Basilius von Cäsarea · Regulae brevius tractatae · Buch 3 · Kapitel 75
Ob man den Satan den Urheber aller Sünden, mögen sie in Gedanken, Worten oder Werken vollbracht werden, nennen dürfe.
Antwort. Im Allgemeinen glaube ich, daß der Satan an und für sich bei Niemandem der Urheber einer Sünde werden kann, sondern daß er sich bald der dem Menschen innewohnenden natürlichen Regungen, bald der verbotenen Neigungen bedient und dadurch die nicht Wachsamen zu leidenschaftlichen Werken zu verleiten sucht. Der natürlichen Regungen bedient er sich, wie er es bei dem Herrn zu thun versuchte, da er den Hunger desselben bemerkte und sprach: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brod werden;“ der verbotenen Leidenschaften aber wie bei Judas. Denn als er erkannte, dieser sei an der Geldliebe krank, benutzte er diese Leidenschaft und verleitete den Habsüchtigen zu dem Verbrechen des Verraths durch die dreissig Silberlinge. Daß aber auch das Böse aus uns selbst entspringt, bezeugt der Herr deutlich: „Denn aus dem Herzen,“ sagt er, „kommen die bösen Gedanken.“ Dieses tritt aber 228 bei Solchen ein, welche den natürlichen Samen des Guten aus Gleichgiltigkeit unangebaut lassen, wie in den Sprüchen gesagt ist: „Wie ein Acker ist ein thörichter Mann und wie ein Weinberg ein unvernünftiger Mensch. Verläßt du ihn, so wird er wüst werden und ganz von Unkraut strotzen und verlassen werden.“ Die in solcher Sorglosigkeit unbebaut und öde gelassene Seele muß folgerichtig nothwendig Dornen und Disteln hervorbringen und es ihr gehen, wie gesagt ist: „Ich erwartete, daß er Trauben brächte, er brachte aber Dornen.“ Von dieser Seele war früher gesagt: „Und ich pflanzte einen Weinstock Sorek,“ was in unserer Sprache auserwählt heißt. Etwas Ähnliches kann man auch bei Jeremias finden, der in der Person Gottes sagt: „Ich pflanzte einen fruchtbaren Weinstock, einen ganz ächten; wie bist du in Bitterkeit verwandelt worden gleich einem wilden Weinstock!“