Dieses Schreiben führt uns in den großen monophysitischen oder nach seinem Hauptvertreter Eutyches, Priester und Archimandrit eines großen Klosters in Konstantinopel, so genannten eutychianischen Glaubensstreit ein. Wie die einseitige Bekämpfung des Apollinarismus als Gegensatz den Nestorianismus hervorbrachte, so entstand als falscher Gegensatz zu letzterem der Monophysitismus, der die beiden Naturen in Christus in eine einzige aufgehen oder zusammenfließen ließ; man nannte dies damals noch Apollinarismus. Beim Ausbruche der nestorianischen Häresie stellte sich Eutyches auf die Seite der Gegner dieses Irrtums und wirkte namentlich beim kaiserlichen Hofe sehr viel zur Besiegung desselben. Hierbei ging er von der Meinung aus, dass gerade er das orthodoxe Dogma vertrete, und dass jede Lehre, die dem Nestorianismus weniger schroff entgegenstehe als die seinige, selbst nestorianisiere; er konnte den gewaltigen Unterschied zwischen dem orthodoxen und nestorianischen Dyophysitismus nicht fassen und warf so auf jeden, der von zwei Naturen sprach, den Vorwurf der Häresie. Deshalb aber stand er bei den Orthodoxen im 166 Verdachte des Apollinarismus und wurde von Domnus, dem Patriarchen von Antiochien, beim Kaiser Theodosius der Begünstigung desselben beschuldigt; Eutyches hingegen suchte, noch bevor er seinen Irrtum offen und deutlich erklärte, den Papst für sich zu gewinnen, indem er im Frühjahre 448 sich diesem als eifrigen Gegner der Nestorianer präsentierte und klagte, dass noch immer Nestorianer vorhanden seien. Leo scheint die schiefe Richtung des Eutyches geahnt zu haben und antwortete ihm sehr vorsichtig, indem er ihn zwar wegen seines Eifers belobte, jedoch beifügte, dass er erst einschreiten könne, wenn er genauere Kenntnis über die Angeschuldigten erlangt habe.
(Der Papst) erwidert, es habe ihm der Eifer gefallen, mit welchem ihn Eutyches auf das Wiedererwachen der nestorianischen Häresie ausmerksam machte.
Dem geliebtesten Sohne, dem Priester Eutyches, (sendet) Leo, der Bischof (seinen Gruß).
Du hast uns durch das Schreiben deiner Liebe mitgeteilt, dass die nestorianische Häresie durch die Bemühungen Einiger sich wieder erhebe. Wir erwidern dir, dass uns deine Sorge von dieser Seite aus gefallen habe, weil die Worte, welche wir erhielten, ein Beweis deiner Gesinnung sind, weshalb du auch nicht zweifeln magst, dass dir der Urheber des katholischen Glaubens, der Herr, in allem beistehen wird. Wir aber müssen. nachdem wir genauere Kunde über die Personen, welche durch ihre Gottlosigkeit dies verursachten, werden erhalten haben, unter Gottes Hilfe dafür sorgen, wie das verruchte und schon längst verdammte Gift mit der Wurzel ausgerottet werden könne. Gott erhalte 167 dich unversehrt, geliebtester Sohn! Gegeben am 1. Juni unter dem Consulate der erlauchtesten Männer Postumianus und Zeno.