*1. (Der Papst) beglückwünscht sie, dass sie stets dem Flavianus anhängen und dem Irrtume widerstehen.
2. Die Wahrheit des Fleisches in Christus 304 wird aus dem Geheimnisse der Eucharistie bewiesen. .
3. Sie wird auch bewiesen aus seiner Erhebung über Alles und aus den Handlungen und Leiden seines Körpers.
4. Aus der Notwendigkeit der Menschwerdung zur Tilgung der Schuld Adams und aus den sie vorherverkündendenWeissagungen.
5. Verschiedene Irrtümer gegen den Glauben an die Menschwerdung.*
Leo, der Bischof. (sendet)* dem Klerus, den Magistratspersonen und dem Volke von Constantinopel (seinen Gruß).
1. Cap. Obwohl uns bezüglich dessen, was unlängst auf dem Concil der Bischöfe in Ephesus geschah, tiefe Wehmut niederbeugt, weil ja, wie es das Gerücht einstimmig verbreitete und es sich durch den Erfolg selbst zeigt, daselbst weder die Schranken der Gerechtigkeit noch die heilige Scheu vor dem Glauben bewahrt wurden, so freuen wir uns dennoch über die Frömmigkeit euerer Ergebenheit und billigten wir in den Beifallsstimmen der heiligen 305 Gemeinde, von denen uns Abschriften zugesandt wurden, die Gesinnung von euch allen, weil bei guten Kindern die gerechte Liebe zum besten Vater lebt und bleibt und ihr den Unterricht der katholischen Lehre in keinem Teile verderben lasset. Denn ohne Zweifel schließen sich diejenigen, wie es euch der heilige Geist eröffnete, dem Irrtume der Manichäer an, welche leugnen, dass von dem eingeborenen Sohne Gottes ein wahrer und unsererNatur (angehörender) Mensch angenommen worden, und alle seine körperlichen Handlungen für die eines scheinbaren Trugbildes halten. Dass ihr dieser Gottlosigkeit nicht in irgend einem Punkte beistimmen sollet, richteten wir schon durch meinen Sohn Epiphanius und den Notar der römischen Kirche Dionysius ein Ermahnungsschreiben an euere Liebe, in welchem wir euch die Stärkung, um welche ihr gebeten, von freien Stücken gewährten, damit ihr nicht zweifelt, dass wir väterlich für euch besorgt sind und auf alle Weise uns bemühen, dass unter dem Beistande der göttlichen Barmherzigkeit alle von 306 Unverständigen und Toren verursachten Ärgernisse gehoben werden. Auch wage es keiner, sich mit der Bischofswürde zu brüsten, der der Gottlosigkeit einer verwerflichen Gesinnung überführt werden konnte. Denn „wenn an den Laien kaum die Unwissenheit erträglich ist, um wie viel weniger verdient sie an den Vorstehern eine Entschuldigung oder Verzeihung,“ besonders wenn sie es noch wagen, die Lügen ihrer verkehrten Meinungen zu verteidigen, und die Unbeständigen alle durch Einschüchterung oder durch Gunstbezeigungen zur Übereinstimmung mit ihnen verführen.
2. Cap. Solche sollen von den heiligen Gliedern des Leibes Christi verachtet werden und soll sich die katholische Freiheit nicht das Joch der Ungläubigen auflegen lassen. Denn für ausgeschlossen von dem Geschenke der göttlichen Gnade und von dem Geheimnisse des menschlichen Heiles sollen die gehalten werden, welche dadurch, dass sie die Natur unseres Fleisches in Christus leugnen, sowohl dem Evangelium widersprechen als auch dem Symbolum sich widersetzen. Sie merken gar nicht, dass sie durch ihre Verblendung in den Abgrund geraten, dass sie weder in der Wahrheit des Leidens des Herrn noch in der seiner Auferstehung mehr stehen, weil beides an dem Erlöser bedeutungslos wird, wenn man nicht an das Fleisch unseres Geschlechtes in ihm glaubt. „In welcher Finsternis der Unwissenheit, in welcher Erstarrung von Trägheit sind jene bisher gelegen, dass sie weder durch Hören lernten noch durch Lesen erkannten, was in der Kirche Gottes so einstimmig im Munde aller ist, dass auch nicht einmal von den Zungen der Kinder die Wahrheit des Fleisches und Blutes Christi bei den Geheimnissen der Kommunion verschwiegen 307 wird Denn bei diesem mystischen Mahle der geistigen Nahrung wird das ausgeteilt, das genossen, dass wir durch den Empfang der Kraft der himmlischen Speise in das Fleisch dessen übergehen, welcher unser Fleisch geworden ist.