§ 1
187Also wollen sie sich in ihrer Unvernunft über den Demiurgen erheben, wollen also höher gelten als der Gott, der die Himmel und die Erde, die Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht und geschmückt hat. Sich selbst nennen sie ehrvergessen geistig, wo sie doch bei ihrer ungeheuren Gottlosigkeit fleischlich sind — der aber „die Geister zu seinen Boten gemacht hat“ und “sich mit Licht umkleidet wie mit einem Gewand“, der gleichsam in der Hand den Erdkreis hält, gegen den “die Erdenkinder wie Heuschrecken zu erachten sind“, den Gott und Schöpfer aller geistigen Wesen, den nennen sie seelisch! Das ist doch zweifellos und wahrhaftig Wahnsinn. Sind sie nicht wirklich in noch höherem Maße verblendet als die Giganten der griechischen Sage, weil sie in eitler Anmaßung und Aufgeblasenheit sich gegen Gott erheben? Die Nießwurz der ganzen Welt würde nicht ausreichen, um sie von ihrer erschrecklichen Torheit zu befreien.
§ 2
Aus den Werken erkennt man den Meister. Wie können sie sich demnach als größer erweisen als der Weltenschöpfer? Nur notgedrungen lassen wir uns in solch gottloses Gerede ein, daß wir zwischen Gott und unvernünftigen Menschen einen Vergleich anstellen und in ihre eignen Lehren hinabsteigen, um sie durch ihre eignen Dogmen zu widerlegen. Gott verzeihe uns das! Aber wir wollen ihn ja nicht mit jenen vergleichen, sondern nur ihre Unvernunft darlegen und stürzen, weil viele unvernünftigen Menschen sie anstaunen, gleich als ob sie von ihnen tiefer in die Wahrheit eingeführt werden könnten. Erklären sie doch das Schriftwort: „Suchet, so werdet ihr finden“ dahin, daß sie über dem Weltenschöpfer sich selber finden, sich als höher und hehrer erklären als Gott, sich geistig, den 188Weltenschöpfer bloß seelisch nennen, und daß sie deswegen über Gott emporsteigen und in das Pleroma eingehen würden, während Gott an dem Ort der Mitte verbleibe. Mögen sie also aus ihren Werken ihre Überlegenheit über den Weltenschöpfer dartun! Nicht durch Worte nämlich, sondern durch die Wirklichkeit muß man seine Überlegenheit dartun.
§ 3
Ist denn nun ein größeres, herrlicheres, klügeres Werk durch sie aus ihrem Heiland oder von ihrer Mutter gemacht worden als die, welche von dem geschaffen worden, der dies alles angeordnet hat? Welche Himmel haben sie gefestigt, welche Erde gegründet, welche Sterne hervorgebracht, welche Lichter angezündet? Welche Bahnen haben sie den Sternen gewiesen, welchen Regen, welchen Frost oder, was sonst nach Zeit und Zone erforderlich ist, haben sie der Erde zugeführt? Welche Hitze oder Trockenheit ferner haben sie angeordnet, welche Flüsse haben sie steigen, welche Quellen entspringen lassen? Mit welchen Blumen oder Bäumen haben sie die Erde geschmückt, wieviele Lebewesen, vernünftige oder unvernünftige, alle schön von Gestalt, haben sie geschaffen? Wer kann all das übrige, was durch Gottes Kraft hervorgerufen und durch seine Weisheit gelenkt wird, im einzelnen aufzählen oder die Größe der Weisheit Gottes, des Schöpfers, ergrübeln? Zu schweigen von der Größe der unvergänglichen Dinge, die über dem Himmel sind, den zahllosen Engeln, Erzengeln, Thronen, Herrschaften und Mächten. Welchem dieser Werke wollen sie sich gegenüberstellen? Können sie, die doch als seine Geschöpfe aus seiner Hand stammen, auch nur ein einziges derartiges Werk aufweisen, das durch sie oder von ihnen gemacht wäre? Hat sich nämlich der Heiland oder ihre Mutter — wir wollen ihre eigenen Ausdrücke beibehalten, um sie mit ihren eigenen Worten der Lüge zu überführen — des Demiurgen bedient, um das Abbild der im Pleroma befindlichen Dinge aller derer, die sie bei dem Heiland schaute, herzustellen, dann hielt sie ihn für mächtiger und geeigneter, ihren Willen auszuführen, weil sie das Abbild so großer Dinge nicht durch einen schlechteren, sondern durch einen besseren herstellte.
