§ 1
Wie sollte es nicht töricht sein, wenn jene behaupten, daß die göttliche Weisheit in Unwissenheit, Verkleinerung und Leiden gewesen sei! Fremd ist dies alles der Weisheit und entgegengesetzt und hat in ihr keinen Platz. Wo die Voraussicht fehlt und die Kenntnis des Nützlichen, da ist doch keine Weisheit! Mögen sie also aufhören, den gefallenen Äonen Sophia zu nennen! Entweder mögen sie diese Bezeichnung oder ihren Fehltritt fallen lassen. Auch dürfen sie das gesamte Pleroma nicht geistig nennen, wenn sie lehren, daß in 146ihm der arme Äon sich aufgehalten hat, als er in so große Leidenschaft geriet. Das wird nicht einmal eine starke Seele ertragen, geschweige denn eine geistige Substanz.
§ 2
Wie konnte ferner die Enthymesis mit der Leidenschaft durchgehen und von dem Äonen sich loslösen? Die Enthymesis kann man sich doch nur denken als ein Akzidens und niemals als eine besondere Substanz. Denn ausgetrieben und verschlungen wird die böse Enthymesis von der guten, wie die Krankheit von der Gesundheit. Welcher Art war denn die Enthymesis vor ihrem Leiden? Den Vater zu erforschen und seine Größe zu betrachten. Was aber hat sie später erkannt, so daß sie genas? Daß der Vater unfaßbar und unauffindbar ist. Also war es für sie nicht gut, daß sie den Vater erkennen wollte, und deswegen geriet sie in ihr Leiden. Als sie sich aber überzeugt hatte, daß der Vater unauffindbar ist, da genas sie! Da hat denn wohl der Nous selber, der Verstand aufgehört, den Vater fürderhin zu suchen, indem er erkannte, daß der Vater unfaßbar ist.
§ 3
Wie ferner konnte die Enthymesis nach ihrer Trennung von dem Äonen noch Leiden erdulden, die ihrerseits wieder ihre Affekte waren? Der Affekt ist doch auch nur ein Akzidens, das keine selbständige Existenz besitzen kann. Das ist nicht nur haltlos, sondern widerspricht auch dem Worte des Herrn: “Suchet und ihr werdet finden“. Indem der Heiland seine Schüler lehrt, den Vater zu suchen und zu finden, führt er sie zur Vollkommenheit. Ihr Christus, der von oben ist, verbietet den Äonen, den Vater zu suchen, indem er sie belehrt, daß sie ihn trotz aller Mühe nicht finden werden, und macht sie auf diese Weise vollkommen. Sich selbst nennen sie vollkommen, weil sie ihren Bythos gefunden haben wollen — die Äonen aber deshalb, weil diese gelernt haben, daß unergründbar ist, der von ihnen gesucht wurde.
§ 4
Da nun also die Enthymesis, losgetrennt von einem Äonen, nicht existenzfähig ist, so bringen sie eine 147noch größere Lüge auf über ihr Leiden, indem sie dieses wiederum loslösen und trennen und als eine besondere materielle Substanz hinstellen, gleich als ob Gott nicht das Licht wäre, noch der Logos da wäre, der sie Lügen strafen, und ihre Bosheit aufdecken könnte. Was nämlich der Äon fühlte, das litt er auch, und was er litt, das fühlte er auch. Nach ihnen nämlich war die Enthymesis, die Begier, nichts anders als das Leiden des Äonen, der gedachte, den Unbegreiflichen zu begreifen, und diese Begier war sein Leiden, denn er begehrte eben Unmögliches. Wie konnte man also den Affekt und das Leiden voneinander trennen und zu einer ganz materiellen Substanz machen, da doch die Enthymesis selbst ein Leiden war und das Leiden eine Enthymesis? Also kann die Enthymesis weder ohne Äonen, noch können die Affekte ohne die Enthymesis eine besondere Substanz haben, und aufgelöst also ist hier wiederum ihr Lehrgebäude.
