§ 1
Ihre Lehre aber von der Seelenwanderung wird dadurch widerlegt, daß sich die Seelen gar nicht mehr an das erinnern, was vordem gewesen ist. Wenn sie nämlich dazu ausgesandt wurden, um alles durchzumachen, dann müßten sie sich auch an das Vergangene erinnern können, um das Fehlende noch nachzuholen und nicht elendiglich immer um dasselbe sich abzumühen. Wenn sie deshalb auf die Erde kamen, dann konnte die Vereinigung mit dem Körper die Erinnerung und Erwägung der Vergangenheit nicht gänzlich auslöschen. Was nämlich jetzt die Seele, während der Körper schläft und ruht, bei sich sieht und im Traume erlebt, das teilt sie gemäß ihrer Erinnerung zum größten Teile dem Körper mit, und bisweilen erzählt einer wachend noch nach sehr langer Zeit, was er im Träume gesehen hat. So müßte sie sich auch dessen erinnern, was sie getan hat, bevor sie in den Körper kam. Wenn sie nämlich das, was sie während eines Augenblickes schaute und im Traume empfing, auch über den Traum hinaus noch weiß, nachdem sie sich dem Körper wieder mitgeteilt und in jedes Glied zerstreut hat, so müßte sie noch viel mehr das wissen, wo sie so lange Zeit und die ganze Ewigkeit des verflossenen Lebens gewesen ist.
§ 2
Um diesen Einwand zu entkräften, hat jener berühmte Athener Plato, der die Lehre von der Seelenwanderung aufgebracht hat, den Becher der Vergessenheit erdacht, indem er glaubte, auf diese Weise der Schwierigkeit entgehen zu können. Ohne jeden Beweis stellte er es als Dogma hin, daß die Seelen vor ihrem Eintritt in dieses Leben von dem Dämon am Eingang mit Vergessenheit getränkt würden. Doch ohne es zu merken, ist er in eine noch größere Schwierigkeit geraten. Wenn nämlich das Trinken des Vergessenheitsbechers die Erinnerung an alles auslöscht, woher weißt denn du, Plato, daß deine Seele, bevor sie in den Körper kam, 201da sie doch jetzt in ihrem Körper ist, von dem Dämon die Arznei der Vergessenheit zu trinken bekam? Erinnerst du dich nämlich an den Dämon, den Becher und deinen Eintritt, dann müßtest du auch das übrige wissen; weißt du dies aber nicht — dann ist dein Dämon erlogen und der Vergessenheitsbecher nicht kunstgerecht gemischt.
§ 3
Denen aber, die behaupten, der Leib sei selber die Arznei der Vergessenheit, kann man folgendes entgegenhalten: Was die Seele in sich selbst schaut, während der Körper ruht, sei es im Traum oder in rein geistigem Schauen, das behält sie und erzählt es weiter. Wäre aber der Körper Vergessenheit, dann könnte sie nicht einmal das behalten, was sie früher einmal durch die Augen oder die Ohren erfahren hat, als sie bereits im Körper war, vielmehr müßte auch die Erinnerung an den geschauten Gegenstand verschwinden, sobald sich das Auge von demselben entfernt. Denn in dem Organ der Vergessenheit lebend kann sie nichts anders erkennen, als allein das, was sie gerade gegenwärtig sieht. Wie könnte sie vollends göttliche Dinge lernen und behalten, solange sie sich im Körper befindet, wenn der Körper die Vergessenheit selbst wäre? Ebenso haben auch die Propheten, als sie auf Erden weilten, was sie in ihren geistigen Visionen von himmlischen Dingen sahen oder hörten, behalten und nach der Ekstase den andern verkündet. Keineswegs also bewirkte bei ihnen die Rückkehr in den Leib, daß ihre Seele das vergaß, was sie geistig geschaut hatten, vielmehr belehrte die Seele den Leib und gab ihm Anteil an der ihr geistigerweise gewährten Vision.
§ 4
Mitnichten nämlich ist der Leib mächtiger als die Seele, denn von ihr wird er belebt und bewegt, von ihr empfängt er Wachstum und Gliederung. Die Seele besitzt und beherrscht den Leib. Wenn sie auch insoweit in ihrer Schnelligkeit gehindert wird, als sie dem Leibe von ihrer Bewegung mitteilt, so verliert sie doch nicht ihr Wissen. Denn der Körper ist einem Werkzeug ähnlich, die Seele aber ist dem Künstler zu vergleichen. Wie nämlich der Künstler sich sein Werk im Geiste schnell zurechtlegt, es aber nur langsam mit dem 202Werkzeug zustande bringt, weil es sich um unbewegliche Materie handelt und die Verbindung mit der Langsamkeit des Werkzeugs trotz der Schnelligkeit des Denkens nur ein langsames Arbeiten gestattet, so wird auch die Seele durch die Verbindung mit ihrem Körper beträchtlich gehindert, da ihre Schnelligkeit in der Langsamkeit des Körpers aufgeht. Dennoch verliert sie keineswegs gänzlich ihre eignen Kräfte; gleichsam dem Körper das Leben schenkend, hört sie selbst nicht auf zu leben. Ebensowenig verliert sie ihre Kenntnis oder die Erinnerung an das, was sie geschaut hat, wenn sie ihrem Körper davon mitteilt.
§ 5
Wenn sie also keine Ahnung hat von dem Vergangenen, sondern alle Kenntnis von den existierenden Dingen hier empfängt, dann war sie auch niemals in anderen Körpern, hat das nicht getan, wovon sie nichts weiß, weiß das nicht, was sie nicht einmal sieht. Vielmehr hat ein jeder von uns seine eigne Seele, wie er auch vermöge göttlicher Anordnung seinen eignen Leib empfängt. Denn Gott ist nicht so arm oder beschränkt, daß er nicht vermöchte, einem jeden seinen eignen Leib, seine eigne Seele, seinen eignen Charakter zu geben. Wenn daher die Zahl, die er selbst bei sich vorherbestimmt hat, voll geworden ist, dann werden alle, die eingetragen sind, zum Leben auferstehen und ihre eignen Leiber, ihre eignen Seelen und ihren eignen Geist haben, in dem sie Gott gefielen. Die aber der Strafe würdig sind, werden ihr auch anheimfallen und gleichfalls ihre Seelen und ihre Leiber haben, in denen sie Gott mißfielen. Dann werden sie beide nicht mehr zeugen, noch gezeugt werden, werden weder freien, noch sich freien lassen, damit durch die Vollendung der von Gott vorherbestimmten zueinander abgepaßten Zahl der Menschen die Anordnung des Vaters erfüllt werde.