§ 4
189Denn sie selbst existierten schon damals, wie sie sagen, als geistige Empfängnis kraft der Anschauung der Begleiter, welche die Pandora umgaben. Da diese nun untätig blieben — denn nichts hat durch sie ihre Mutter mittels des Heilandes hervorgebracht — so war ihre Empfängnis unnütz und zwecklos. Offenbar ist nichts durch sie gemacht worden. Der Gott aber, der nach ihrer Lehre unter ihnen steht, weil er doch nur als seelisches Wesen hervorgebracht wurde, der war nach allen Seiten tätig und wirksam und fähig, aus sich die Abbilder aller Dinge herzustellen, nicht bloß der sichtbaren Dinge, sondern auch der unsichtbaren Engel, Erzengel, Herrschaften, Mächte und Kräfte. Durch diesen hätten sie alles gemacht, da er mächtig genug war, ihrem Willen zu dienen. Durch sie aber hätte die Mutter offenbar nichts gemacht, wie sie ja selber eingestehen, so daß man sie mit Recht für eine Fehlgeburt ihrer armen Mutter halten könnte. Keine Hebammen standen ihr bei, und darum wurden sie als eine Fehlgeburt ausgeworfen, da sie ihrer Mutter zu gar nichts gut und nütze waren. Obwohl sie also durch ihre eigene Lehre als viel schwächer dargestellt werden als der, durch den so große Dinge und so schöne gemacht und geordnet wurden, so wollen sie nichtsdestoweniger besser sein als jener!
§ 5
Wenn, ein Künstler z. B. zwei Arbeitsgeräte oder Werkzeuge hätte, von denen er das eine immer bei der Hand und im Gebrauche hätte und mit ihm alles machte, was er wollte, und so seine Kunst und Geschicklichkeit zeigte, das andere aber ruhig und unbenutzt und ungebraucht ließe, nichts mit ihm machte und zu nichts es verwendete, würde jemand dann sagen, daß dieses unnütze, eitle und unbrauchbare Werkzeug besser und wertvoller sei als jenes, dessen sich der Künstler bedient und das ihm zu Ruhm verhilft? Wer das sagte, der müßte mit Recht für dumm oder seiner Sinne nicht mächtig gehalten werden. Geradeso sind auch jene verrückt und in unheilbare Verrücktheit verfallen, wenn sie sich als die Geistigen und Höheren bezeichnen, den Demiurgen aber seelisch nennen, deswegen einfach behaupten, daß sie in die Höhe steigen und in das Pleroma zu 190ihren Männern eindringen werden — sie sind ja Weiber, wie sie selbst eingestehen — Gott aber geringer sei und deswegen in der Mitte verharre, aber keinen Beweis hierfür beibringen. Den Meister nämlich erkennt man aus seinen Werken. Von dem Demiurgen ist alles gemacht worden, aber jene sind nicht imstande, auch nur ein vernünftiges Werk aufzuweisen.
§ 6
Sollten sie dagegen einwenden, daß zwar alles Materielle, wie z. B. der Himmel und die gesamte Welt, soweit sie sich unter ihm erstreckt, von dem Demiurgen gemacht sei, das Geistigere aber, das über dem Himmel ist, wie z. B. die Fürsten und Mächte, die Engel, Erzengel, Herrschaften und Kräfte, durch eine geistige Geburt, als die sie sich selbst bezeichnen, erschaffen sein sollen, dann werden wir ihnen erstlich aus der Schrift des Herrn nachweisen, daß alles Vorgenannte, das Sichtbare wie das Unsichtbare von einem Gott gemacht ist. Ist doch ihre Autorität nicht größer als die der Schrift. Wir bleiben bei den Worten des Herrn und Moses und den übrigen Propheten, die die Wahrheit verkündet haben, und können denen nicht glauben, die überhaupt nichts Vernünftiges lehren und Haltloses zusammenfiebern. Wenn zweitens durch sie das, was über dem Himmel sich befindet, gemacht ist, dann mögen sie uns sagen, welches die Natur der unsichtbaren Wesen sei, mögen uns die Zahl der Engel und die Ordnung der Erzengel verraten, mögen uns die Geheimnisse der Throne aufweisen, die Einteilungen der Herrschaften lehren, der Fürsten, der Mächte und Kräfte! Aber das können sie nicht, also ist es auch von ihnen nicht gemacht worden. Sind diese aber, wie es in Wirklichkeit auch der Fall ist, von dem Demiurgen gemacht, und sind sie geistig und heilig, dann ist nicht mehr seelisch, wer das Geistige erschaffen hat, und niedergeworfen ist ihre große Gotteslästerung.
