Der heilige Cyrillus war, nachdem er die Kirche von Alexandrien durch 32 Jahre geleitet hatte, am 9. Juni 444 gestorben. Er hatte zum Nachsolger seinen Archidiakon 57 Dioskorus. Für die gesamte Kirche, besonders aber für Ägypten war dies ein großes Unglück. Wie bei Nestorius zeigte es sich auch bei Dioskorus nur zu bald, wie wenig gerechtfertigt die Achtung und Liebe war, welche ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. War Ägypten seit den Mühen und Leiden des großen Athanasius die Säule der Wahrheit und das Muster der Frömmigkeit, Dioskorus entriß ihm diesen Ruhm für immer und versenkte es in Finsternisse, die noch fortdauern. - Der neue Bischof von Alexandrien sandte den Priester Possidonius nach Rom, dem Papste seine Wahl anzuzeigen. Hierauf gab Leo die hier folgende Antwort am 21. Juni 445. Tag und Monat dieses Datums gibt uns das Schreiben selbst an; das Jahr lässt sich aus dem Todestag des Cyrillus erschließen; es brauchte sicher mehrere Monate, bis für eine so große Kirche, wie es Alexandrien war, die Bischofswahl vorbereitet und vollendet war; bringen wir noch die Zeit in Anschlag, welche Possidonius zur Reise nach Rom brauchte, so ergibt sich, dass der am Ende des Briefes angezeigte 21. Juni nur der des J. 445 sein könne.
*1. Über die Ordination der Bischöfe, Priester und Diakonen, dass sie nach dem Sabbat, entweder am Anfange der nächstfolgenden Nacht oder am Morgen des Sonutags selbst, vorgenommen werde.
2. Über die Wiederholung des Messopfers, welches an demselben Festtage wiederholt werden muss, wenn die Basilika zu klein ist, um das ganze Volk auf einmal fassen zu können, 58 und eine sehr große Menge der Gläubigen sich versammelt hat.*
Leo, der Bischof, (sendet) dem Bischofe Dioskorus von Alexandrien (seinen) Gruß.
Welch’ große Liebe im Herrn wir gegen deine Liebe hegen, wirst du daraus entnehmen können, dass wir den Beginn deines Amtes fester zu begründen wünschen, damit deiner Liebe nichts zur Vollkommenheit zu fehlen scheine, da dir, wie wir uns überzeugten, die Verdienste geistiger Gnade zur Seite stehen. Die väterliche und brüderliche Übertragung (des Amtes) also muss deiner Heiligkeit sehr erwünscht sein und von dir so aufgenommen werden, wie du sie von uns ausgehen siehst. Denn wir müssen eins sein im Denken und Handeln, damit sich erweise, was wir lesen dass wir ein Herz und eine Seele haben. „Da nämlich Petrus den apostolischen Principat vom Herrn empfangen hat und die römische Kirche an den Einrichtungen dieses Apostels festhält, so darf man nicht glauben, dass sein heiliger Schüler Marcus, welcher der Erste die alexandrinische Kirche leitete, seine Einrichtungen nach anderen Regeln gebildet hat, da ohne Zweifel der Geist des Schülers und des Lehrers aus einer Gnadenquelle schöpfte und der Ordinierte nichts anderes lehren konnte, als was er von seinem Ordinator empfangen hat. Wir dulden es demnach nicht, dass wir, die wir uns ja zu einem Leibe und Glauben bekennen, in irgend etwas von einander abweichen und die Einrichtungen des Schülers sich von denen des Lehrers unterscheiden. 59
„Was also, wie wir wissen, von unseren Vätern hingebender Sorgfalt beobachtet worden, das wollen auch von euch bewahrt wissen, dass nämlich nicht an jedem beliebigen Tage die Priester oder Leviten-Weihe vorgenommen werde, sondern nach dem Sabbattage soll (hiezu) der Anfang jener Nacht gewählt werden, in welcher der Morgen des ersten Tages der Woche anbricht, wo dann den zu Ordinierenden, die nüchtern seien, von Nüchternen die heilige Weihe erteilt werden soll. Die Regel wird aber auch dann beobachtet, wenn (die Weihe) am Morgen des Sonntags selbst unter Fortsetzung des samstägigen Fastens erteilt wird, von welcher Zeit der Anfang der vorhergehenden Nacht nicht entfernt ist, welche ohne Zweifel, wie es auch beim Pascha des Herrn erhellt, zu dem Tage der Auferstehung gehört.