“ Deshalb will ich mich zur Bestärkung euerer Liebe, welche in lobenswertem Glauben den Feinden der Wahrheit widersteht, schicklich und angemessen der Worte und des Sinnes des Apostels bedienen und sagen: „Darum auch, seitdem 308 ich von euerem Glauben, den ihr an den Herrn Jesus habt, und von der Liebe zu allen Heiligen hörte, lasse ich nicht ab, um eueretwillen zu danken und in meinen Gebeten eurer zu gedenken, dass der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu seiner Erkenntnis, erleuchte die Augen eueres Herzens, damit ihr wisset, welche Hoffnung seiner Berufung und welcher Reichtum der Herrlichkeit seiner Erbschaft in den Heiligen, und welche überschwengliche Größe seiner Macht in uns, die wir den Glauben haben, gemäß der Wirkung der Macht seiner Stärke sei, die er in Christus gewirkt hat, da er ihn von den Toten auferweckte und zu seiner Rechten im Himmel setzte über jede Oberherrschaft und Gewalt und Macht und Herrschaft und jede Würde, die nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird; Alles hat er unter seine Füße gelegt und ihn zum Haupte über die ganze Kirche gesetzt, welche sein Leib ist und die Vollendung dessen, der alles in allem vollendet.“
3. Cap. Hier mögen die Gegner der Wahrheit sagen, wann und nach welcher Natur der allmächtige Vater seinen Sohn über alles erhoben und welcher Substanz er alles unterworfen habe. Denn die Gottheit des Wortes ist in allem dem Vater gleich und derselben Wesenheit, und ewig und zeitlos ist die Macht des Erzeugers und des Gezeugten eine und dieselbe. Der Schöpfer nämlich aller Naturen, „durch den ja alles gemacht ist, und ohne den nichts gemacht ist,“ ist höher als alles, was er erschaffen, und niemals war dem Schöpfer nicht unterworfen, was er erschaffen; ihm ist es eigen und von Ewigkeit her, und aus keinem anderen Ursprunge, als vom Vater, nichts anderes zu sein, als was der Vater ist. Ward seine Macht vergrößert, seine Würde verherrlicht, seine Höhe erhoben, so 309 war der, welcher zunahm, geringer als der, welcher ihn erhob, und er besaß nicht die Reichtümer der Natur, deren Übermaß ihm mangelte. Einen so Gesinnten aber rechnet Arius zu seinen Genossen, mit dessen Verkehrtheit diese Gottlosigkeit sehr übereinstimmt, die da leugnet, dass in dem Worte Gottes die menschliche Natur innewohne, so dass sie, weil sie die Erniedrigung in der Majestät Gottes verabscheut, entweder behauptet, das Bild des Leibes sei in Christus ein falsches, oder sagt, alle seine körperlichen Handlungen und Leiden trafen vielmehr die Gottheit als das Fleisch. Was immer jedoch sie zu verteidigen wagt, ist wahnsinnig, weil weder die Frömmigkeit des Glaubens noch die Rücksicht auf das Geheimnis annehmen kann, dass entweder die Gottheit irgendwie gelitten oder die Wahrheit in irgend etwas gelogen habe. Der leidensunfähige Sohn Gottes also, dem mit dem Vater und mit dem heiligen Geiste in der einen Wesenheit der unveränderlichen Dreifaltigkeit das zu sein, was er ist, von Ewigkeit her zukommt, ist in jener Fülle der Zeit, welche im ewigen Ratschlusse vorherbestimmt und durch die prophetische Bezeichnung der Worte und Taten verheissen war, Menschensohn geworden, nicht durch die Verwandlung seiner Substanz, sondern durch die Annahme unserer Natur, und „gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren war“. Er kam aber nicht durch eine örtliche Annäherung noch durch eine körperliche Bewegung, als ob er erst in die Gegenwart eintreten sollte, wo er bis nun abwesend gewesen wäre, oder von dort hätte fortgehen müssen, woher er gekommen, sondern er kam durch das, dass er denen, welche das Sichtbare 310 und (mit ihnen) Gemeinsame sehen, offenbar werden sollte indem er nämlich menschliches Fleisch und eine (menschliche) Seele im Leibe der jungfräulichen Mutter annahm, so dass er in der Gottesgestalt verblieb und mit sich die Knechtsgestalt und die Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde vereinigte, wobei er nicht das Göttliche durch das Menschliche verringerte, sondern das Menschliche durch das Göttliche vermehrte.