§ 7
Daß es nämlich im Himmel geistige Wesen gibt, verkündet die gesamte Schrift, und auch Paulus legt davon Zeugnis ab, indem er sagt, daß er bis in den dritten Himmel entrückt worden sei, und wiederum, daß er in das Paradies getragen sei und unaussprechliche 191Worte gehört habe, die ein Mensch nicht reden dürfe. Und was nützt es ihm, das Paradies zu betreten oder in den dritten Himmel aufgenommen zu werden, wenn dies alles unter der Herrschaft des Demiurgen steht? Sollte er doch die Geheimnisse, die über dem Demiurgen sind, schauen und hören, wie einige von ihnen zu sagen sich erkühnen. Sollte er die Einrichtung über dem Demiurgen kennen lernen, dann durfte er doch nicht in dem Gebiet des Demiurgen stecken bleiben, ohne selbst dies durchstudiert zu haben, denn nach ihrer Lehre blieb ihm doch noch der vierte Himmel übrig, bis er zu dem Demiurgen gelangte und die ihm unterworfene Siebenzahl erblickte. Wenigstens hätte er bis zur Mitte, d. h. bis zur Mutter, gelangen müssen, um von ihr zu erfahren, was im Pleroma ist. Denn der innere Mensch, der in ihm sprach und unsichtbar ist, wie sie sagen, der konnte nicht nur bis zum dritten Himmel, sondern auch bis zu ihrer Mutter gelangen. Wenn nämlich sie, d. h. ihr Mensch, den Demiurgen überflügeln und zur Mutter vordringen konnte, dann müßte dies noch viel mehr dem Menschen des Apostels möglich gewesen sein. Der Demiurg hätte ihn nicht aufgehalten, da er ja selbst dem Erlöser unterworfen sein soll, und wenn er es versucht hätte, wäre es ihm nicht gelungen, denn er kann nicht stärker sein als die Vorsehung des Vaters, zumal der innere Mensch für den Demiurgen auch unsichtbar sein soll. Wenn nun der Apostel es als etwas Großes und Herrliches hervorhebt, daß er bis zum dritten Himmel erhoben wurde, dann steigen jene sicherlich nicht bis zum siebenten Himmel empor, da sie nicht höher sind als der Apostel. Wollen sie sich aber über den Apostel überheben, so werden sie von ihren Werken überführt werden, da von ihnen nicht so große Dinge gerühmt werden wie von dem Apostel. — Weiter fügt er hinzu: „Ob in dem Leibe oder außer dem Leibe, Gott weiß es“. Man soll nämlich wissen, daß auch der Leib an jener Vision hätte teilnehmen können, da er doch dereinst daran teilnehmen soll, was er 192gesehen und gehört hatte. Und ebensowenig soll jemand sagen, daß er wegen des Gewichtes seines Leibes nicht höher emporgehoben sei. Vielmehr ist es auch ohne Leib möglich, die geistigen Geheimnisse Gottes und das Wirken dessen zu verstehen, der die Himmel und die Erde gemacht hat und den Menschen gebildet und in das Paradies gesetzt hat, Gott zu schauen ähnlich dem Apostel, wenn man sehr vollkommen ist in der Liebe Gottes.
