§ 1
Im folgenden zeigen wir, daß sie die Gleichnisreden und Handlungen des Herrn ohne Grund und Ursache ihrer Dichtung einverleiben. Das Leiden, welches den zwölften Äonen betroffen hat, sagen sie, sei dadurch angedeutet, daß das Leiden des Erlösers von dem zwölften Apostel ausging und im zwölften Monate sich ereignete. Nur ein Jahr nämlich soll der Erlöser nach der Taufe gepredigt haben. Auch in der blutflüssigen Frau sei jene Tatsache angedeutet, denn zwölf Jahre hatte sie gelitten und durch die Berührung des Rocksaumes hätte sie von jener vorzüglichen Kraft, die vom Erlöser ausging, Heilung erlangt. Das sei jene leidende Kraft, die sich ausdehnte, in die Unendlichkeit überfloß, so daß sie in Gefahr geriet, in die Allsubstanz aufgelöst zu werden, und erst stehen blieb und vom Leiden befreit wurde, als sie die erste Vierheit, die durch den Rocksaum bezeichnet wird, erreicht hatte.
§ 2
155Das Leiden des zwölften Äonen also soll durch Judas angezeigt werden. Doch wie kann Judas, der aus der Zwölfzahl ein für allemal ausgestoßen wurde, zu einem Vergleich herangezogen werden? Der Äon, dessen Abbild Judas sein soll, wurde nach der Abstoßung der Enthymesis wieder aufgenommen — Judas aber wurde abgesetzt und ausgestoßen und an seiner Stelle wurde Matthias geweiht, wie geschrieben steht: „Sein Vorsteheramt soll ein anderer erhalten“. Soll also Judas das Abbild des zwölften Äonen sein, dann hätten sie sagen müssen, auch dieser sei aus dem Pleroma ausgestoßen, und an seiner Stelle sei ein anderer hervorgebracht oder ausgesandt worden. Ferner: der Äon soll gelitten haben, Judas übte den Verrat, Christus aber kam zu dem bitteren Leiden, wie sie selbst eingestehen, und nicht Judas. Wie kann also Judas, der den verriet, der, um uns zu erlösen, leiden mußte, Abbild und Gleichnis des leidenden Äonen sein?
§ 3
Weiter kann man das Leiden Christi und das des Äonen nicht gleich oder ähnlich nennen. Der Äon erlitt Auflösung und Verlust, so daß er bei seinem Leiden in Gefahr kam, zugrunde zu gehen. Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. Der Äon litt, indem er den Vater suchte und ihn nicht finden konnte; unser Herr litt, um die, welche vom Vater abgeirrt waren, zur Erkenntnis und in den Schoß des Vaters zurückzuführen. Jener geriet ins Verderben, weil er die Größe des Vaters suchte? Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. Als Frucht seines Leidens brachte der Äon einen, weiblichen, kraftlosen, schwachen, gestaltlosen und untätigen Samen hervor; sein Leiden brachte uns Kraft und Stärke. Indem der Herr durch sein Leiden „in die Höhe fuhr, führte er die Gefangenschaft gefangen, brachte Gaben den Menschen“ und gab denen, die an ihn glauben, die Kraft, über Schlangen 156und Skorpionen und über alle Kraft des Bösen, d. h. über den Fürsten der Apostasie dahinzuschreiten. Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt. Ihr Äon aber hat dafür die Unwissenheit eingesetzt und ein gestaltloses Wesen geboren, aus dem nach ihnen alle irdischen Werke hervorgingen, der Tod, die Vergänglichkeit, der Irrtum und alles Ähnliche.
§ 4
Also war weder Judas als der zwölfte Apostel, noch das Leiden unseres Herrn das Abbild des leidenden Äonen. Keine Gleichheit oder Ähnlichkeit ist in den genannten Stücken zu finden, noch in ihrer Zahl. Daß Judas der zwölfte Apostel gewesen ist, darin stimmen alle nach dem Evangelium überein; der Äon ist nicht der zwölfte, sondern der dreißigste. Denn nach ihrer Lehre sind weder bloß zwölf Äonen hervorgebracht, noch dieser an zwölfter Stelle, sondern an dreißigster Stelle lassen sie ihn hervorgegangen sein. Wie kann also der an zwölfter Stelle stehende Judas das Abbild und Gleichnis jenes Äonen sein, der der Reihenfolge nach der dreißigste ist?
§ 5
Wenn sie aber sagen, daß der zugrunde gehende Judas ein Abbild ihrer Enthymesis sei, so wird dennoch das Abbild keineswegs ihrer Wahrheit gleichen. Die von dem Äonen ausgestoßene Enthymesis nämlich, die von Christus später gestaltet und dann von dem Erlöser klug gemacht wurde und die alles, was außerhalb des Pleroma ist, nach dem Ebenbilde der im Pleroma befindlichen Dinge gestaltete, wurde zuletzt in das Pleroma wieder aufgenommen und paarweise mit dem Erlöser verbunden, der aus allem gemacht war. Judas aber, einmal ausgestoßen, wurde nie wieder in die Zahl der Jünger aufgenommen, sonst könnte nie ein anderer an seiner Stelle gezählt worden sein. Sagt doch von ihm der Herr: „Wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird“ und „es wäre ihm besser, wenn 157er nie geboren wäre“ und er nennt ihn den „Sohn des Verderbens“. Soll nun aber Judas nicht das Abbild der Enthymesis sein, sondern vielmehr des mit ihr verbundenen Leidens, dann stimmen die Zahlen wiederum nicht überein. Dieser Judas nämlich wurde hinausgeworfen und an seine Stelle Matthias gesetzt; dort aber haben wir den Äonen, der in Gefahr geriet, aufgelöst zu werden und unterzugehen, die Enthymesis und das Leiden, denn diese drei unterscheiden sie voneinander, indem sie den Äonen wieder eingesetzt werden lassen, der Enthymesis Gestalt verleihen und das Leiden, von diesen getrennt, zur Materie machen. Da demnach hier drei sind, der Äon, die Enthymesis und das Leiden, Judas und Matthias aber nur zwei sind, so können sie nicht das Abbild sein.