§ 1
Wollen sie aber durch keinen dieser Gründe sich von uns überzeugen lassen, daß sie keine Ursache für die Emanationen ihres Pleroma beibringen können, so werden sie zu dem Schluß gezwungen, daß über ihrem Pleroma noch eine andere und gewaltigere Macht bestehe, gemäß welcher ihr Pleroma gebildet worden ist. Wenn nämlich der Demiurg nicht von sich selbst solche Gestalt der Schöpfung hervorgebracht hat, sondern gemäß der Idee der oberen Dinge, von wem hat dann ihr Bythos, der doch das Pleroma solcher Gestaltung gemacht hat, die Idee der Dinge, die vor ihm gemacht wurden, empfangen? Entweder nämlich muß unser Denken Halt machen bei dem Gotte, der die Welt gemacht hat, und annehmen, daß er aus eigner Macht und von sich selbst die Idee dieser Welt empfangen hat, oder man wird gezwungen sein, wenn er von irgend einem andern den Anstoß empfangen hat, immer weiter zu fragen: Woher hat denn der, der über ihm ist, die Idee 138der erschaffenen Dinge? Wieviele solcher Emanationen gibt es? Welches ist die Wesenheit des Vorbildes? War es aber dem Bythos gestattet, von sich selbst solche Gestalt des Pleroma hervorzubringen, warum war es dann dem Demiurgen nicht gestattet, aus sich selbst diese Welt zu machen? Ist aber die Welt nur das Abbild jener Dinge, dann muß es auch für diese oberen Dinge Vorbilder geben und für diese wieder andere, und so gelangt man zu unendlich vielen Vorbildern.
§ 2
So ist es dem Basilides ergangen. Ohne die Wahrheit im entferntesten zu erreichen, glaubte er, durch eine gewaltige Reihe der auseinander hervor gegangenen Dinge dieser Schwierigkeit zu entrinnen, indem er 365 Himmel in sukzessiver Gleichheit aus einander entstehen ließ und den Beweis dafür in der Zahl der Tage erblickte, wie wir oben gesagt haben. Über diesen stehe eine Macht, Namenlos genannt, und ihre Kraft. Doch auch diese Ausflucht kann ihm nichts helfen. Denn wir werden ihn fragen: Von wo hat denn der allererste Himmel, von dem die übrigen abstammen, die Idee seiner Schöpfung? „Von der unnennbaren Kraft“, wird er antworten. Dann wird er entweder sagen müssen, daß die Unnennbare aus sich selbst die Schöpfungsidee gemacht hat, oder er wird zugeben müssen, daß es darüber hinaus noch eine andere Macht gebe, von der die Unnennbare alle ihre Ideen empfangen hat.
§ 3
Ist es da nicht viel sicherer und vernünftiger, der Wahrheit gemäß von vorneherein zu bekennen, daß der Schöpfergott, der die Welt gemacht hat, der einzige Gott ist, und daß es außer ihm keinen andern gibt, der aus sich selbst die Idee und das Vorbild aller erschaffenen Dinge entnommen hat? Denn schließlich muß man doch, nach so vielen Gottlosigkeiten und Umwegen ermüdet, in seinem Denken einmal bei irgend einem Halt machen, von dem die Idee der erschaffenen Dinge stammt
§ 4
Die Valentinianer werfen uns vor, wir blieben in der unteren Siebenzahl, erhöben unsern Sinn nicht empor, noch begriffen wir das Obere, da wir ja ihre wundersamen Faseleien nicht annehmen. Aber denselben 139Vorwurf machen diesen die Basilidianer, weil sie, nur bis zur ersten und zweiten Achtheit sich erhebend, törichterweise wähnen, daß sie nach den dreißig Äonen gleich den allerhöchsten Vater gefunden hätten, und ihren Sinn nicht auf das Pleroma über den 365 Himmeln richteten, das über den 45 Achtheiten sich befindet. Doch auch diese wiederum kann man leichtlich übertrumpfen, indem man 4380 Himmel oder Äonen bildet, weil die Tage eines Jahres soviel Stunden haben. Legt aber einer noch die Stunden der Nächte hinzu und verdoppelt so die angegebene Stundenzahl, in der Meinung, daß er nun eine gewaltige Menge von Achtheiten und eine geradezu unzählige Wirtschaft von Äonen außer dem allerhöchsten Vater gefunden habe — so kann er sich für noch vollkommener als all die andern halten und auf gleiche Weise diesen vorwerfen, daß sie zu der Höhe seiner zahllosen Himmel oder Äonen sich nicht erhöben, sondern unten Halt machten oder in der Mitte stecken blieben.