372 Doch dem ist nicht so. Vielmehr wird im Alten Testament vieles vom Sohne ausgesagt, wie z. B. im 2. Psalm: „Mein Sohn bist Du, heute habe ich Dich gezeugt“, und im 9. die Aufschrift: „Zum Ende für die Geheimnisse des Sohnes, Psalm Davids“, und im 44.: „Zum Ende für die, welche umgewandelt werden, den Söhnen des Koreh zur Unterweisung ein Lobgesang für den Geliebten“. Und bei Isaias: „Ich will dem Geliebten ein Lied singen, von dem Geliebten in meinem Weinberge. Der Geliebte hatte einen Weinberg“. Wer anders ist aber der Geliebte als der eingeborene Sohn? So heißt es auch im 109. Psalm: „Aus dem Mutterleib hab ich Dich vor dem Morgenstern gezeugt“, wovon später die Rede sein wird, und in den Sprichwörtern: „Vor allen Hügeln zeugt er mich“, und bei Daniel: „Und die Gestalt des vierten war dem Sohne Gottes ähnlich“ und anderes mehr. Wenn also im Alten Testament das Altertum enthalten ist, dann ist wohl auch der Sohn alt, der im Alten Testament an vielen Stellen kenntlich gemacht ist. Freilich kommt er darin vor, sagen sie; doch das wollen prophetische Worte sein. Nun könnte man aber sagen: Auch die Stellen über das Wort lauten prophetisch. Denn nicht ist dies dort der Fall, hier aber nicht. Denn wenn die Worte: „Mein Sohn bist Du“ auf die Zukunft gehen, dann offenbar auch die andern: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel befestigt“. Denn er sagte nicht: „Sie Würden“, oder: „Er machte“. Weil aber das Wort „er befestigte“ von der Zukunft zu verstehen ist, so heißt es: „Der Herr herrschte“ und hierauf: „Denn er befestigte den Erdkreis, der nicht erschüttert werden wird“. Und wenn die Worte im 44. Psalm „für den 373 Geliebten“ sich auf die Zukunft beziehen, dann offenbar auch der Zusatz: „Meinem Herzen entquoll ein gutes Wort“. Und wenn die Worte „aus dem Mutterleibe“ von Menschen gesagt sind, dann auch die andern „aus dem Herzen“. Denn wenn der Mutterleib zum Menschen gehört, so gehört auch das Herz zum Leibe. Wenn aber das, was „aus dem Herzen“ stammt, ewig ist, dann ist auch das ewig, was „aus dem Mutterleibe“ stammt. Und wenn der Eingeborene im Schoße ist, so ist auch der Geliebte im Schoße. Denn das Eingeborene ist soviel wie das Geliebte, wie die Worte zeigen: „Dieser ist mein geliebter Sohn“. Denn nicht um die Liebe zu ihm auszudrücken sagt er: „Geliebter“, damit es nicht den Anschein habe, als hasse er die andern, sondern um anzuzeigen, daß er allein aus ihm stamme. So sagt denn auch das Wort, da es dem Abraham das Eingeborene bezeichnen will: „Opfere deinen geliebten Sohn“. Jedermann aber ist es klar, daß bloß Isaak, der Sohn der Sara, gemeint ist. Es ist also das Wort Sohn, nicht erst Sohn geworden oder genannt, sondern immer Sohn. Denn ist der Sohn nicht, dann ist auch das Wort nicht, und ist das Wort nicht, dann ist auch der Sohn nicht. Denn was aus dem Vater stammt, ist Sohn. Was stammt aber aus dem Vater, wenn nicht das Wort, das aus dem Herzen hervorging und aus dem Mutterleibe gezeugt ward? Denn nicht der Vater ist das Wort, noch das Wort Vater, sondern ersterer ist Vater, letzterer Sohn; ersterer zeugt, letzterer wird gezeugt.