§ 1
Ihre gottlose Lebensmaxime aber, die da besagt, man müsse alle Werke, auch die schlechtesten, durchprobieren, wird aus der Lehre des Herrn vernichtet. Er verurteilt nicht nur den, welcher die Ehe bricht, sondern schon den, der sie brechen will. Bei ihm wird nicht nur der, welcher tötet, als Mörder des Gerichtes schuldig, sondern schon der, welcher seinem Bruder ohne Grund zürnt. Er befiehlt nicht allein, die Menschen nicht zu hassen, sondern die Feinde sogar zu lieben. Er verbietet nicht nur das falsche Schwören, sondern das Schwören überhaupt. Nicht nur nichts Schlechtes sollen wir von dem Nächsten reden, sondern wir dürfen ihn nicht einmal Racha oder Tor nennen, sonst sind 197wir des höllischen Feuers schuldig. Wir dürfen nicht nur nicht schlagen, sondern sollen, wenn wir geschlagen werden, noch die andere Backe hinhalten; das Fremde nicht nur nicht verleugnen, sondern das Eigne nicht einmal zurückverlangen, wenn es uns genommen wird. Wir dürfen den Nächsten nicht nur nicht verletzen oder ihm sonst etwas Böses tun, sondern sollen, wenn wir schlecht behandelt werden, großmütig sein, Güte unsern Feinden erweisen und für sie beten, damit sie Buße tun und gerettet werden, und in keinem Stücke dürfen wir ihren Beschimpfungen, ihren Lüsten, ihrem Hochmut nachahmen.
Wenn nun der, den jene als Lehrer rühmen, von dem sie sagen, daß seine Seele besser und stärker als die der übrigen gewesen sei, mit allem Nachdruck alles zu tun befohlen hat, was gut und herrlich ist, in anderer Hinsicht aber nicht bloß die Werke, sondern auch die bösen, schädlichen, nichtswürdigen Gedanken verboten hat, die zu bösen Werken führen, müssen sie sich dann nicht schämen, ihn als einen hervorragend starken und guten Lehrmeister zu bezeichnen und doch seiner Lehre offenbar widersprechende Vorschriften zu geben? Würde es in Wirklichkeit nichts Schlechtes oder Gutes geben, sondern nur nach der Meinung der Menschen für dieses oder jenes gelten, dann hätte er nicht so sicher gesprochen: „Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in dem Reiche ihres Vaters“. Die Ungerechten aber und, die keine Werke der Gerechtigkeit hervorbringen, wird er in das ewige Feuer schicken, „wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt“.
§ 2
Wenn sie nun weiter sagen, sie müßten jegliche Tat und Lebensweise durchmachen, um womöglich in einer Herabkunft alles zu vollenden und zum Vollkommenen überzugehen, so trifft man sie nirgends bei dem Versuch, jene Werke zu verrichten, die sich auf die Tugend beziehen, die Mühe kosten, Ehre bringen, Kunst verlangen und von allen Menschen als gut gelobt werden. Wenn es nämlich nötig ist, alle Werke, alle Tätigkeit 198durchzumachen, dann müßten sie zunächst alle Künste lernen, sowohl die, welche Geist, als die, welche Geschicklichkeit erfordern, die durch Selbstzucht gelernt werden und die durch Anstrengung, Ausdauer und Nachdenken erworben werden, also Musik jeglicher Art, Arithmetik, Geometrie und Astronomie und alle Künste des Geistes, die gesamte Medizin, Botanik und Hygiene, Malerei und Bildhauerei, die Bearbeitung des Erzes, des Marmors usw., ferner Agrikultur, Tierarzneikunde und Viehzucht, die sämtlichen Handwerke, soviel ihrer sind, Seefahrt, Gymnastik, Jagd, Kriegskunst und Staatswissenschaft und all das übrige, wovon sie nicht den zehnten, nicht den tausendsten Teil in ihrem ganzen Leben mit aller Mühe lernen können. Auf diesen Gebieten versuchen sie nun nichts zuzulernen, obwohl sie sagen, daß sie alles durchmachen müßten; auf Vergnügungen aber, Lust und Schändlichkeit stürzen sie sich. So werden sie nach ihrer eignen Lehre gerichtet: da ihnen die obengenannten Künste abgehen, so werden sie hingehen in das verzehrende Feuer. Nach Epikurs Philosophie und des Zynikers Lehre vom Indifferentismus leben sie, und Jesum preisen sie als ihren Lehrmeister, ihn, der nicht allein die bösen Werke, sondern auch solche Reden und Gedanken, wie wir gezeigt haben, seinen Schülern verbietet.
