§ 1
Daß aber auch ihre Dreißig nicht Stich hält und sie daher bald mehr, bald weniger Äonen im Pleroma erfinden, haben wir bereits gezeigt. Also ist es nichts mit ihren dreißig Äonen, noch empfing deshalb der Heiland in seinem dreißigsten Lebensjahre die Taufe, um ihre dreißig verschwiegenen Äonen anzuzeigen, sonst .müßten sie ihn zuerst aus dem allgemeinen Pleroma hinausweisen und verstoßen. Daß er im zwölften Monate gelitten und nach der Taufe nur ein Jahr gepredigt habe, das suchen sie aus dem Propheten, nachzuweisen, der da sagt: „Er verkündete das Gnadenjahr des Herrn und den Tag der Vergeltung“. Die da die Tiefe des Bythos wollen ergründet haben, sind blind und wissen nicht, was Isaias Gnadenjahr und Tag der Vergeltung nennt. Nicht von dem Tag, der zwölf Stunden hat, spricht der Prophet, noch mißt er mit einem Jahr von zwölf Monaten. Denn in Gleichnissen und Bildern sprechen eingestandenermaßen die Propheten, und nicht nach dem gewöhnlichen Sinn der Worte.
§ 2
Tag der Vergeltung heißt also der Tag, an dem der Herr einem jeden nach seinen Werken vergelten wird, d. h. das Gericht. Das Gnadenjahr des Herrn aber ist die gegenwärtige Zeit, in der von ihm die, welche an ihn glauben, berufen werden und Gott angenehm werden, d. h. die gesamte Zeit von seiner Ankunft bis zur Vollendung, in der er die, welche gerettet werden, wie Früchte einsammelt. Denn auf das Gnadenjahr folgt nach dem Worte des Propheten der Tag der Vergeltung, so daß also der Prophet gelogen hätte, wenn der Herr nur ein Jahr gepredigt und er von diesem Jahr gesprochen hätte. Wo ist nämlich der Tag der Vergeltung? 160Vorübergegangen ist das Jahr und noch ist der Tag der Vergeltung nicht da, sondern immer noch läßt er seine Sonne aufgehen über Gute und Böse und regnen über Gerechte und Gottlose. Verfolgung erleiden die Gerechten und werden geschlagen und getötet; in Überfluß aber schwimmen die Sünder, „bei Zither und Harfenspiel trinken sie und achten nicht auf die Werke des Herrn“. Der Text verlangt aber, daß beides verbunden wird, und daß auf das Jahr der Tag der Vergeltung folgt. Es heißt nämlich: „Zu verkünden das Gnadenjahr des Herrn und den Tag der Vergeltung.“ Mit Recht also versteht man unter Gnadenjahr des Herrn die gegenwärtige Zeit, in der wir berufen und von dem Herrn gerettet werden. Darauf folgt der Tag der Vergeltung, d. h. das Gericht. Doch wird diese gegenwärtige Zeit nicht bloß Jahr genannt, bei den Propheten sowohl wie bei Paulus, sondern auch Tag. Dessen eingedenk sagt der Apostel u. a. im Römerbriefe: „Wie geschrieben steht: Deinetwegen sind wir des Todes den ganzen Tag und sind erachtet wie Schlachtschafe“. Hier steht also „ganzer Tag“ für die ganze gegenwärtige Zeit, in der wir Verfolgung dulden und wie Schafe dahingeschlachtet werden. Wie demnach das Wort Tag nicht einen Zeitraum von zwölf Stunden bezeichnet, sondern die ganze Zeit, in der, die an Christus glauben, seinetwegen leiden und getötet werden, so bedeutet dort Jahr nicht einen Zeitraum von zwölf Monaten, sondern die ganze Zeit des Glaubens, wo die Menschen auf das Wort der Predigt hin glauben und die Gott angenehm werden, die sich mit ihm verbinden.
§ 3
Sehr verwundern muß man sich jedoch, wie die, welche von sich behaupten, daß sie die tiefsten Geheimnisse Gottes gefunden hätten, in den Evangelien nicht geforscht haben, wie oft nach der Taufe der Herr zur Osterzeit nach Jerusalem hinaufgestiegen ist, wie es bei den Juden Sitte war, jedes Jahr zu dieser Zeit aus allen Gegenden in Jerusalem zusammenzukommen und dort 161das Osterfest zu feiern. Das erstemal zog er zum Osterfeste hinauf, wie er zu Kana in Galiläa Wasser in Wein verwandelte, bei welcher Gelegenheit geschrieben steht: „Und viele glaubten an ihn, da sie die Zeichen sahen, welche er wirkte“. So ist bei Johannes, dem Jünger des Herrn, zu lesen. Nachdem er von dort sich zurückgezogen, findet man ihn in Samaria wieder, wo er mit der Samaritanerin das Gespräch hatte und den Sohn des Hauptmannes von ferne durch sein Wort heilte, indem er sprach: „Geh hin, dein Sohn lebt!“. Darauf stieg er zum zweitenmal wiederum zum Osterfeste hinauf nach Jerusalem, als er den Gichtbrüchigen, der achtunddreißig Jahre am Schwemmteiche gelegen hatte, heilte, indem er ihm befahl, aufzustehen, sein Bett zu nehmen und zu gehen. Darauf zog er auf das andere Ufer des Galiläischen Meeres, sättigte dort mit fünf Broten jene große Menge, die ihm dorthin gefolgt war, wobei noch zwölf Körbe mit Brosamen übrig blieben. Als er dann Lazarus von den Toten auferweckt hatte und die Pharisäer ihm nachstellten, zog er sich nach der Stadt Ephrem zurück, von wo aus er sich sechs Tage vor dem Osterfest nach Bethanien begab, um von dort nach Jerusalem hinaufzusteigen, das Osterlamm zu essen und am Tage darauf zu leiden. Daß aber diese drei Osterfeste nicht ein Jahr sind, wird ein jeder wohl zugeben. Sollten aber die, welche alles zu wissen sich brüsten, nicht wissen, daß der Monat, in welchem der Herr das Pascha gefeiert und gelitten hat, nicht der zwölfte, sondern der erste ist, dann mögen sie es von Moses lernen. Falsch also ist ihre Erklärung vom Jahr und vom zwölften Monat, und sie müssen entweder diese oder das Evangelium verwerfen. — Wie hätte außerdem der Heiland nur ein Jahr gepredigt?
