§ 1
Weiterhin zeigt sich ihre Erklärung als falsch und ihre Dichtung als haltlos auch darin, daß sie bald durch Zahlen und Silben der Worte, bald auch durch die Buchstaben der Silben oder die Zahlenwerte der griechischen Buchstaben ihre Beweise zu liefern suchen. So zeigen sie auf das klarste ihre Ratlosigkeit und die 166Verwirrung, Haltlosigkeit und das Gezwungene ihrer Wissenschaft. Obwohl nämlich der Name Jesu aus einer andern Sprache stammt, geben sie ihn, indem sie ihn in die Zahl der Griechen übertragen, bald als ein Symbol aus, weil er sechs Buchstaben hat, bald als die Fülle der Achtheit, weil sein Zahlenwert 888 beträgt. Seinen griechischen Namen aber, Soter, d. h. Heiland, verschweigen sie, weil er weder seinem Zahlenwert noch den Buchstaben nach zu ihrer Dichtung paßt. Wären aber die Namen von der göttlichen Vorsehung so ausgewählt worden, daß sie ihrem Zahlenwert und den Buchstaben nach etwas aus dem Pleroma bezeichneten, dann müßte auch der griechische Name Soter durch seine Buchstaben und den Zahlenwert ein Geheimnis des Pleroma andeuten. Das ist jedoch nicht der Fall, da er nur fünf Buchstaben zählt und sein Zahlenwert 1408 beträgt. Das steht in gar keiner Beziehung zu ihrem Pleroma, Also ist erfunden, was sie von den Vorgängen im Pleroma erzählen.
§ 2
Der Name Jesus aber enthält in der hebräischen Sprache, wie ihre Gelehrten sagen, zwei und einen halben Buchstaben und bedeutet jenen Herrn, der Himmel und Erde umfaßt. Denn Jesus bedeutet im Althebräischen „Herr des Himmels und der Erde“. Das Wort also, das Himmel und Erde enthält, ist eben Jesus. Falsch also ist ihre Angabe vom Symbol und umgestürzt offenbar ist ihre Berechnung. Denn in ihrer eignen Sprache, der griechischen, hat das Wort Soter fünf Buchstaben und in der hebräischen zweieinhalb. Also fällt auch ihre Rechnung mit den 888 zusammen. Und „überhaupt stimmen die hebräischen Buchstaben in ihrem Zahlenwert nicht mit den griechischen überein, obwohl sie doch als die älteren und zuverlässigeren die Berechnung der Namen aufweisen müßten. Denn die alten und ursprünglichen Buchstaben der Hebräer, die auch die priesterlichen genannt werden, sind zehn an der Zahl, reichen aber bis fünfzehn, indem der letzte Buchstabe mit dem ersten verbunden wird. Daher schreiben sie dieselben hintereinander, wie auch wir, lesen sie aber von 167rechts nach links. — Ferner müßte auch Christus einen Zahlenwert haben, der zu ihrem Äonenpleroma paßt, da er ja zur Befestigung und Berichtigung ihres Pleroma hervorgebracht ist, wie sie sagen. Ebenso müßte ihr Vater durch die Buchstaben und ihren Zahlenwert die Zahl der von ihm hervorgebrachten Äonen angeben, und gleichfalls der Bythos, nicht minder auch der Eingeborene, vor allem aber der allerhöchste Name Gott, der im Hebräischen Baruch heißt und zwei und einen halben Buchstaben hat. Da nun die fester stehenden Namen weder im Hebräischen noch im Griechischen weder nach der Zahl ihrer Buchstaben noch nach deren Zahlenwert zu ihrer Dichtung stimmen, so erweist sich auch hinsichtlich der übrigen Namen ihre Rechnung als eine schamlose Klügelei.
