§ 1
Besser ist es also und nützlicher, in schlichter Einfalt wenig zu wissen und durch die Liebe Gott nahe zu kommen, als sich für gelehrt zu halten und bei vieler Erfahrung als ein Gotteslästerer erfunden zu werden, der sich einen andern Gott Vater gemacht hat. Darum ruft der hl. Paulus: „Wissenschaft bläst auf, Liebe erbaut“, nicht als ob er die wahre Gottesgelehrtheit tadelte, sonst würde er sich ja selbst anklagen, sondern weil er weiß, daß manche, mit falscher Wissenschaft sich spreizend, von der Liebe Gottes abgefallen sind, darob sich für vollkommen hielten und einen unvollkommenen Weltenmeister aufbrachten. Den auf solcher Weisheit sich gründenden Dünkel will er treffen, wenn er sagt: „Wissenschaft bläst auf, Liebe erbaut.“ Welcher Dünkel aber ist größer, als wenn einer glaubt, er sei besser und vollkommener als der, welcher ihn gemacht und erschaffen hat, ihm den Hauch des Lebens und das Dasein selbst gegeben hat! Besser also ist es, wie ich gesagt habe, wenn einer gar nichts weiß, nicht eine einzige Ursache der erschaffenen Dinge kennt, aber im Glauben an Gott und in seiner Liebe verharrt, als wenn er durch sogenannte Wissenschaft aufgeblasen, 174von der Liebe abfällt, die den Menschen lebendig macht. Besser ist es, nichts anderes zu kennen wie Jesum Christum, der für uns gekreuzigt ist, als durch spitzfindige Untersuchungen und Haarspaltereien in Gottlosigkeit zu fallen.
§ 2
Wie denn, wenn jemand, durch solche Versuche etwas aufgeblasen, deshalb, weil der Herr gesagt hat: “Alle Haare eures Hauptes sind gezählt“, neugierig erforschen wollte, wieviel Haare ein jeder auf seinem Haupte hat, und welches die Ursache ist, daß dieser soviel, jener aber soviel und nicht alle die gleiche Anzahl haben, so daß er viele tausendmal tausend verschiedene Zahlen fände, weil diese einen großen, jene einen kleinen Kopf haben, diese dichte, jene spärliche, andere wieder fast gar keine Haare haben, und dann, in der Meinung, die Zahl der Haare gefunden zu haben, versuchen wollte, aus dieser die Beweise für die von ihm erdachten Irrlehre herzuleiten? Oder wiederum, wenn jemand, weil es im Evangelium heißt: „Kauft man nicht zwei Spatzen um einen Pfennig, und keiner von ihnen fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters?“, nun zählen wollte, wieviel Spatzen täglich in jeder Gegend gefangen werden, und die Ursache erforschen wollte, warum gestern soviel, vorgestern soviel und heute soviel gefangen wurden, und diese Zahl der Spatzen zu seiner Lehre in Beziehung setzen wollte? Würde er sich nicht selbst anführen und die, so ihm anhängen, in große Torheit bringen, zumal die Menschen immer geneigt sind, in derlei Dingen zu glauben, daß sie noch mehr gefunden hätten als ihre Lehrer?
§ 3
Wie aber, wenn jemand uns fragen wollte, ob jegliche Zahl der Dinge, die geworden sind und werden, Gott bekannt ist, und ob jedes nach seiner Vorsehung die ihm zustehende Menge empfangen hat, so werden wir zugeben und eingestehen, daß nichts von dem, was geworden ist und wird und werden wird, der göttlichen Kenntnis entgeht, sondern jedes Einzelding gemäß seiner Vorsehung Gestalt, Platz, Zahl und Menge nach seiner Eigenart 175empfangen habe und empfange, und daß nichts davon ziellos oder zufällig geworden sei oder werde, sondern mit großer Zweckmäßigkeit und erhabener Weisheit, und daß ein bewunderungswürdiger und wahrhaft göttlicher Verstand dazu erforderlich ist, um dergleichen unterscheiden und die eigentlichen Ursachen angeben zu können. Wenn jener nun von uns dieses Zeugnis und Bekenntnis empfinge und darauf fortfahren wollte, den Sand und die Steinchen der Erde, die Wellen des Meeres und die Sterne des Himmels zu zählen und die Ursachen für die angeblich gefundenen Zahlen zu erforschen, würde ein solcher ob seiner unnützen Arbeit nicht als verrückt und unvernünftig von allen Vernünftigen betrachtet werden? Und je mehr er vor allen übrigen sich mit solchen Untersuchungen befaßt und glaubt, mehr als die andern gefunden zu haben und jene Ignoranten, Idioten und Irdische nennt, weil sie seine so unnütze Arbeit nicht achten, um so mehr ist er unverständig und dumm, gleichsam wie vom Blitze getroffen, weil er Gott keinen Platz läßt, sondern durch seine vermeintlichen Erfindungen in der Wissenschaft Gott umgestaltet und seine Ansicht hinausschleudert über die Größe des Schöpfers hinweg.