§ 1
Da wir nun als Richtschnur die Wahrheit selbst und das offen vorliegende Zeugnis in betreff Gottes haben, so dürfen wir uns nicht noch auf die Suche begeben und immer neue Erklärungen ausfindig machen, indem wir die zuverlässige und wahre Kenntnis in betreff Gottes verwerfen, sondern müssen uns geziemenderweise in die Erforschung der Geheimnisse und der Heilsordnung Gottes versenken, indem wir hierauf die Erklärung der Fragen richten und in der Liebe dessen wachsen, der für uns so große Dinge getan hat und noch tut, und dürfen niemals von der Überzeugung abtrünnig werden, die auf das klarste gepredigt wird, daß es in Wahrheit keinen andern Gott und Vater gibt als den, der diese Welt erschaffen, den Menschen gebildet hat; daß er es ist, der seiner Kreatur Wachstum verlieh, sie von kleinen Anfängen zu dem höheren Glücke, das in ihm selber ist, berief, gleichwie er das im Mutterleibe empfangene Kind an das Licht der Sonne hinausführt und den Weizen, nachdem er am Halme erstarkt ist, in die Scheune einbringt. Ein und derselbe Weltenschöpfer ist es, der den Mutterleib gebildet und die Sonne erschaffen hat, 178ein und derselbe Herr, der den Halm hervorbringt, der den Weizen wachsen läßt und mehrt und auch die „Scheune“ zubereitet hat.
§ 2
Falls wir aber auch nicht für alles, was wir in den Schriften suchen, Erklärungen finden können, so dürfen wir doch nicht nach einem andern Gotte als den, welcher ist, ausschauen. Denn das wäre die größte Gottlosigkeit. Da müssen wir einfach hinter Gott zurücktreten, der uns gemacht hat, da wir ja sehr wohl wissen, daß die Schrift vollkommen ist, weil sie von Gottes Wort und seinem Geist gesprochen ist, daß aber wir der Kenntnis seiner Geheimnisse in dem Maße entbehren, wie wir kleiner sind und jünger als Gottes Wort und sein Geist. Keineswegs ist es zu verwundern, wenn es uns bei den geistigen und himmlischen und den übrigen Gegenständen der Offenbarung so ergeht, wo doch schon vieles von dem, was zu unsern Füßen liegt, unserer Kenntnis entgeht und Gott überlassen bleiben muß. Er muß ja doch alles überragen. Wie, wenn wir versuchen wollten, die Ursache der Überschwemmungen des Nils zu erklären? Wir können zwar viel darüber reden, Wahrscheinliches vielleicht und Unwahrscheinliches, was aber davon wahr, sicher, zuverlässig ist, weiß allein Gott. Auch die Wohnung der Zugvögel, die im Frühling zu uns kommen und im Herbste fortziehen, entgeht unserer Kenntnis und gehört doch zu dieser Welt. Des Ozeans Ebbe und Flut hat seine bestimmte Ursache gewiß, doch wer möchte sie angeben oder erzählen, was jenseits des Ozeans ist? Was können wir sagen über die Ursache des Regens, des Blitzes, des Donners, der Wolken, des Nebels, der Winde u. a. m., über die Schatzkammern des Schnees und des Hagels und was damit verwandt ist? Wie sammeln sich die Wolken, und wie kommt der Nebel zustande? Warum nimmt der Mond ab und zu? Warum sind Wasser, Metalle und anderes derart verschieden? Indem wir die Ursachen dieser Dinge suchen, können wir zwar vielerlei schwätzen, die Wahrheit aber ist allein bei Gott, der sie gemacht hat.
