Über die apokryphen Schriften (der Priscillianisten), welche nicht zur Beweisführung des Glaubens angenommen werden dürfen, und über die Sekte der Priscillianisten.
Den heiligen und seligsten und aller Verehrung würdigen Bischöfen Idacius und Ceponius (sendet) Turribius (seinen Gruß).
1. Cap. Immer ist eine Reise beschwerlich und unangenehm, welche harte Anstrengungen und beklagenswerte Sorgen um dringende Bedürfnisse herbeiführen. Dennoch bietet sie einen Vorteil, wenn wir durch den Besuch von unbekannten Gegenden und durch das Kennenlernen von unbekannten Dingen einen geistigen Fortschritt machen, indem wir meistens das, was hei uns sehr trefflich erschien als schlecht und sehr schlecht erkennen, weil uns der Verleich mit Besserem geboten wurde. Dies widerfuhr mir,da ich auf meiner Reise durch verschiedene Provinzen fand, dass in allen Kirchen, welche in der Gemeinschaft der Einheit stehen, unter Verurteilung aller Irrtümer und Sekten ein und derselbe Sinn des katholischen Glaubens festgehalten werde, welcher aus der reinsten Ouelle der Wahrheit entspringt, und der, weil er in keine Spaltungen und verschiedenartige Bächlein zerrissen ist, die ebenen Felder nicht etwa in morastige Pfützen verwandelt, welche den rechten Weg des Glaubens verhindern könnten. Diejenigen aber, welche das Gift böser Lehren angesteckt hat, drängt er entweder zur Besserung und Umkehr im Schoße der hehren Mutter oder, so sie in ihrer Hartnäckigkeit verharren , stößt er sie als ausgeartete und unrechtmäßige Kinder aus der Teilnahme an dem heiligen Erbe. 142
2. Cap. Deshalb erscheint es mir, da ich nach jahrelangen Reisen in mein Vaterland zurückgekehrt bin, gar hart, dass ich von jenen Lehren, welche die katholische Kirche seit langem verdammt hat, und die ich für schon längst erloschen hielt, noch gar nichts geschwunden finde. Im Gegenteile bemerke ich, dass nach eines jeden Sinn und Willen die bösen Lehren wie mit Hydraköpfen aufwachsen, da die einen zu dem alten Irrtume noch ihre Gotteslästerungen hinzufügten, andere ihn unversehrt bis jetzt beibehalten, wieder andere , welchen die Betrachtung der Wahrheit eine teilweise Berücksichtigung abnötigte, einige Sätze von dieser aufnehmen, im übrigen aber (von den Irrlehren) umstrickt sind. Dies wuchs nun in Folge der Ungunst der Zeiten so ungehindert heran, weil die Berufungen und Anordnungen von Synoden aufhörten; und so versammelt man sich in ganz gottloser Weise, was ärger ist als alles, an einem Altare mit verschiedenen Glaubensanschauungen.
3. Cap. Dass ich dieses sage, geschieht, ich bekenne es, mehr aus frommer Liebe für das Vaterland, als aus verwegener Vermessenheit. Denn wie könnte sonst ich, der ich voll von allen Sünden und großer Verbrechen schuldig bin, wie könnte ich es wagen, euch so zu schreiben, da ich der Worte des Herrn gedenke, wo er sagt: „Im fremden Auge siehst du den Splitter, in deinem eigenen bemerkst nicht den Balken?“ eingedenk auch jenes warnenden Spruches: „Zu dem Sünder aber spricht Gott: Warum verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund deinen Mund?“ Hingegen betrachte ich, was weiter unten geschrieben steht: „Du sahst den Dieb und liefst mit ihm und machtest Gemeinschaft mit den Ehebrechern.“ Denn nitcht das allein ist Diebstahl, wenn fremdes Gut entwendet wird, noch ist das allein Ehebruch, welchen wir durch Verletzung der Treue des Ehebettes begehen, sondern auch durch 143 Beseitigung der Wahrheit wird die Aufstellung einer verkehrten Lehre zum Diebstahle am katholischen Glauben und wird durch die schändende Vermischung böser Lehren mit der Wahrheit des Wortes Gottes der Same des Unkrauts ausgestreut. Ich weiß also nicht, ob ich reden oder schweigen soll, weil ich beides fürchte. Allein damit euere Heiligkeit nicht etwa in Unkenntnis bleibe, wie Böses und Gotteslästerliches in den apokryphen Büchern enthalten ist, welche diese unsere häretischen Landsleute anstatt der heiligen Evangelien lesen, glaube ich mich des größten Verbrechens schuldig zu machen, wenn ich schweige. Daher ist dies nicht eine befehlende Ermahnung, sondern vielmehr eine aufklärende Anweisung.
