349 Man muß also sagen: Gott ist weise und nicht ohne Wort [Vernunft], oder im Gegenteil: Er ist unweise und ohne Wort [Vernunft]. Trifft nun das letztere zu, so liegt in der Behauptung selbst die Ungereimtheit. Ist aber das erstere der Fall, so muß man fragen: Wie ist er weise und nicht ohne Wort [Vernunft]? Hat er von außen das Wort und die Weisheit empfangen oder aus sich selbst? Wenn nun von außen, dann wird es einen geben, der es ihm gegeben hat, und er ist unweise und ohne Wort, bevor er es empfing, wenn aber aus sich selbst, so ist es offenbar nicht aus Nichtseiendem, und es war auch niemals eine Zeit, da es nicht war; denn es war immer, da auch der immer existiert, dessen Bild es ist. Wenn sie aber sagen, daß er weise und nicht ohne Wort sei, jedoch eine eigene Weisheit und ein eigenes Wort in sich habe, nicht aber Christus, sondern das, in dem er auch Christus gemacht hat, so muß man sagen: Wenn Christus in jenem Wort entstanden ist, dann offenbar auch alles. Und es wäre dasselbe, von dem Johannes sagt: „Alles ist durch dasselbe entstanden“, und der Psalmist: „Alles hast Du in Weisheit gemacht“. Christus wird aber dann als Lügner befunden, da er sagt: „Ich bin im Vater“, wenn doch ein anderer im Vater ist. Und wenn es heißt: „Das Wort aber ist Fleisch geworden“, so ist dies nach ihnen nicht wahr. Denn wenn der, in dem alles geworden, selbst Fleisch geworden ist, Christus aber nicht das Wort im Vater ist, durch das alles geworden, dann ist doch Christus nicht Fleisch geworden, sondern wurde vielleicht Christus Wort genannt. Und wenn dies der Fall ist, so wäre er fürs erste ein anderer als der Name besagt, fürs zweite ist nicht durch ihn alles entstanden, sondern in jenem, in dem auch Christus geworden ist. Wenn sie aber sagen, die Weisheit sei wie eine Eigenschaft im Vater oder er sei selbst die Weisheit, so werden daraus die schon oben genannten 350 Ungereimtheiten sich ergeben; denn er wird zusammengesetzt und selbst sein eigener Vater und Sohn sein. Doch man muß sie überführen und ihnen zur Beschämung beweisen, daß das Wort in Gott kein Geschöpf und auch nicht aus dem Nichtseienden ist. Ist aber einmal ein Wort in Gott, dann ist es wohl Christus selbst, der sagt: „Ich im Vater und der Vater in mir“, der deshalb auch eingeboren ist, da kein anderer aus ihm gezeugt wurde. Einer ist dieser Sohn, der Wort, Weisheit und Kraft ist; denn nicht ist Gott damit zusammengesetzt, sondern er ist dessen Erzeuger. Denn wie er die Geschöpfe durch das Wort erschafft, so hat er das Wort nach der Natur der eigenen Substanz als Zeugung, durch das er alles macht, schafft und anordnet. Denn durch das Wort und die Weisheit ist alles entstanden und durch seine Anordnung bleibt alles erhalten. Dasselbe gilt auch vom Sohne. Wenn Gott nicht zeugt, dann ist er auch untätig; denn seine Zeugung ist der Sohn, durch den er tätig ist, Wenn aber nicht, dann werden diese Unverschämten sich in dieselben Fragen und Ungereimtheiten verwickeln.