§ 3
Sie behaupten auch, daß ihre Seelen und die Seele Jesu aus demselben Kreise stammen und sich ähnlich seien, ihre Seelen bisweilen sogar noch besser. Sieht man aber auf die Werke, die jener zum Heil und Nutzen der Menschen wirkte, so haben jene offenbar nichts Derartiges oder Ähnliches gewirkt, was damit verglichen werden könnte. Was sie machen, tun sie durch Zauberei, um, wie wir gesagt haben, Unverständige betrügerisch zu verführen. Frucht und Nutzen bringen sie denen keineswegs, auf die sie ihre angeblichen Kräfte verwenden. Unmündigen Knaben machen sie allerlei Blendwerk und Zaubereien vor, deren Wirkung schnell vergeht und nicht einen Augenblick anhält. So sind sie nicht unserm Herrn Jesus, sondern dem Zauberer Simon ähnlich. Jesus ferner stand am dritten Tage von den Toten auf — das ist eine sichere Tatsache —, zeigte 199sich seinen Jüngern und wurde vor ihren Augen in den Himmel aufgenommen; sie aber sterben, ohne aufzuerstehen und sich jemandem zu zeigen — also haben ihre Seelen durchaus keine Ähnlichkeit mit der Seele Jesu.
§ 4
Wenn sie aber sagen, daß auch der Herr nur zum Schein dergleichen getan habe, so werden wir sie auf die Prophezeiungen verweisen und aus ihnen dartun, dass alles so über ihn vorausgesagt und sicher geschehen ist, und daß er allein der Sohn Gottes ist. In seinem Namen wirken deshalb seine wahren Schüler, die von ihm die Gnade empfangen haben, Wunder an den übrigen Menschen, wie ein jeder von ihm die Gnade empfangen hat. Die einen treiben wahrhaft und bestimmt Geister aus, so daß oftmals die ihnen glauben, die von den bösen Geistern befreit sind, und in die Kirche eintreten. Die andern schauen in die Zukunft, haben Gesichte und weissagen. Wieder andere legen den Kranken die Hände auf und machen sie gesund. Ja sogar Tote sind auferstanden, wie wir bereits gesagt haben, und lebten unter uns noch etliche Jahre. Doch wer vermöchte alle die Gnaden aufzuzählen, welche die Kirche auf der ganzen Welt von Gott empfängt und zum Heile der Völker im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus gekreuzigten, Tag für Tag ausspendet. Und keinen verführt sie oder nimmt ihm sein Geld ab. Denn was sie umsonst von Gott empfangen hat, teilt sie umsonst auch aus.
§ 5
Keine Engel ruft sie an, keine Zaubersprüche gebraucht sie, noch macht sie irgend welche frevelhaften Experimente. Rein, lauter und offen richtet sie ihre Gebete zu dem Herrn, der alles erschaffen hat, und ruft den Namen unseres Herrn Jesu Christi an und gebraucht ihre Wunderkraft zum Nutzen der Menschen, nicht zu ihrer Verführung. Wenn nun nicht des Simon, Menander oder Karpokrates oder eines andern Name, sondern allein der Name unseres Herrn Jesu Christi auch jetzt noch Gnade spendet und alle, die an ihn glauben, fest und sicher heilt, so ist es offenbar, daß er zur Zeit seines Erdenwallens gemäß dem Willen des Allerhöchsten durch die Kraft Gottes in Wahrheit alles getan hat, wie die Propheten es vorher verkündet. Was 200dieses war, wird erzählt werden, wenn wir auf die Propheten zu sprechen kommen.