Basilius von Cäsarea · Regulae brevius tractatae · Buch 3 · Kapitel 16
193 Warum wird die Seele oft von selbst zerknirscht, und warum kann sie oft nicht einmal mit Gewalt dazu gebracht werden?
Antwort. Eine solche Zerknirschung ist ein Geschenk Gottes, entweder zur Erweckung des Verlangens, diesen Schmerz, wenn die Seele einmal seine Süßigkeit gekostet hat, eifrig zu pflegen, oder zum Beweise der Wahrheit, daß die Seele durch eifriges Bestreben immer im Zustande der Zerknirschung sein könne, damit Diejenigen ohne Entschuldigung sind, welche sie aus Leichtsinn aufgegeben haben. Was Das aber angeht, genöthigt werden und nicht können, so ist Das ein Beweis von unserer Sorglosigkeit in früherer Zeit; — denn es ist nicht möglich, daß, wenn Jemand ohne Überlegung und ohne viele und sorgfältige Übung plötzlich an eine Sache herantritt, er ihrer Herr werde, — wie es dann ferner anzeigt, daß die Seele von andern Leidenschaften beherrscht und ihr von jenen nicht gestattet wird, für Das frei zu sein, was sie will, noch dem Ausspruche des Apostels, welcher sagt: „Ich aber bin fleischlich, verkauft unter die Sünde; denn was ich nicht will, Das thue ich, sondern was ich hasse, Das thue ich.“ Und ferner: „Nun aber wirke nicht mehr ich Dieses, sondern die in mir wohnende Sünde.“ Denn Gott läßt uns Dieses zu unserem Besten widerfahren, damit die Seele durch Das, was sie widerwillig leidet, zur Erkenntniß dessen gelangt, was sie beherrscht, und, wenn sie erkannt hat, worin sie der Sünde widerwillig dient, sich dem Fallstricke des Teufels entzieht und die Barmherzigkeit Gottes findet, welche zur Aufnahme Derer bereit ist, die aufrichtig Buße thun.