§ 1
Welches aber ist ihre Lehre von dem Samen? Er soll von ihrer Mutter nach der Gestalt der Engel, die den Erlöser umgaben, als ein gestalt- und wesenloses und unvollkommenes Ding empfangen und in dem Demiurgen ohne sein Wissen niedergelegt sein, damit er von diesem in die von ihm erschaffene Seele hineingesät würde und Vollendung und Gestalt erhalte. Da ist zunächst zu erwidern, daß dann auch die Engel, die den Heiland umgeben, unvollkommen, gestalt- und formlos sein müssen, da diese Eigenschaften dem nach ihrem Vorbild erschaffenen Samen zukommen sollen.
§ 2
Zweitens, behaupten sie, habe der Schöpfer nichts davon gewußt, daß in ihm der Same niedergelegt wurde, noch daß er in den Menschen etwas hineingesät habe. Doch diese leere und nichtige Behauptung kann auf keine Weise bewiesen werden. Wie hätte ihm jener Vorgang unbekannt bleiben können, wenn der Samen irgend eine Wesenheit oder eigene Beschaffenheit gehabt hätte? War er aber ohne Wesenheit und ohne Beschaffenheit 150und ein Nichts, dann blieb er ihm folgerichtig unbekannt. Was nämlich irgend eine eigene Bewegung oder Beschaffenheit, sei es Wärme oder Schnelligkeit oder Süßigkeit oder Unterschied in der Helligkeit irgendwie besitzt, das kann sich der Kenntnis der Menschen nicht entziehen, sobald es mit ihnen zusammentrifft, um wieviel weniger also dem Schöpfergotte dieses Weltalls, bei dem ja gerechterweise ihr Same unbekannt ist, da er weder irgend eine nützliche Eigenschaft noch irgend eine tätige Wesenheit besitzt und überhaupt gar nicht existiert. Hierauf bezieht sich denn wohl auch das Wort des Herrn: „Für jedes unnütze Wort, das die Menschen reden werden, werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft ablegen“. Sie alle, die solche müßige Reden in die Ohren der Menschen einblasen, werden am Tage des Gerichtes erscheinen, um Rechenschaft über das abzulegen, was sie töricht vermutet und gegen Gott gelogen haben, daß sie nämlich wegen des Samens Wesenheit das geistige Pleroma erkannten, weil das Animalische sinnlicher Zuchtmittel bedürfe; der Demiurg aber, der diesen gesamten Samen von der Mutter in sich aufnahm, der habe all dieses nicht gewußt und keine Ahnung von dem gehabt, was sich auf das Pleroma bezog.
§ 3
Sie wollen die Geistigen sein, weil ein Teilchen von dem Pleroma des Vaters in ihrer Seele niedergelegt wäre, indem sie aus derselben Wesenheit ihre Seele empfangen hätten wie ihr Demiurg, Der aber den gesamten Samen auf einmal von der Mutter in sich aufnahm und in sich behielt, der sei animalisch geblieben und habe gar nichts von den oberen Dingen verstanden, die sie selbst erkennen können, während sie noch auf Erden sind. Geht solche Prahlerei nicht wider allen Verstand? Derselbe Same soll ihren Seelen Erkenntnis und Vollendung gegeben haben, dem Gott aber, der sie selbst machte, Unwissenheit gebracht haben. Das ist in der Tat eine hirnverbrannte Verrücktheit!
