Die letzten zwei der vom 13. Juni datierten Schreiben Leo’s sind an den Bischof Julianus von der Insel Kos gerichtet. Bischof Julianus war Mitglied der Synode von Konstantinopel gewesen, welche unter dem Vorsitze des Flavianus den Eutyches verurteilte, und hatte in dieser Angelegenheit durch seinen Diakon Basilius einen jetzt verlorenen Brief an Leo geschickt. In den zwei folgenden Schreiben beantwortet der Papst denselben, wie er auch aus den inzwischen über Eutyches und dessen Lehre von anderer Seite erhaltenen Berichten entsprechende Erklärungen und Ermahnungen an Julianus richtet. Dass Leo an einem Tage zwei Briefe an dieselbe Person adressierte, kann gerade in unserem Falle am wenigsten verwundern, weil den einen die Gesandten des Papstes, den andern der Bote Julians, der Diakon Basilius zu überbringen hatten. Arendt’s Behauptung, dass beide Briefe eigentlich nur einer seien, der nur (durch Abschreiber) nach dem verschiedenen Inhalte in zwei getrennt wurde, halte ich angesichts der in allen Codices ohne Unterschied constanten Scheidung für äusserst gewagt.
1. (Der Papst) *bedauert, dass Eutyches von der Einheit des Glaubens abgefallen sei. 231
2. Er schickt zur Synode Gesandte von seiner Seite.*
Leo, der Bischof, (sendet) dem Bischofe Julianus, dem teuersten Bruder (seinen Gruß).
1. Cap. Das mir neulich überbrachte Schreiben deiner Liebe zeigt, welch’ große geistige Liebe zu dem katholischen Glauben in dir lebt, und verursacht es mir große Freude, dass fromme Herzen sich in derselben Ansicht zusammen finden, so dass nach der Lehre des heiligen Geistes in uns erfüllt wird, was der Apostel sagt:„Ich beschwöre euch aber, Brüder, durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi, dass ihr alle einerlei Sprache führet und keine Spaltungen unter euch seien, dass ihr vielmehr vollkommen eines Sinnes und einer Meinung seiet.“ Von dieser Einheit schloss sich Eutyches allzu sehr aus, wenn er in seiner Bosheit alt wird und noch nicht einsieht, mit welchen Banden er vom Teufel gefesselt ist, auch meint, es könne sich irgend ein Bischof des Herrn finden, der seiner Torheit und seinem Wahnsinne beistimmt. Lange wußten wir nicht, was den Katholiken an ihm missfalle; und da wir von unserem Bruder Flavianus kein Schreiben erhielten, er selbst aber in seinem Schreiben über das Wiederaufkeimen der nestorianischen Häresie klagte, konnten wir nicht klar entnehmen, woher ein so verschmitztes Herumreden komme, oder wohin es ziele. Nachdem uns aber die Akten der bischöflichen Verhandlung übersendet worden, wurde es offenbar, wie verabscheuungswürdig alles das sei, was unter dem Deckmantel der trügerischen Klagen verhüllt war. 232
2. Cap. Weil auch der gütigste Kaiser nach dem Wohlwollen und der Frömmigkeit seines Herzens wollte, dass über den Stand desjenigen, welcher vorher achtbar erschien, sorgfältiger geurteilt werde, und deshalb ein bischöfliches Concil ansagen zu müssen glaubte, so richtete ich durch unsern Bruder, den Bischof Julius und den Priester Renatus, wie auch durch meinen Sohn, den Diakon Hilarus, welche ich von meiner Seite an meiner statt sandte, an unsern Bruder Flavianus ein der Beschaffenheit der Sache entsprechendes Schreiben, aus welchem sowohl euere Liebe wie auch die ganze Kirche erkennen kann, was wir bezüglich des alten und einzigen Glaubens, welchen ein ungelehrter Gegner angriff, für göttliche Lehre halten und für unabänderlich verkünden. Weil wir aber auch das Mitleiden nicht außer Acht lassen dürfen, erachteten wir es der bischöflichen Mäßigung für angemessen, dass, wenn der verurteilte Priester sich unter vollständiger Genugtuung bessert, das über ihn verhängte Urteil aufgehoben werde; wenn er es jedoch vorzieht, in dem Schmutze seiner Torheit liegen zu bleiben, so sollen die Anordnungen aufrecht bleiben und soll er seinen Anteil mit denen haben, deren Irrtum er folgte. Gegeben am 13. Juni unter dem Consulate des Asturius und Protogenes, der erlauchtesten Männer. 233