§ 1
185Doch zu den andern Punkten ihrer Lehre müssen wir noch zurückkehren. Sie sagten nämlich, daß beim Weltenende ihre Mutter in das Pleroma zurückkomme und als Bräutigam den Erlöser empfange; daß sie als die Geistigen, nachdem sie ihrer Seelen entkleidet wären, zu Bräuten der geistigen Engel würden, und dass der Demiurg, der ja nur seelisch sei, an den Platz der Mutter trete, die Seelen der Gerechten aber an dem Ort der Mitte ausruhten, weil ja das Seelische zu dem Seelischen, das Geistige zu dem Geistigen sich hinziehen, das Materielle aber im Materiellen verbleiben müsse. Doch widersprechen sie sich damit selber. Es sollen ja die Seelen nicht wegen ihrer Natur an den Ort der Mitte zu ihresgleichen gehen, sondern wegen ihrer Werke, die gerechten nämlich dorthin und die gottlosen in das Feuer. Kommen nämlich alle Seelen an den Ort der Ruhe und der Mitte, eben weil sie Seelen von der gleichen Wesenheit sind, dann wäre der Glaube überflüssig und überflüssig die Herabkunft des Heilands. Geschieht es aber wegen ihrer Gerechtigkeit, dann ist der Grund der Rettung nicht mehr ihre Wesenheit. Dann müssten aber durch die Gerechtigkeit, ohne die sie sonst untergehen würden, auch die Körper gerettet werden; warum nämlich sollten sie es nicht, da sie doch an der Gerechtigkeit auch teilgenommen haben? Macht nämlich die Natur und Wesenheit selig, dann werden alle Seelen gerettet werden; ist es aber die Gerechtigkeit und der Glaube, warum sollen dann die Leiber nicht gerettet werden, die ähnlich wie die Seelen dem Verderben anheimfallen sollten? Sonst würde die Gerechtigkeit als machtlos oder ungerecht erscheinen, wenn sie den einen Teil wegen der Verbindung mit ihr rettet, den andern aber nicht.
§ 2
In dem Leibe nämlich werden offenbar die Werke der Gerechtigkeit vollbracht, Entweder werden daher alle Seelen notwendig in den Ort der Mitte eingehen und dem Gerichte entrinnen, oder es werden auch die Leiber, die an der Gerechtigkeit teilgenommen haben, 186mit den Seelen, die ähnlich daran teilnehmen, den Ort der Ruhe erlangen, wenn die Gerechtigkeit es überhaupt vermag, die dorthin zu bringen, die mit ihr verbunden waren; und wahr und unerschütterlich wird die Lehre von der Auferstehung des Fleisches hervorleuchten. Das aber ist unser Glaube, daß Gott auch unsere sterblichen Leiber, die die Gerechtigkeit bewahrten, auferwecken, unversehrbar und unsterblich machen wird. Denn Gott ist mächtiger als die Natur. Er will es, weil er gut ist; er kann es, weil er mächtig ist; er tut es, weil er unendlich gütig ist.
§ 3
Jene aber widersprechen sich in jeder Hinsicht, wenn sie angeben, daß nicht alle Seelen in den Ort der Mitte übergehen, sondern nur die Seelen der Gerechten. Drei von Natur und Wesenheit verschiedene Zeugungen sollen nämlich von der Mutter ausgegangen sein: Erstlich aus der Verlegenheit, dem Ekel und der Furcht die Materie, zweitens aus dem Ungestüm das Seelische, drittens aus der Anschauung der Christus begleitenden Engel das Geistige. Wenn nun also dieses letztere, weil es geistig ist, unter allen Umständen ins Pleroma eingeht, das Materielle aber unten verbleibt, nur weil es materiell ist und durch den Ausbruch des in ihm enthaltenen Feuers gänzlich verzehrt wird: warum soll dann das Seelische nicht gänzlich in den Ort der Mitte übergehen, wohin sie auch den Demiurgen schicken? Was aber soll denn nun von ihnen in das Pleroma eingehen? Die Seelen sollen an dem Ort der Mitte verbleiben, die Leiber aber, da sie von materieller Beschaffenheit sind, in die Materie aufgelöst und von dem ihr innewohnenden Feuer verzehrt werden. Wenn nun aber ihr Leib zerstört ist und ihre Seele in der Mitte verbleibt, dann ist von dem Menschen nichts mehr übrig, was ins Pleroma eingehen könnte. Denn die Sinne des Menschen und sein Verstand, sein Denken und Fühlen und, was sonst noch derart ist, sind nicht etwas anderes als die Seele, sondern nur ihre Bewegungen und Tätigkeiten, die ohne die Seele keine eigene Wesenheit haben. Was also bleibt von ihnen noch für das Pleroma übrig? Was von ihnen Seele ist, verbleibt in der Mitte, was aber Leib ist, wird mit der übrigen Materie brennen.