Als Grund, weshalb die von den Anhängern des Ravennius entsandten Deputierten in Rom „lange“ zurückgehalten wurden, gibt Leo im gegenwärtigen Schreiben auch 335 an, dass er deren Gegenwart bei dem daselbst vom Papste gehaltenen Tractate für notwendig erachtete. Dass die schon angedeutete Verhandlung, deren Beisitzer die Gesandten der gallischen Bischöfe sein sollten, die durch die eutychianische Häresie verursachten Wirren betraf, näherhin die Frage, welche Entscheidung vom apostolischen Stuhle bezüglich der vom Kaiser Theodosius, von den Ordinatoren und Anatolius selbst gemeldeten Consecration des Anatolius zum Bischofe von Konstantinopel an die Stelle des verstorbenen, eigentlich gemordeten Flavianus zu treffen sei, ist ohne Zweifel; denn gerade während der Anwesenheit der gallischen Deputationen kamen, wie wir oben in der Einleitung zum 53. Briefe sahen, jene Ordinationsschreiben an. Papst Leo benützte also diese Gelegenheit, die gallischen Bischöfe über die im Oriente aus Anlass der eutychianischen Häresie entstandenen Wirren und über die vom apostolischen Stuhle hierin gegebenen Erklärungen zu informiren, sie namentlich im Glauben an das von Eutyches angekämpfte Dogma zu stärken; zu diesem Zwecke sandte er durch die benannten Deputierten sowohl sein dogmatisches Lehrschreiben, welches er an Flavianus gerichtet hatte, sowie auch das 2. Schreiben des Cyrillus an Nestorius dem Bischofe von Ravennius mit dem Auftrage, diese Briefe allen Bischöfen Galliens mitzuteilen; aus der Chronik des Spaniers und Zeitgenossen Idacius erfahren wir überdies, dass Leo auch noch den (22.) Brief des Flavianus an den Papst und andere die eutychianische Häresie betreffende Schriftstücke dem Ravennius zuschickte, welche dieser nicht nur in Gallien, sondern auch in Spanien verbreitete. Mit welcher Ehrfurcht aber die Bischöfe Galliens das Lehrschreiben Leo’s aufnahmen, zeigt der folgende (68.) Brief dreier gallischen Bischöfe. 336
(Der Papst) schickt dem Ravennius sein berühmtes Schreiben an Flavianus über die Menschwerdung des Wortes Gottes gegen Eutyches, damit zur Verteidigung des Glaubens durch ihn dasselbe und der Brief des Cyrillus von Alexandrien allen Bischöfen Galliens zuverlässig bekannt werde. Er bemerkt auch, dass den Gesandten geheime Aufträge gegeben wurden.
Dem geliebtesten Bruder Ravennius (sendet) Leo, der Papst (seinen Gruß).
Lange behielten wir unsere Söhne, den Priester Petronius und den Diakon Regulus in der Stadt, sowohl weil sie dies von unserem Wohlwollen verdienten, als auch weil es die Rücksicht auf den Glauben, welcher jetzt durch den Irrtum einiger angegriffen wird, forderte. Wir wollten nämlich, dass sie unserer Verhandlung beiwohnen und alles kennen lernen, was, wie wir wünschen, durch dich, Teuerster, zur Kenntnis aller unserer Brüder und Mitbischöfe gelangen soll; indem wir deiner Liebe den besonderen Auftrag erteilen, dass durch die Bemühung deiner Wachsamkeit unser Brief, welchen wir um der Verteidigung des Glaubens willen in den Orient sandten, sowie der des Cyrillus heiligen Andenkens, welcher mit unseren 337 Ansichten völlig übereinstimmt, allen Brüdern bekannt werde, damit sie hierüber belehrt sich gegen diejenigen, welche die Menschwerdung des Herrn durch böse Lehren vereiteln zu müssen meinen, mit geistiger Kraft schützen. Du hast (hierdurch) eine passende Gelegenheit, allen Kirchen und unserem Gott den Anfang deines Bischofsamtes zu empfehlen, wenn du dies so, wie wir glauben und anbefohlen, erfüllt haben wirst, teuerster Bruder! Was aber dem Schreiben nicht anvertraut werden durfte, wirst du, wenn du es durch die Mitteilung unserer vorhingenannten Söhne erfahren haben wirst, im Vertrauen auf Gottes Beistand wirksam, wie wir sagten, und löblich ausführen. Gott erhalte dich unversehrt, teuerster Bruder. Gegeben 338 am 5. Mai unter dem 7. Consulate des glorreichsten Kaisers Valentinianus und dem des erlauchten Avienus.