4. Cap. Denn von den ersten Eltern war eine solche Lage aller Sterblichen herbeigeführt, dass, weil die Erbsünde auf die Nachkommen überging, keiner der Strafe der Verdammung entkommen wäre, wenn nicht das Wort Fleisch geworden wäre und in uns gewohnt hätte, in jener Natur nämlich, welche unseres Blutes und unseres Geschlechtes ist. deshalb sagt der Apostel: „Gleichwie durch des einen Sünde auf alle Menschen Verdammnis kam, so kommt auch durch des einen Gerechtigkeit auf alle Menschen Rechtfertigung des Lebens. Denn sowie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen Menschen die vielen zu Gerechten gemacht.“ Und abermals: „Denn durch einen Menschen ist der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung von den Toten. Und gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“ Alle Jene nämlich, welche, obwohl sie in Adam geboren sind, als Wiedergeborene 311 in Christus befunden werden, indem sie das Zeugnis des Glaubens sowohl von der Rechtfertigung der Gnade, wie auch von der Gemeinschaft der Natur haben; wer aber leugnet, dass diese von dem eingeborenen Sohne Gottes im Schoße der davidischen Jungfrau angenommen wnrde, ist fern von dem ganzen Geheimnisse der christlichen Religion und kann, weil er weder den Bräutigam kennt noch die Braut versteht, dem Hochzeitsmahle nicht beiwohnen. Denn das Fleisch Christi ist das Gewand des Wortes, mit welchem jeder, der ihn ganz bekennt, bekleidet wird. Wer aber sich desselben schämt und es als unwürdig verachtet, wird von ihm keinen Schmuck haben, und wenn er sich auch bei dem königlichen Feste eindrängt und als Unverschämter an dem heiligen Gastmahle teilnehmen will, wird der böse Gast dennoch das Auge des Königs nicht täuschen können, sondern, wie der Herr selbst es bezeugte, entfernt und mit gebundenen Händen und Füßen in die äusserste Finsternis geworfen werden, wo Weinen und Zähneknirschen sein wird. Wer immer also in Christus nicht einen menschlichen Leib bekennt, mag wissen, dass er des Mysteriums der Menschwerdung unwürdig sei und keinen Anteil an jenem Geheimnisse habe, welches der Apostel mit den Worten verkündet: „Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fletsch und von seinem Gebein. Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und es werden zwei sein in einem Fleische,“ und um zu erklären, was dadurch angedeutet werden solle, fügte er hinzu: „Dieses Geheimnis ist groß, ich sage aber in Christus und in der Kirche.“ Vom Anfange des Menschengeschlechtes an also ist allen Menschen die Ankunft Christi im Fleische angekündigt worden; in diesem sind, wie gesagt ist: „Es werden Zwei sein in einem Fleische,“ wirklich zwei, Gott und Mensch, Christus und die Kirche, welche 312 aus dem Fleische des Bräutigams hervorgieng, als sie durch das aus der Seite Christi herausfließende Blut und Wasser das Geheimnis der Erlösung und Wiedergehurt empfing. Das ist die Schaffung der neuen Kreatur, welche in der Taufe nicht des Gewandes des wahren Fleisches, sondern der Ansteckung des verdammten alten Zustandes entkleidet wird, so dass der Mensch ein Leib Christi wird, wie auch Christus der Leib eines Menschen ist.
5. Cap. Deshalb nennen wir Christus nicht nur Gott, wie die häretischen Manichäer, noch allein Mensch, wie die häretischen Photinianer, noch auch Mensch in der Weise, dass ihm etwas mangelt, von dem es sicher ist, dass es zur menschlichen Natur gehört, sei es die Seele, sei es der vernünftige Geist oder das Fleisch, welches nicht vom Weibe genommen, sondern aus dem in Fleisch verwandelten und veränderten Worte gemacht worden wäre, was die drei falschen und eitlen (Lehren) der häretischen Apollinaristen 313 als drei verschiedene Teile vorbrachten. Auch sagen wir nicht, dass die selige Jungfrau Maria einen Menschen ohne Gottheit empfangen habe, welcher vom heiligen Geiste erschaffen, hernach von dem Worte angenommen worden sei, welche Lehre wir an Nestorins verdient und gerecht verurteilten, sondern wir behaupten, dass Christus der Sohn Gottes sei, wahrer Gott, von Gott dem Vater gezeugt ohne allen zeitlichen Anfang, und dass derselbe wahrer Mensch sei, von der menschlichen Mutter in der bestimmten Fülle der Zeit geboren; dass ferner seine Menschheit, nach der der Vater größer ist, nichts an der Natur verringere, nach welcher er dem Vater gleich ist. Dieses beides aber ist der eine Christus, welcher mit voller Wahrheit und als Gott sagte: „Ich und der Vater sind eins,“ und als Mensch: „Der Vater ist größer als ich.“ Diesen Glauben, Geliebteste, welcher wahr und unauflöslich ist, der allein wahre Christen macht, den auch ihr, wie wir es wissen und billigen, mit frommem Eifer und lobenswerter Liebe verteidigt, haltet mit Ausdauer fest und hehauptet ihn beständig! Weil ihr aber nach der göttlichen Hilfe auch das Wohlwollen der katholischen Fürsten erlangen sollet, so bittet mit Demut und Weisheit, dass der mildeste Kaiser unserem Ersuchen um die Ansage eines allgemeinen 314 Concils willfahren möge, durch welches bald, unter dem Beistande der göttlichen Barmherzigkeit, sowohl die Gesunden Stärkung wie auch die Kranken, wenn sie sich heilen lassen wollen, Heilung finden werden.