§ 4
Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung 162auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte. Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte. Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.
§ 5
Um aber ihre Phantasterei in betreff des „Gnadenjahres des Herrn“ zu bestätigen, sagen sie, er habe nur ein Jahr gepredigt und im zwölften Monat gelitten. So vergessen sie ihre eigne Lehre, der Mensch müsse alles durchmachen und streichen aus seinem Leben das notwendigste und ehrenvollste Alter, jenes nämlich, in dem er als Lehrer allen voranleuchtete. Wie soll er denn Schüler haben, wenn er nicht gelehrt hat? Denn als er zur Taufe kam, hatte er die Dreißig noch nicht vollendet, so nämlich gibt Lukas seine Jahre an, indem er schreibt: „Jesus aber war ungefähr ins dreißigste Jahr gehend“. Nach der Taufe hat er nur noch ein Jahr gepredigt und gelitten, nachdem er das dreißigste Jahr vollendet hatte? Damals war er erst ein 163Jüngling, der das Alter der Reife noch nicht erreicht hatte. Allgemein aber gilt das dreißigste Jahr erst als der Anfang der Reife, die sich bis in das vierzigste Jahr erstreckt. Vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahr reicht das Alter der Vollendung, welches unser Herr hatte, als er lehrte. Das bezeugen das Evangelium und die Priester in Kleinasien, die es so von Johannes, dem Schüler des Herrn, empfangen haben. Dieser aber blieb mit ihnen zusammen bis zu den Zeiten Trajans. Manche aber von ihnen haben nicht nur Johannes, sondern auch andere Apostel gesehen und dieses ebenso von ihnen empfangen und sind dafür Zeugen. Wem soll man nun mehr glauben? Ihnen oder dem Ptolemäus, der die Apostel niemals gesehen hat, ja nicht im Traume einmal zu den Füßen eines Apostels gesessen hat?
§ 6
Haben doch die Juden selbst, die damals mit unserm Herrn Jesus Christus sich stritten, ganz offenkundig dieselbe Ansicht gehabt. Als nämlich der Herr zu ihnen sprach: „Abraham, euer Vater, frohlockte, meinen Tag zu sehen, er sah ihn und freute sich“, da antworteten sie ihm:”Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“. So spricht man zutreffenderweise von dem, der die fünfundvierzig schon überschritten, das fünfzigste Jahr aber noch nicht erreicht hat, aber immerhin nicht mehr weit davon entfernt ist. Von einem, der erst dreißig Jahre alt ist, müßte man doch sagen: „Du bist noch nicht vierzig Jahre alt.“ Die ihn einer Lüge überführen wollten, die werden ihm doch nicht so viele Jahre mehr zulegen, als er offensichtlich hatte, sondern sein Alter möglichst genau angeben, sei es, daß sie es genau aus den amtlichen Listen wußten, oder sei es, daß sie ihn nach dem Augenschein für älter als vierzig, nicht bloß als dreißig halten mußten. Man kann doch vernünftigerweise nicht annehmen, daß sie ihm zwanzig Jahre hinzulogen, indem sie nachweisen wollen, daß er zu Abrahams Zeiten noch nicht gelebt habe. Wie sie ihn sahen, so sprachen sie auch. Wie er aber aussah, so war er auch der Wahrheit nach. Also war er nicht mehr weit von fünfzig, und 164deswegen sprachen sie zu ihm: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“ Folglich hat er nicht bloß ein Jahr gepredigt und im zwölften Monat gelitten. Der Zeitraum vom dreißigsten bis zum fünfzigsten Jahre wird nämlich niemals bloß ein Jahr betragen, es sei denn, daß bei ihren Äonen, die der Reihe nach bei dem Bythos im Pleroma sitzen, die einzelnen Jahre so lange dauern, wie von ihnen schon der Dichter Homer spricht, indem er von ihrer armen gefallenen Mutter inspiriert ist:
Οἰ δὲ θεοὶ πάρ Ζηνὶ καθήμενοι ἠγορόωντο
Χρυσέῳ ἐν δαπέδῳ
was auf deutsch etwa heißt:
Doch die Götter bei Zeus ratschlagten, indem sie saßen
auf dem goldenen Estrich.