§ 3
179Wenn nun schon von den Dingen dieser Schöpfung nur ein Teil zu unserer Kenntnis kommt, während ein anderer Gott vorbehalten bleibt, was schadet es dann, wenn auch von dem, was wir in der Schrift suchen, die doch durchweg geistig ist, nur ein Teil unserer Erklärung zugänglich ist, der andere aber Gott überlassen bleibt, nicht nur in dieser, sondern auch in der zukünftigen Welt, so daß Gott immer Lehrer, der Mensch aber immer sein Schüler bleibt? Sagt doch auch der Apostel, daß, wenn alles übrige vernichtet sein wird, diese drei bleiben werden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Immerdar unerschüttert bleibt der Glaube an unsern Lehrer, der uns die Gewißheit gibt, dass nur einer Gott ist, daß wir ihn immer wahrhaft lieben, weil er allein unser Vater ist, und daß wir hoffen, immer mehr von ihm zu empfangen, und daß wir von Gott lernen, daß er gut ist und unendlichen Reichtum besitzt und ein Reich ohne Ende und unbegrenzte Belehrung. Überlassen wir also auf obengenannte Weise einige Fragen Gott, dann werden wir unsern Glauben bewahren, ungefährdet darin verharren und erkennen, daß die ganze Schrift, wie sie von Gott gegeben ist, wohl übereinstimmt, daß die Parabeln zu dem, was deutlich gesagt ist, passen und daß das deutlich Gesagte die Parabeln erklärt, und aus der Polyphonie der verschiedenen Aussprüche wird eine Symphonie uns entgegenklingen, Gott zum Lobe, der alles gemacht hat. —Fragt jemand z. B.: „Was tat Gott, ehe er die Welt schuf?“, so sagen wir: Die Antwort auf diese Frage steht Gott zu. Die Schrift lehrt uns nur, daß diese Welt vollständig von Gott gemacht ist und in der Zeit einen Anfang genommen hat; was vordem Gott tat, lehrt keine Schrift. Indem wir also darauf die Antwort Gott überlassen, erübrigen sich für uns jene törichten und sinnlos-gottlosen Erfindungen, die darauf hinauslaufen, dass man Gott verwirft, der alles gemacht hat.
§ 4
Da nun der alleinig wahre Gott der Vater ist, den jene Demiurgen nennen, und die Schrift diesen allein als Gott kennt und auch der Herr diesen allein seinen eigentlichen Vater nennt und einen andern nicht kennt, 180wie wir ihnen aus seinen Worten beweisen werden, so mögen alle, die derartiges erfinden, bedenken, wie sehr sie den lästern, der der wahre Gott ist, wenn sie ihn Frucht des Fehltritts oder Erzeugnis der Unwissenheit nennen, der nichts wisse von dem, was über ihm ist, und anderes derart. Zuerst behaupten sie mit großem Nachdruck und ehrbarer Miene, daß sie an Gott glauben, und dann nennen sie den Gott, an den sie zu glauben vorgeben, Frucht des Fehltritts und Erzeugnis der Unwissenheit, da sie einen andern Gott durchaus nicht aufzuweisen vermögen. Diese Blindheit und dies törichte Gerede kommt daher, daß sie Gott nichts übrig lassen wollen, daß sie die Geburt Gottes selbst, seiner Ennoia, des Wortes, des Lebens und Christi und ihr Hervorgehen verkünden wollen und dies nirgend anderswoher als aus den Affekten der Menschen ableiten wollen. Sie wollen also nicht einsehen, was wir oben bereits gesagt haben, daß man bei dem Menschen zwar, weil er ein zusammengesetztes Lebewesen ist, von seinem Verstand und seinem Bewußtsein reden darf, und daß aus dem Verstand das Bewußtsein, aus dem Bewußtsein die Begierde, aus der Begierde wiederum der Logos, das Wort hervorgeht, wobei noch nach dem Griechischen zu unterscheiden ist zwischen dem Logos, welcher die Ursache des Denkens ist, und dem Organ, von welchem das Wort ausgeht: daß nur der Mensch bisweilen ruhe und schweige, bisweilen aber spreche und wirke. Da Gott aber ganz Verstand, ganz Vernunft, ganz wirkender Geist ist, ganz Licht ist und immer sich gleich und ähnlich bleibt, wie es sich für uns geziemt, von Gott zu denken und wie die Schrift es uns lehrt, so können wir bei ihm geziemenderweise solche Affekte und Unterschiede nicht annehmen. Kann doch schon der Schnelligkeit des menschlichen Verstandes die Zunge nicht schnell genug folgen, weil sie fleischlich ist, so daß innerlich das Wort gehemmt wird und nicht auf einmal hervorgebracht wird, wie es von dem Verstande erfaßt worden ist, sondern nur stückweise, wie es eben die Zunge zu schaffen vermag.
