen wiederum der Logos und die Zoe, und alsdann aus dem Logos und der Zoe der Mensch und die Kirche stammen.