§ 5
Wenn nun der Äon derselben Wesenheit wie das Pleroma war, und das Pleroma gänzlich aus dem Vater stammt, wie konnte er dann aufgelöst werden und leiden? Ähnliches nämlich löst sich in Ähnlichem nicht in Nichts auf, noch läuft es Gefahr unterzugehen, sondern verharrt vielmehr und wächst beständig wie Feuer im Feuer, Geist im Geist, Wasser im Wasser. Und umgekehrt wird Gegensätzliches durcheinander beeinträchtigt, aufgehoben, vernichtet. Demgemäß konnte die Emanation des Lichtes im gleichen Lichte nicht abgeschwächt werden, noch untergehen, sondern mußte vielmehr aufleuchten und sich steigern wie der Tag vom Sonnenlichte. Soll doch der Bythos das Abbild ihres Vaters sein! Tiere, die einander fremd, entgegengesetzt und verschieden sind, gefährden und vernichten einander, wohingegen verwandte und bekannte Tiere keine Gefahr füreinander bilden, wenn sie in demselben Raume sich aufhalten, sondern infolgedessen Unterstützung und Leben empfangen. Hätte also die Emanation des Äonen dieselbe Wesenheit wie das gesamte Pleroma, aus dem es stammt, so könnte er niemals irgend eine Verringerung erdulden, da er sich ja in dem ihm gleichen und gewohnten Element befindet als Geist im 148Geistigen. Furcht, Entsetzen, Leiden, Zerstörung und anderes derart gehen wenigstens in unsern körperlichen Verhältnissen von uns entgegengesetzten Wesen aus, in geistigen Wesen aber, über die das göttliche Licht ausgegossen ist, haben derartige Mißstände keinen Platz. Mir scheint, der verhaßte Liebhaber des Komikers Menander hat für diesen Äonen das Vorbild abgegeben. Denn die, welche sich solches erdachten, haben mehr einen unglücklich Liebenden im Sinne gehabt und dargestellt denn ein Wesen von göttlicher und geistiger Substanz.
§ 6
Weiterhin konnte der Gedanke, den vollkommenen Vater zu suchen, und der Wunsch, in ihn hinein zu gelangen und von ihm einen Begriff zu bekommen, unmöglich Leiden und Unwissenheit einbringen, zumal bei einem geistigen Äonen, sondern doch nur Vollendung, Leidensunfähigkeit und Wahrheit. Wenn jene, die doch nur Menschen sind, über den, der vor ihnen ist, nachdenken und ihn gleichsam als den Vollkommenen schon begreifen, und in seine Kenntnis eingedrungen sind, dann sagen sie doch keineswegs von sich, daß sie sich im Leiden der Verwirrung befänden, sondern vielmehr in der Erkenntnis und Erfassung der Wahrheit. Lassen sie doch den Heiland sein: „Suchet und ihr werdet finden“ deswegen sprechen, damit sie den von ihnen erdachten, über dem Schöpfer des Weltalls stehenden, unaussprechlichen Bythos suchen sollten. Sie selbst also wollen als die Vollkommenen gelten, weil sie den Vollkommenen gesucht und gefunden haben, obschon sie noch auf Erden sind; der ganz geistige Äon aber, der innerhalb des Pleroma ist, soll in Leiden geraten sein, als er den Urvater suchte, in seine Größe einzudringen wagte und einen Begriff von der Wahrheit des Vaters zu erhalten verlangte. Und dies Leiden soll so groß gewesen sein, daß er in diese allgemeine Substanz aufgelöst und vernichtet worden wäre, wenn ihm nicht die alles befestigende Kraft begegnet wäre.
§ 7
Verrückt ist diese Annahme, und allen Sinn für Wahrheit müssen jene Menschen verloren haben. Nach ihrem Eingeständnis und ihrer Genealogie ist dieser Äon besser und älter als sie, da sie die Frucht der Begierde des in Leidenschaft geratenen Äonen sind, so dass 149dieser der Vater ihrer Mutter, d. h, ihr Großvater ist. Nun brachte seinen späteren Nachkommen, wie sie sagen, das Suchen nach dem Vater Wahrheit, Vollendung, Befestigung, Loslösung von der vergänglichen Materie, Versöhnung mit dem Vater; ihrem Großvater aber das nämliche Suchen Unwissenheit, Leiden, Schrecken, Furcht und Bestürzung, woraus dann das Wesen der Materie gebildet worden sein soll. Ihnen selbst also soll das Suchen und Erforschen des vollkommenen Vaters, die Begierde, sich mit ihm zu vereinigen und zu verbinden, zum Heile gereichen, dem Äonen aber, von dem sie abstammen, Auflösung und Verderben bewirken. Das ist gewiß nach jeder Hinsicht ungereimt, töricht und unverständig. Die ihnen folgen, sind in Wahrheit blind und haben Blinde zu Führern und stürzen gerechterweise in den Abgrund der Unwissenheit, der vor ihren Füßen sich auftut.