§ 5
Da aber Gott ganz Verstand und ganz Wort ist, so denkt er, was er spricht, und spricht, was er denkt. 181Denn sein Denken ist das Wort, und das Wort ist sein Verstand, und der alles umfassende Verstand ist der Vater selber. Wer also von dem Verstande Gottes spricht und diesen Verstand ein besonderes Erzeugnis sein läßt, der predigt Gott als ein zusammengesetztes Wesen, als wenn Gott etwas anders sei als der ursprüngliche Verstand. Macht man in ähnlicher Weise den Logos zur dritten Emanation des Vaters, ohne seine Größe zu kennen, so hat man ihn sofort auch von Gott weit getrennt. Der Prophet sagt von ihm: „Wer wird seine Geburt angeben?“ Ihr aber, die ihr seine Geburt aus dem Vater orakelt und die Hervorbringung des menschlichen Wortes auf das Wort Gottes übertraget, verratet recht eigentlich euch selbst, daß ihr weder menschliche noch göttliche Angelegenheiten kennt.
§ 6
Ihr behauptet in eurer törichten Aufgeblasenheit ganz frech, daß ihr die unaussprechlichen Geheimnisse Gottes wüßtet, wohingegen der Herr, der der Sohn Gottes selbst ist, die Kenntnis des jüngsten Tages und seiner Stunde nur dem Vater zuschreibt, indem er ausdrücklich sagt: „Den Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater“. Wenn also der Sohn sich nicht schämte, diese Kenntnis nur dem Vater zuzuschreiben, sondern der Wahrheit Zeugnis gab, dann brauchen auch wir uns nicht zu schämen, was in den tieferen Fragen uns dunkel bleibt, Gott zu überlassen. Niemand nämlich ist über seinem Meister. Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich 182bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen. Denn wie aus der Denkkraft und dem Verstande das Wort hervorgeht, das wissen ja alle Menschen. Also haben die wahrlich keine großartige Erfindung gemacht, die solch ein Hervorgehen erdachten, noch ein tiefes Geheimnis entdeckt, wenn sie das, was von allen gewußt wird, auf den eingeborenen Sohn Gottes übertrugen. Und den, welchen sie den unaussprechlichen Unnennbaren heißen, den verkünden sie, gleich als ob sie selbst bei seiner Geburt geholfen hätten, als die Hervorbringung und Geburt der ersten Zeugung, indem sie ihn der Aussendung des menschlichen Wortes gleichstellen.
§ 7
Wir werden aber auch nicht fehlgehen, wenn wir ebenso von dem Wesen der Materie behaupten, daß Gott sie hervorgebracht hat. Wissen wir doch aus der Schrift, daß Gott die Oberherrschaft über alles besitzt. Woher aber die Materie stammt, oder auf welche Weise sie erschaffen ist, das verrät die Schrift nirgends, noch können wir es erraten, indem wir endlose Vermutungen über Gott aufstellen, denn die Kenntnis dieser Dinge müssen wir Gott überlassen. Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum einige Geschöpfe, wo doch alle von Gott erschaffen sind, seinen Willen übertraten und sich gegen ihn auflehnten, andere aber und bei weitem die meisten ihm treu blieben und im Gehorsam gegen ihren Schöpfer verharren, welcher Natur jene und welcher Natur diese sind. Das muß man Gott und seinem Worte überlassen, zu dem allein er gesprochen hat: „Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße“. Wir aber, die wir auf Erden weilen, sitzen noch nicht neben seinem Throne, Der Geist des Erlösers, der in ihm ist, durchforscht freilich alles, auch die Tiefen Gottes. Bei uns aber sind die Gnadengaben verschieden, und die geistlichen Verrichtungen und die Wunderkräfte, und solange wir 183auf Erden sind, ist, wie der hl. Paulus sagt, Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wie also unser Erkennen beschränkt ist, so müssen wir uns auch in den verschiedenen Fragen dem anvertrauen, der uns stückweise seine Gnade schenkt. Daß den Ungehorsamen das ewige Feuer zubereitet ist, hat der Herr ausdrücklich gelehrt, und bekunden auch die übrigen Schriften; daß er dies als zukünftig voraus gewußt hat, lehrt ebenfalls die Schrift, wie er auch, das ewige Feuer denen zubereitet hat, die ungehorsam sein würden, aber die Ursache ihrer Natur hat keine Schrift berichtet, noch ein Apostel benannt, noch der Herr gelehrt. Also müssen wir auch diese Kenntnis Gott überlassen, wie die Kenntnis des Tages und der Stunde. Wie dürften wir uns soweit versteigen, daß wir Gott nichts überließen, da wir doch nur teilweise die Gnade empfangen haben! Wollen wir suchen, was über uns liegt, und was wir nicht erreichen können, dann müssen wir allerdings zu solcher Kühnheit gelangen, daß wir Gott sezieren und uns stellen, als ob wir das Unauffindbare schon gefunden hätten, und erklären, daß Gott, der Schöpfer des Weltalls, durch die törichten Emanationen seine Wesenheit aus dem Fehltritt und der Unwissenheit erhalten habe, und so gegen Gott selbst eine gottlose Lehre zusammenstellen.