§ 3
Aus dem Gesetze nämlich suchen sie alles zusammen, was zu der Zahl ihrer Lehre paßt und machen daraus mit Gewalt ihre Beweise. Hätte aber ihre Mutter oder der Heiland die Absicht gehabt, durch den Demiurgen Abbilder der im Pleroma enthaltenen Dinge zu zeigen, dann hätten sie das an reelleren und heiligeren Dingen gemacht und besonders an der Bundeslade, nach der auch das ganze Bundeszelt eingerichtet war. Es war aber jene zwei und eine halbe Elle lang und anderthalb Ellen breit, welche Zahlen gar nicht zu ihrer Dichtung stimmen, obwohl man doch hier am meisten ein Vorbild erwarten konnte. Ebensowenig stimmt der Sühnealtar zu ihren Erklärungen oder der Schaubrotetisch von zwei Ellen Länge und einer Elle in die Breite und anderthalb Ellen Höhe. Und obgleich dieser vor dem Allerheiligsten stand, stimmt nicht eine einzige Zahl zu ihrer Vierheit oder Achtheit oder den übrigen Verhältnissen im Pleroma. Was soll ferner der siebenarmige Leuchter mit den sieben Lichtern? Wäre er als Abbild gemacht, dann hätte er doch acht Arme und ebensoviele Lichter haben müssen als Abbild der ersten Achtheit, die den Äonen voranleuchtet und das ganze Pleroma durchstrahlt. Die zehn Vorhallen aber haben sie sorgfältig gezählt, weil sie ein Vorbild der zehn Äonen sein sollen, die Vorhänge aber nicht mehr, da deren elf sind. Doch auch die Größe der Vorhallen, 168die jede achtundzwanzig Ellen lang sind, haben sie nicht mehr gemessen. Die Länge der Säulen, die zehn Ellen betrug, beziehen sie auf die zehn Äonen, aber ihre Breite, die anderthalb Ellen ausmachte, erklären sie nicht mehr und ebensowenig die Zahl aller Säulen noch ihre Riegel, weil diese nicht mehr in ihre Beweisführung passen. Was soll ferner das Salböl, welches das ganze Zelt heiligte?
Vielleicht ist es dem Heiland entgangen, oder es hat der Demiurg aus sich selbst, während ihre Mutter schlief, seine Gewichtsteile angeordnet, so daß es mit dem Pleroma nicht übereinstimmt, da es aus 500 Sekel Myrrhe, 500 Sekel Iris, 250 Sekel Zimmt, 250 Sekel Kalmus und dazu Öl, also im ganzen aus fünf Mischungen bestand. Ähnlich ist auch das Rauchwerk aus Myrrhe, Harz, Balsam, Galban, Krauseminze und Weihrauch zusammengesetzt, was weder in den Mischungen noch im Gewichte mit ihrer Lehre übereinstimmt. Unvernünftig und geradezu bäuerisch ist die Behauptung, daß in den erhabensten und schönsten Teilen des Alten Bundes kein Vorbild beachtet sei, wohl aber seien in den übrigen die Vorbilder innegehalten, sobald irgend eine Zahl mit ihren Sätzen übereinstimmt. Da nun jegliche Zahl in den Schriften vielfach vorkommt, so kann jeder nach seinem Belieben nicht nur die heilige Acht, Zehn und Zwölf, sondern auch jede andere beliebige Zahl aus den Schriften begründen und behaupten, diese sei das Abbild des von ihm erfundenen Irrtums.
§ 4
Die Wahrheit unserer Behauptung wollen wir aus den Schriften an der Fünfzahl erhärten, die in keiner Beziehung zu ihrem Lehrgebilde noch zu den Vorgängen in ihrem Pleroma steht. Der Name Soter hat fünf Buchstaben und Vater auch, und ebenso hat die Liebe fünf Buchstaben. Desgleichen hat unser Herr fünf Brote gesegnet und fünftausend Menschen gesättigt; von den klugen Jungfrauen gab es fünf und ebenso von den törichten. Gleichfalls fünf waren zugegen, wie der Vater seinen Sohn bezeugte, nämlich Petrus, Johannes, Jakobus, Moses und Elias; fünf, wie der Herr zu dem toten Mägdlein kam, das er erweckte, denn keinen, 169heißt es, ließ er hineingehen als Petrus, Jakobus, den Vater und die Mutter des Mädchens. Jener Reiche in der Hölle hat fünf Brüder, die ein von den Toten Auferstehender besuchen sollte. Der Schwemmteich, von dem der Herr den Gichtbrüchigen gesund nach Hause gehen hieß, hatte fünf Hallen. Die Gestalt des Kreuzes hat fünf End- oder Hauptpunkte, je einen oben, unten, rechts, links und einen in der Mitte. Mit fünf Nägeln war er am Kreuze befestigt. Unsere Hand hat fünf Finger, wir haben fünf Sinne. Fünf ist die Zahl unserer Eingeweide: Herz, Leber, Lungen, Milz und Nieren. Der ganze Mensch zerfällt in fünf Teile: Kopf, Brust, Bauch, Schenkel und Füße. Fünf Alter durchschreitet der Mensch, denn er ist zuerst Säugling, dann Kind, dann Knabe, dann Jüngling, dann Mann. In fünf Büchern übergab Moses dem Volke das Gesetz. Jede der Gesetzestafeln, die Moses von Gott erhielt, enthielt fünf Gebote. Der das Allerheiligste verhüllende Vorhang hatte fünf Säulen, und der Brandopferaltar war fünf Ellen lang. Fünf Priester wurden in der Wüste erwählt: Aaron, Nadab, Abiud, Eleazar und Ithamar. Der Leibrock, das Brustkleid und die übrigen Priesterkleider waren aus fünf Stücken gewebt: aus Gold, blauer Seide, Purpur, Scharlach und feinstem weißem Linnen. Und Jesus Nave verschloß fünf Könige der Amorrhäer in Höhlen und gab deren Köpfe dem Volke zum Zertreten. Wie für die Fünf, so kann man auch für jede andere Zahl noch viele tausend andere Dinge dieser Art aus der Schrift oder aus den Werken der Natur sammeln. Dennoch reden wir deswegen nicht von fünf Äonen, noch weihen wir die Fünfzahl zu einer göttlichen Sache, noch versuchen wir, unhaltbare Wahngebilde auf solchem Wege zu beweisen, noch zwingen wir die schöne Ordnung der göttlichen Schöpfung mit Gewalt in die Vorbilder von Wahngebilden, noch stellen wir gottlose und frevelhafte Dogmen auf, um uns von dem gesunden Menschenverstände entlarven und widerlegen zu lassen.