“ „Denn ausser der Autorität der Gewohnheit, die bekanntlich der apostolischen Lehre entstammt, sagt es auch die heilige Schrift ganz deutlich, dass die Apostel, als sie den Paulus und Barnabas nach dem Geheiß des heiligen Geistes zur Verkündigung des Evangelinms an die Heiden aussandten, ihnen unter Fasten und Gebet die Hände auflegten, damit wir erkennen, mit welcher Andacht Spender und Empfänger dafür sorgen müssen, dass ein so segensreiches Sakrament nicht leichtfertig vollzogen zu werden scheine. Deshalb wollest du in frommer und löblicher Weise den apostolischen Einrichtungen folgen, wenn du diese Norm bei der Ordination der Priester in 60 den Kirchen, zu deren Vorsteher der Herr dich einsetzte, beobachtest: dass (nämlich) den zu Ordinierenden die Weihe einzig nur am Tage der Auferstehung des Herrn erteilt werde, welcher bekanntlich vom Abend des Sabbat anfängt und durch so viele göttliche Geheimnisse geheiligt ist, dass, was immer Hervorragenderes vom Herrn angeordnet ist, an diesem erhabenen Tage geschah. An diesem Tage nahm die Welt ihren Anfang; an demselben fand durch die Auferstehung Christi der Tod sein Ende und das Leben seinen Anfang;“ an ihm erhalten die Apostel vom Herrn den Auftrag, allen Völkern das Evangelium zu verkündigen und der ganzen Welt das Sakrament der Wiedergeburt zu spenden. An ihm hauchte, wie es der heilige Evangelist Johannes bezeugt, der Herr, nachdem er zu den versammelten Jüngern bei verschlossenen Türen eingetreten war, sie an und sprach: „Empfanget den heiligen Geist; denen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie vorbehalten werdet, denen sind sie vorbehalten.“ An diesem (Tage) endlich kam der vom Herrn den Aposteln verheißene heilige Geist, damit wir es als gewissermaßen durch eine himmlische Regel eingeschärft und gelehrt erkennen, dass wir an jenem Tage die Geheimnisse der priesterlichen Weihen vornehmen sollen, an welchem alle Gaben der Gnaden verliehen wurden. 61
Damit aber unsere Gewohnheit in allem übereinstimme, wollen wir auch das beobachtet wissen, dass, wenn ein größeres Fest auf ein zahlreicheres Ansammeln des Volkes schließen lässt und eine solche Menge von Gläubigen versammelt ist, dass sie die eine Basilika nicht zugleich fassen kann, die Darbringung des Messopfers ohne Bedenken wiederholt werde, damit, wenn bloß die zuerst Gekommenen zur Andacht zugelassen werden, es nicht scheine, als würden die später Angekommenen nicht ausgenommen werden, da es der Frömmigkeit und der Vernunft vollkommen entspricht, das Messopfer ebenso oft nach einander zu wiederholen, als die neu versammelte Menge des Volkes die Basilika, in welcher die Messe gefeiert wird, anfüllt. „Es müsste aber ein Teil des Volkes seiner Andacht beraubt werden, wenn, falls die Sitte, (nur) eine Messe zu feiern, beibehalten würde, nur diejenigen das Opfer darbringen könnten, welche im ersten Teile des Tages versammelt waren. Dringend und freundlich also ermahnen wir deine Liebe, dass, was bei uns nach der Norm der väterlichen Überlieferung Gewohnheit ist, auch deine Sorgfalt nicht vernachlässige, damit wir im Glauben und Handeln vollständig übereinstimmen. Deshalb gaben wir unserem Sohne, dem Priester Possidonius, bei seiner Abreise dieses Schreiben, damit 62 er es deiner Brüderlichkeit überbringe, ihm, der unseren Prozessionen und Ordinationen häufig beiwohnte und, da er so oft zu uns geschickt wurde, auch weiß, was wir in allem als apostolische Anordnung festhalten.“ Gegeben am 21. Juni.