§ 4
Ganz ebenso töricht ist es, wenn sie sagen, durch die Einsenkung bekomme der Same Gestalt und 151Wachstum und werde fähig, die vollkommene Vernunft in sich aufzunehmen. Die Vermischung mit der Materie, die nach ihnen ihre Wesenheit aus der Unwissenheit und dem Fehltritt empfing, wird ihm also passender und nützlicher sein, als es ihr väterliches Licht war. Aus seiner Anschauung geboren, war es nämlich ohne Form und Gestalt; aus der Materie aber empfing es Form, Gestalt, Wachstum und Vollendung. Wenn nun für das geistige Wesen das Licht vom Pleroma die Ursache war, daß es weder Form noch eigene Größe hatte, die Herabkunft auf die Erde aber ihm alles dieses verlieh und es zur Vollendung brachte, dann war ihm anscheinend der Aufenthalt in der sogenannten Finsternis viel zuträglicher und nützlicher als das Licht ihres Vaters. Ist es aber nicht eine lächerliche Behauptung, daß ihre Mutter dermaßen in die Materie versunken war, daß sie fast erstickte und um ein Haar umgekommen wäre, wenn sie sich nicht kraft der Hilfe des Vaters emporgeschwungen und über sich selbst erhoben hätte, daß aber ihr Same in ebenderselben Materie Wachstum, Gestalt und die Fähigkeit erhalte, das vollkommene Wort in sich aufzunehmen, wo er doch in einem ungleichen und ungewohnten Elemente aufging, da nach ihnen das Irdische dem Geistigen und das Geistige dem Irdischen entgegengesetzt ist? Wie also konnte ein so kleiner Same in dem entgegengesetzten und ungewohnten Elemente wachsen, gestaltet werden und zur Vollendung gelangen?
§ 5
Weiterhin wird man noch fragen können: Hat ihre Mutter, wie sie die Engel sah, den Samen auf einmal geboren oder stückweise? Ist er auf einmal hervorgebracht und zugleich empfangen worden, dann wird er jetzt kein kleines Kind mehr sein, dann braucht er nicht mehr in die jetzigen Menschen herniederzusteigen. Ist er aber stückweise hervorgebracht, dann kann er nicht nach der Gestalt der Engel, welche sie erblickte, empfangen sein. Denn nur einmal sah sie die Engel und empfing zugleich, also mußte sie auf einmal die gebären, deren Bilder sie auf einmal empfangen hatte.
§ 6
Doch warum hat ihre Mutter, da sie doch diese Engel zusammen mit dem Erlöser schaute, nur jene 152Bilder und nicht auch sein Bild empfangen, wo er doch schöner ist als jene? Gefiel er ihr etwa nicht, und empfing sie deswegen nicht bei seinem Anblicke?
Wie aber konnte der Demiurg als vollkommen in seiner Art mit eigner Größe und Gestalt hervorgebracht werden? Das Geistige, das doch tätiger sein muß als das Seelische, emanierte als unvollkommenes Wesen und mußte, um Gestalt, Vollkommenheit und die Fähigkeit zu erlangen, das vollkommene Wort in sich aufzunehmen, in eine Seele hinabsteigen? Wenn es denn aber in irdischen und seelischen Menschen gebildet wird, dann ist es doch nicht mehr das Ebenbild der Engel, die sie auch Lichter nennen, sondern der Menschen auf Erden. Nicht mehr das Ebenbild der Engel wird es haben und ihre Gestalt, sondern der Seelen, in denen es Gestalt empfängt. Wie nämlich das Wasser die Form des Gefäßes annimmt, in welches es gegossen wird, und beim Gefrieren die Gestalt des Gefäßes, in dem es gefriert, und sogar die Seelen die Gestalt ihres Körpers besitzen und sich ihrem Gefäße anpassen, wie wir soeben gesagt haben, so wird auch dieser Same, der im Menschen Festigkeit und Gestalt gewinnt, die Gestalt des Menschen haben und nicht die der Engel. Wie kann also dieser Same nach dem Bilde der Engel sein, der nach dem Bilde der Menschen gestaltet wird? Und wozu mußte das Geistige noch in das Fleisch herniedersteigen? Das Fleisch zwar, wenn es gerettet werden soll, bedarf des Geistes, um in ihm geheiligt und verklärt zu werden, damit „das Sterbliche von dem Unsterblichen verschlungen werde“ — aber keineswegs bedarf der Geist der irdischen Dinge. Nicht wir heben den Geist, sondern der Geist hebt uns empor.