§ 8
Die geistigen Dinge bis zum dritten Himmel also, die der Apostel schauen durfte, und die unaussprechlichen Dinge, die er nicht aussprechen durfte, weil sie geistig sind, hat er gemacht und zeigt sie den Würdigen, wie er will, denn ihm gehört das Paradies. Und Geist Gottes, aber nicht seelisch ist der Demiurg, sonst hätte er nichts Geistiges schaffen können. Wäre er seelisch, dann sollen sie uns sagen, durch wen das Geistige geschaffen ist. Etwa durch sie selbst, die sie die Geburt der Mutter sein wollen? Doch sie können so wenig etwas Geistiges hervorbringen, daß sie nicht einmal eine Fliege oder Schnake oder eins von den armseligsten kleinsten Tierchen auf andere Weise zustande bringen können, als diese seit Erschaffung der Welt von Gott durch Befruchtung und Zeugung auf natürliche Weise gemacht wurden und gemacht werden. Oder etwa von ihrer Mutter allein? Sie sagen doch, daß sie den Weltenschöpfer und Herrn der gesamten Welt allein hervorgebracht habe. Und dieser Demiurg und Herr der ganzen Welt soll seelisch sein, während sie, die keine Welt gemacht haben und Herren sind weder über die Dinge, die außer ihnen sind, noch über ihre eigenen Leiber, geistig sein wollen! Wieviel müssen die doch an ihrem Leibe wider ihren Willen dulden, die sich geistig nennen und sich über den Weltenschöpfer erheben!
§ 9
Mit Recht machen wir ihnen daher den Vorwurf, daß sie weit und gänzlich von der Wahrheit abgewichen sind. Denn wenn auch der Heiland durch den Demiurgen die Geschöpfe gemacht hat, so ist dieser offenbar nicht kleiner, sondern größer als sie, da er doch auch als ihr Schöpfer erscheint und sie zu seinen Geschöpfen gehören. Wie soll man sich nun das denken, daß sie 193geistig seien, der aber, der sie erschaffen, bloß seelisch? Wenn er aber — was allein wahr ist und auf vielfache Weise durch die klarsten Beweise von uns nachgewiesen wurde — aus sich selbst, frei und aus eigner Macht alles eingerichtet und vollendet hat, und die Wesenheit aller auf seinen Willen zurückzuführen ist, dann offenbart sich dieser als der wahre Gott, der alles gemacht hat, als der allein Allmächtige und einzige Vater, der alles, das Sichtbare und Unsichtbare, das Sinnliche und Unsinnliche, das Himmlische und Irdische durch das Wort seiner Kraft macht und schafft, der durch seine Weisheit alles abstimmt und ordnet, alles umfaßt und von niemandem umfaßt wird. Er hat es gebildet, erschaffen, erdacht, gemacht, er, des Weltalls Herr, und weder außer ihm noch über ihm gibt es eine Mutter, wie jene sie erlügen, noch einen andern Gott, wie Markion sich ihn erdacht, noch ein Pleroma von den dreißig Äonen, das in seiner Leere aufgedeckt wurde, noch einen Bythos, noch eine Proarche, noch verschiedene Himmel, noch ein jungfräuliches Licht, noch einen unnennbaren Äonen, noch überhaupt irgend etwas von dem, was diese und die andern Häretiker fiebern. Sondern nur einer ist Gott und Schöpfer, er, der über alle Hoheit und Macht und Herrschaft und Kraft erhaben ist; er ist der Vater, er der Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, d. h. durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel und Erde und Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat. Er ist der Gerechte und Gute, der den Menschen gebildet hat, der das Paradies gepflanzt hat, der die Welt erschaffen und die Sintflut gesandt hat, der den Noe gerettet hat. Er ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott der Lebenden, den das Gesetz verkündet, die Propheten verheißen, Christus offenbart, die Apostel predigen, die Kirche bekennt. Er ist durch sein Wort, welches sein Sohn ist, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, durch ihn offenbart und zeigt er sich allen, denen er sich offenbart, denn es erkennen ihn die, denen der Sohn es offenbart hat. Indem aber 194der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist, offenbart er immer und von Anbeginn den Vater den Engeln und den Erzengeln und den Mächten und Kräften und allen, denen Gott es offenbaren will.