§ 5
Wer nämlich wird ihnen zugeben, daß nur deswegen das Jahr 365 Tage habe, damit die zwölf Monate 170zu je dreißig Tagen ein Abbild der zwölf Äonen seien? Besteht nicht bereits hier zwischen dem Vorbild und dem Abbild eine Unähnlichkeit? Dort nämlich ist jeder Äon der dreißigste Teil des gesamten Pleroma, der Monat aber zugestandenermaßen der zwölfte Teil des Jahres. Würde das Jahr in dreißig Teile zerfallen und der Monat in zwölf, dann könnte noch das Vorbild zu ihrem Lügenbau passen. Nun aber wird umgekehrt ihr Pleroma zwar in dreißig Teile zerlegt, einer seiner Teile in zwölf; das Jahr aber wird in zwölf Teile zerlegt und diese Teile wiederum in dreißig. Wie ungeschickt war also ihr Heiland, daß er den Monat zum Vorbild des gesamten Pleroma machte, das Jahr aber zum Vorbild der Zwölfheit des Pleroma! Passender hätte er doch das Jahr sowie das ganze Pleroma in dreißig Teile zerlegen müssen, den Monat aber in zwölf nach den Äonen des Pleroma. Weiter zerlegen jene das gesamte Pleroma in drei Teile, eine Achtheit, Zehnheit und Zwölfheit, das Jahr hingegen zerfällt in vier Teile: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Doch auch die Monate, die das Vorbild der hl. Dreißig sein sollen, haben nicht einmal genau dreißig Tage, sondern einige mehr, andere weniger, so daß im ganzen ihnen noch fünf Tage hinzugelegt werden. Ebenso hat auch der Tag nicht immer genau zwölf Stunden, sondern wächst von neun auf fünfzehn Stunden und fällt wieder von fünfzehn auf neun. Also sind die dreißigtägigen Monate nicht im Hinblick auf die dreißig Äonen erschaffen worden, sonst müßten sie genau dreißig Tage haben, noch können die zwölfstündigen Tage die zwölf Äonen abbilden, weil sie eben nicht immer genau zwölf Stunden haben.
§ 6
Sie nennen ferner die materiellen Dinge das Linke und sagen, daß alles, was zur Linken gehört, notwendig ins Verderben stürze, daß weiter der Heiland zu dem verlorenen Schaf gekommen sei, um es zur Rechten, d. h. zu jenen neunundneunzig erlösten Schafen überzuführen, die nicht verloren gingen, sondern im Schafstall geblieben waren. Da nun aber bis neunundneunzig noch mit der Linken gezählt wird, so müssen sie zugeben, daß sie nicht erlöst waren. So werden sie alles, was die Zahl hundert nicht erreicht, der Linken und 171somit der Verdammnis zuweisen müssen. Das Wort Liebe, das auf griechisch Agape heißt, zählt nach dem griechischen Zahlenwert der Buchstaben, wonach sie ja ihre Berechnung anstellen, nur dreiundneunzig und gehört somit auch zur Linken; auf ähnliche Weise gilt die Wahrheit, Alethia, nach obiger Berechnung vierundsechzig und gehört zu den materiellen Dingen, und so müssen sie überhaupt all die heiligen Namen, welche die Zahl hundert nicht erreichen, sondern noch an der linken Hand gezählt werden, dann als materielle und vergängliche gelten lassen.