§ 7
Noch handgreiflicher und offenkundiger für jedermann zeigt sich die Falschheit ihrer Lehre vom Samen, wenn sie behaupten, daß die Seelen, welche von ihrer Mutter den Samen empfangen hätten, besser seien als die übrigen und deswegen von dem Demiurgen geehrt und zu Fürsten, Königen und Priestern bestellt seien. Wenn das wahr wäre, dann hätten zuerst doch 153die Hohenpriester Annas und Kaiphas und die übrigen Hohenpriester, Gesetzeslehrer und Fürsten des Volkes dem Herrn geglaubt und ihn erkannt, und vor allen auch der König Herodes. Nun aber fielen weder dieser noch diese Hohenpriester, noch die Führer und Vorsteher des Volkes ihm zu, sondern im Gegenteil die Bettler am Wege, die Tauben, die Blinden und die von den andern gestoßen und verachtet wurden, weshalb Paulus sagt: „Betrachtet, Brüder, eure Berufung; nicht viele Weise sind unter euch, noch Vornehme, noch Mächtige, sondern das vor der Welt Verächtliche hat Gott auserwählt!“ Also waren die Seelen der Großen wegen der Abstammung des Samens nicht besser und wurden deswegen von dem Demiurgen nicht geehrt.
§ 8
Das Gesagte genügt wohl, um nachzuweisen, dass ihre Lehre schwach, haltlos und nichtig ist. Man braucht nicht, wie das Sprichwort sagt, das ganze Meer auszutrinken, um zu erkennen, daß sein Wasser salzig ist. Wie jemand von einem tönernen Standbilde, das mit Bronze vergoldet ist, um den Schein eines goldenen zu erwecken, ein kleines Teilchen von seiner Masse wegnimmt und zeigt, daß es bloß Ton ist, um die, welche die Wahrheit suchen, von ihrem Irrtum zu befreien, so haben auch wir nicht nur einen kleinen Teil, sondern alle wichtigeren Hauptstücke ihres Lehrgebäudes aufgelöst und allen, die sich nicht wissentlich wollen verführen lassen, dargelegt, wie nichtswürdig, hinterlistig, verführerisch und gefährlich die Lehre der Valentinianer und aller der Häretiker ist, die den Schöpfer und Urheber dieser Welt, ihren Demiurgen, den einzig wahren Gott, übel behandeln, indem wir ihren unsicheren Weg aufdeckten.
§ 9
Wenn einer bei Sinnen ist und nur ein wenig von der Wahrheit versteht, kann er es nicht ertragen, dass jemand sagt, über dem Demiurgen sei noch ein anderer Gott Vater; der Eingeborene und das Wort Gottes, das sie aus einer Abschwächung hervorgegangen sein lassen, seien etwas Verschiedenes. Und wieder etwas anderes sei Christus, der nach den übrigen Äonen zusammen 154mit dem Hl. Geist erschaffen sein soll; und wieder etwas anderes der Erlöser, der nicht einmal vom Vater des Weltalls, sondern von den niederen Äonen künstlich zusammengestellt und notgedrungen hervorgebracht sein soll, so daß, wenn sie nicht in Unwissenheit und Niedrigkeit gewesen wären, weder Christus, noch der Hl. Geist, noch der Horos, noch der Heiland, noch die Engel, noch ihre Mutter samt ihrem Samen und der übrigen Welt hervorgebracht wäre. Und alles wäre wüst und leer von so vielen Gütern geblieben. Nicht bloß gegen den Schöpfer der Welt versündigen sie sich also, indem sie ihn aus einem Fehltritt hervorgegangen sein lassen, sondern auch gegen Christus und gegen den Hl. Geist, die wegen des Fehltrittes ausgesandt wurden, und ähnlich auch gegen den Erlöser. Unerträglich ist ihr ferneres Geschwätz, das sie den Gleichnisreden listig anzupassen versuchen, wodurch sie sich und ihre Anhänger in die größte Gottlosigkeit stürzen.