Bevor obiges Schreiben des Bischofs Flavianus in Rom ankam, erhielt Leo ausser dem schon aufgeführten des Eutyches (höchst wahrscheinlich) gleichzeitig ein Schreiben des Kaisers Theodosius, welches zwar verloren ging, dessen Inhalt jedoch aus gegenwärtigem an Flavianus und aus der Antwort des Papstes an den Kaiser selbst so ziemlich ersichtlich ist. Hiernach beklagte sich der Kaiser, ohne auf die Sache selbst einzugehen, nur über die in der Kirche zu Konstantinopel entstandenen Unruhen und ermahnt den Papst, den Frieden daselbst wieder herzustellen. Ohne Zweifel verdankte Eutyches dieses kaiserliche Schreiben dem allmächtigen Einflusse seines Gönners Chrysaphius, wobei ihm auch noch die Abneigung des Kaisers gegen Flavianus zu statten kam; es ist ferner leicht begreiflich, dass es möglich war, dass der Brief des Kaisers mit dem des Eutyches schneller befördert wurde und daher früher in Rom ankam als der entweder gleichzeitig oder vielleicht einige Tage später abgesandte Brief des Bischofs Flavianus; Eutyches, dem ja alles daran liegen musste, zuerst zu kommen und den Papst für sich und gegen Flavianus einnehmen, wird seine mächtigen Freunde sicher um möglichste 180 Beschleunigung gebeten haben. In dieser Stimmung, da nur Klagen und Beschwerden von der einen Partei dem Papste vorlagen, schrieb dieser folgenden Brief an Flavianus am 18. Februar 449, welcher am 20. April in Konstantinopel ankam.
*1. Nachdem (der Papst) die Klagen des Eutyches vernommen, tadelt er es, dass derselbe von Flavianus der Gemeinschaft beraubt worden sei
2. Er fordert Aufklärung hierüber und wünscht, es möge bei der Verteidigung der Wahrheit vor allem die Liebe bewahrt werden. *
Dem geliebtesten Bruder, dem Bischofe Flavianus, (sendet) Leo, der Bischof (seinen Gruß).
1. Cap. Da der christlichste und gütigste Kaiser in heiligem und lobenswürdigem Glauben (und) in seiner Sorge um den Frieden der katholischen Kirche uns ein Schreiben übersandte in Betreff jener Vorgänge, welche bei euch Verwirrung angerichtet haben, wundern wir uns, dass deine Brüderlichkeit uns, was immer der Gegenstand jenes Ärgernisses gewesen sein mochte, verschweigen konnte und nicht vielmehr dafür sorgt, dass uns ein Bericht von dir zuerst Aufklärung brachte, damit wir über den wahren Sachverhalt nicht in Zweifel bleiben. Denn wir erhielten eine Schrift des Priesters Eutyches, welcher sich darüber 181 beschwert, dass er auf die Anklage des Bischofs Eusebius der Gemeinschaft unverdient beraubt wurde, besonders da bezeugt, dass er vorgeladen wurde und sein Erscheinen nicht verweigerte; ja er behauptet, im Gerichte selbst die Apellation überreicht zu haben, doch sie sei nicht angenommen worden, wodurch er genötigt worden sei, Plakate in der Stadt Konstantinopel zu veröffentlichen. Hiernach erkennen wir nicht, mit welchem Rechte er von der Gemeinschaft der Kirche losgetrennt wurde. Indessen uns an die Sache haltend wollen wir den Grund deines Verfahrens kennen lernen und einen Bericht über das Ganze erhalten; denn wir, die wir wollen, dass die Urteile der Bischöfe des Herrn reif seien, können über unbekannte Dinge zu niemands Gunsten entscheiden, bevor wir den ganzen Tatbestand wahrheitsgemäß erfahren.
2. Cap. Deshalb wolle auch deine Brüderlichkeit uns durch eine vorzüglich geeignete und taugliche Person in einem erschöpfenden Berichte mitteilen, was für eine Neuerung gegen den alten Glauben sich erhoben habe, die durch ein so strenges Urteil gestraft zu werden verdiente. Denn sowohl die Milde der Kirche wie auch der fromme Glaube des gottesfürchtigsten Kaisers legt uns große Sorgfalt für den christlichen Frieden auf, damit Streitigkeiten abgeschnitten werden, der katholische Glaube unverletzt bewahrt bleibe, die, welche Böses verteidigen, vom Irrtume zurückgebracht, die Rechtgläubigen aber durch unser Ansehen gekräftiget werden. Hierbei kann sich auch keine Schwierigkeit ergeben, da besagter Priester in seiner Eingabe erklärte, er sei bereit, wenn man etwas Tadelnswürdiges an ihm finde, dasselbe zu verbessern. Denn in solchen Fällen ziemt sich, besonders dafür zu sorgen, dass ohne heftigen Streit die Liebe bewahrt und die Wahrheit verteidigt werde. Deshalb nun möge deine Liebe, da sie uns in einer so wichtigen 182 Sache in notwendiger Besorgnis sieht, uns alles möglichst vollständig und deutlich mitteilen, wie sie es schon vorher sollte, damit wir nicht zwischen den Behauptungen der Parteien durch irgend eine Zweideutigkeit getäuscht werden und eine Uneinigkeit, welche gleich in ihrem Beginne behoben werden sollte, genährt werde. Denn in unserem Herzen lebt immerdar durch Gottes Eingebung die Sorge, dass die von Gott bekräftigten und die Festigkeit des Glaubens treffenden Bestimmungen der ehrwürdigen Väter durch keine böse Erklärung von irgend jemand verletzt werden. Gott erhalte dich unversehrt, teuerster Bruder! Gegeben am 18. Februar unter dem Consulate der erlauchtesten Männer Asturius und Protogenes.