4. Cap. Zunächst also muss ich das offenbaren, was ich als den Glauben oder vielmehr Unglauben sehr Vieler erkannte, was sie, obwohl es von Vielen fast öffentlich gelehrt wird, doch, sobald ein Katholik mit nur einiger Beständigkeit einer Behauptung widerstreitet, um sie zu vernichten, sogleich leugnen und eine Treulosigkeit durch eine andere verbergen. Das sollen sie nun nicht mehr tun (können), indem sie sowohl durch die apokryphen Schriften, welche sie den canonischen Büchern als geheime und verborgene vorziehen und mit größter Ehrfurcht behandeln, als nach den Überlieferungen, welche sie lesen, und durch Aussprüche ihrer Urheber zeigen, dass das, dessen man sie beschuldigt, auf Wahrheit beruhe; einiges aber von dem, das Lehre von ihnen ist, ist in jenen apokryphen Handschriften, die ich lesen konnte, nicht enthalten. Woher also dies entlehnt ist, weiß ich nicht, wenn nicht etwa in jenen albernen Abhandlungen, in welchen nach ihrer lügenhaften Angabe die heiligen Apostel reden sollen, etwas Geheimeres angedeutet ist, was sich mehr zum Vortrag als zum Lesen eignet oder es gibt vielleicht noch andere Bücher, welche noch verborgener und geheimer gehalten werden und allein den Vollkommenen, wie sie sagen, zugänglich sind. 144
5. Cap. Das aber ist besonders in den sogenannten Akten des hl. Tomas zu tadeln und zu verwerfen, dass es heißt, er taufe nicht durch Wasser, wie es die Lehre des Herrn sagt, sondern allein durch Öl, was zwar diese Unsrigen nicht annehmen, sondern die Manichäer befolgen diese Irrlehre, welche dieselben Bücher gebraucht und dieselben Lehren, ja noch schlechtere aufnimmt, muss von allen auf der ganzen Erde sogleich nach dem Eingeständnisse ihres Bekenntnisses ohne alle nähere Untersuchung als ganz verabscheuungswürdig verdammt werden, durch deren Urheber oder durch deren Hauptanführer Manes und seine Schüler alle apokryphen Bücher offenbar entweder verfasst oder verdorben wurden, insbesondere aber die sogenannten Akten des hl. Andreas, die des hl. Johannes welche der Gotteslästerer Leucius geschrieben, ferner die sogenannten Akten des hl. Thomas und ähnliche, aus welchen die Manichäer und Priscillianisten und die übrigen ihnen verwandten Sekten ihre ganze Irrlehre zu beweisen suchen; vorzüglich aber aus jenem Buche, welches „die Denkschrift der Apostel“ heißt, in welchem sie sich, um ihrer Verkehrteit ein recht großes Ansehen zu verschaffen, fälschlich auf die Lehre des Herrn berufen, welches Buch aber das ganze Gesetz des alten Testamentes zerstört und alles, was dem hl. Moyses bezüglich 145 der Geschöpfe und des Schöpfers von Gott geoffenbart wurde, abgesehen von seinen übrigen Gotteslästerungen, deren Aufzählung uns zu sehr anwidert.
6. Cap. Gleichwie es aber zweifellos ist, dass die in den Apokryphen verzeichneten Wunder und Tugenden der Apostel auf Wahrheit beruhen oder beruhen können, ebenso sind jene Erörterungen und Behauptungen verkehrter Sätze von den Häretikern eingeschoben. Aus diesen Schriften habe ich verschiedene Zeugnisse, welche voll von Gotteslästerungen sind, unter ihren Titeln geordnet aufgeführt und denselben auch, so gut ich konnte, meiner Anschauung gemäß die Erwiderung entgegengesetzt.
7. Cap. Hierüber musste ich euch deshalb ausführlichere Mitteilung zukommen lassen, damit hernach niemand, als ob er von der Sache nichts wußte, sagen könne, er habe oder lese solche Bücher aus Einfalt. Euerem Ermessen und euerer Untersuchung aber wird es zukommen, aIles zu erwägen und, wenn ihr etwas als der Wahrheit und dem Glauben entgegengesetzt sicher erkannt habet, mit eueren anderen Brüdern, welche euch der Eifer für die katholische Religion und fromme Gesinnung beigesellt, jene Entschuldigung mit dem geistlichen Schwerte abzuschneiden und mit Feuerkraft des göttlichen Wortes zu unterdrücken.