§ 8
Alsdann können sie doch ihre neu erfundene Erdichtung nicht dadurch beweisen, daß sie bald durch irgend welche Zahlen, bald durch Silben oder durch Namen oder durch Buchstaben, die in den Buchstaben enthalten sein sollen, oder durch Parabeln, die sie falsch erklären, oder durch irgend welche Vermutungen jene fabelhaften Erzählungen, die sie sich selbst erdichtet haben, zu bekräftigen versuchen. Sollte nämlich jemand fragen, warum denn der Vater, der dem Sohn doch alles mitteilt, wie der Herr ausdrücklich erklärt, den Tag und die Stunde allein weiß, dann kann er keine passendere, geziemendere und gefahrlosere Erklärung für die Gegenwart finden, weil doch der Herr der allein wahre Lehrer ist, als daß wir von ihm lernen, daß der Vater 184der Allerhöchste ist. „Der Vater ist nämlich größer als ich“. Deswegen also hat unser Herr gelehrt, daß auch hinsichtlich seiner Erkenntnis der Vater allen überlegen ist, damit auch wir, solange wir noch in der Gestalt dieser Welt wandeln, die vollkommene Erkenntnis und derartige Fragen Gott überlassen und nicht etwa auf der Suche nach der Höhe des Vaters in die Gefahr stürzen, zu suchen, ob über Gott noch ein anderer Gott sei.
§ 9
Will nun jemand unsere Ausführungen und dem Worte des Apostels widersprechen, daß Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien ist, weil er meint, daß er nicht eine stückweise, sondern universelle Kenntnis der existierenden Dinge besitze, sei es nun ein Valentinus oder Ptolomäus oder Basilides oder ein anderer von jenen, welche die Tiefen Gottes erforscht haben wollen, so möge er uns doch die Gründe der Dinge, die in dieser Welt sind, und die wir nicht wissen, wie z. B. die Zahl der Haare seines Kopfes oder der Sperlinge, die täglich gefangen werden, oder ähnliche uns unbekannte Dinge sorgfältig erforschen, von seinem Vater lernen und uns verkünden, damit wir auch die größeren Dinge ihm glauben! Aber nicht möge er sich mit eitler Prahlerei ausputzen und inbetreff unsichtbarer Dinge, die nicht bewiesen werden können, sich rühmen, mehr als andere zu wissen. Wenn nämlich die, welche sich die Vollkommenen nennen, nicht einmal das, was uns auf der Hand oder vor den Füßen liegt, und sich in unserm Gesichtskreis auf Erden befindet, ja nicht einmal den Stand ihrer eignen Kopfhaare wissen, wie sollen wir ihnen dann das glauben, was sie über geistige und überhimmlische, ja sogar über übergöttliche Dinge in eitlem Wortgepränge behaupten?
Soviel möge nun von uns über ihre Zahlen, Namen, Silben, überirdische Fragen und falsche Parabelauslegungen gesagt sein! Du wirst aus dem Deinigen noch mehr hinzufügen können.