Wir wissen, dass Bischof Theodoritus von Cyrus durch kaiserliches Edict ausdrücklich von der Teilnahme an der ephesinischen Pseudosynode ausgeschlossen war; ja er wurde auf derselben, ohne in Betreff seines Glaubens gehört worden zu sein, abgesetzt, wohl deshalb, weil er gegen Nestorius und dessen Anhänger; wenigstens nie ganz entschieden aufgetreten 281 war. Als er nun hörte, dass er von der ephesinischen Synode abgesetzt worden, dass aber die Legaten des Papstes der Absetzung widersprochen, sandte er einige seiner Kleriker mit mehreren Briefen nach Rom, um dort vom Papste und einem von diesem zu berufenden Concil eine Entscheidung und Hilfe zu erlangen. Solche Briefe richtete Theodoritus an den Papst, an den Priester und päpstlichen Legaten Renatus, von dessen (schon auf der Reise nach Ephesus erfolgtem) Tode er nichts wußte, an den Diakon Hilarus an den Bischof Florentius, zu dem seine Kleriker auf der Reise nach Rom kommen mussten. Eine Antwort des Papstes auf dieses Schreiben des Theodoritus besitzen wir nicht mehr; doch ist aus den späteren Ereignissen zu entnehmen, dass die Gesandtschaft des Theodoritus gut aufgenonmen wurde und der Papst ihn selbst ohne Rücksicht auf Dioskor’s Urteil in seine bischöfliche Würde wieder einsetzte. Da unser Brief kein Datum trägt, so kann man ihn nur annäherungsweise gegen das Ende des J. 449 ansetzen.
*1. Dass er mit Recht beim apostolischen Stuhle Hilfe suche, da dieser durch soviele Vorzüge die übrigen überrage.
2. Er erteilt dem hl. Leo Lob, erwähnt dessen Eifer gegen die Manichäer und das Schreiben an Flavianus.
3. Er beklagt sich, wie ungerecht er abgesetzt worden, da er nicht einmal zur Verantwortung aufgefordert wurde.
4. Er zählt die von ihm für die Kirche geleisteten Arbeiten auf.
5. Er bittet, dass er mit seiner Appellation an den apostolischen Stuhl nicht abgewiesen werde und spricht den Wunsch aus, man möge 282 seinen Glauben aus seinen Schriften prüfen, welche er anzeigt.
6. Er wünscht, dass ihm von Leo angezeigt werde, wie er sich bezüglich des ephesinischen Urteils benehmen solle.
7. Er empfiehlt Leo seine Legaten, sich selbst seinen Gebeten und seiner Sorgfalt; dass er und andere durch kaiserliche Schreiben verhindert wurden, sich zum Papste zu begeben.
Leo, dem Bischofe von Rom.
1. Cap. Wenn Paulus, der Verkündiger der Wahrheit, die Trompete des heiligen Geistes, sich an den großen Petrus wandte, um denen, welche in Antiochien bezüglich des Wandels nach dem Gesetze in Zweifel waren, die Entscheidung von ihm zu überbringen, so suchen um so mehr wir Geringe und Kleine Hilfe bei euerem apostolischen Stuhle, um für die Wunden der Kirchen ein Heilmittel von euch zu erhalten. Denn euch kommt es zu, in allem den ersten Rang einzunehmen. Ist doch euer Stuhl mit vielen Vorzügen geschmückt. Andere Städte schmückt zwar entweder die Größe oder die Schönheit, oder die Menge der Bewohner; einige auch, welche dessen entbehren, zieren geistige Gaben; euerer (Stadt) jedoch verlieh Überfluß an Gütern der Geber des Guten. Denn sie ist die größte und berühmteste von allen, da sie sowohl die Beherrscherin des Erdkreises ist, wie sie auch durch die Menge der Bewohner hervorragt. Hierzu erhielt sie selbst die Herrschaft und übertrug ihren Namen anch auf die Untertanen. Vor allem 283 aber ziert sie der Glaube und (dessen) tüchtiger Zeuge, der göttliche Apostel, da er sagt: „Euer Glaube wird in der ganzen Welt verkündet.“ Wenn sie alsbald, nachdem sie den Samen der heilsamen Lehre empfangen, solch’ bewunderungswürdige Früchte brachte, welche Worte könnten genügen zum Preise der jetzt in ihr herrschenden Frömmigkeit? Sie hat überdies die Gräber der gemeinsamen Väter und Lehrer der Wahrheit, des Petrus und Paulus, welche die Gemüter der Gläubigen erleuchten. Dieses seligste und göttliche Paar ging zwar im Oriente auf und ergoß seine Strahlen allenthalben hin, allein es vollendete freiwillig seinen Lauf im Occidente und erleuchtet nun von da aus den ganzen Erdkreis. Diese machten eueren Stuhl zu dem vornehmsten; das ist der Gipfelpunkt euerer Güter. Ihren Stuhl aber verherrlichte auch jetzt ihr Gott, da er auf denselben euere Heiligkeit setzte, welche die Strahlen des wahren Glaubens ergießt.
2. Cap. Hierfür könnte man allerdings viele andere Veweise finden, allein es genügt euer Eifer gegen die abscheulichen Manichäer, welchen euere Heiligkeit neulich ausübte, und durch welchen sie zeigte, wie sehr euere Gottesliebe für die göttlichen Angelegenheiten begeistert sei. Es genügen auch euere jetzigen Schreiben, um eueren apostolischen Charakter zu beweisen. Denn wir erhielten das Schreiben euerer Heiligkeit über die Menschwerdung unseres Gottes und Erlösers und bewunderten die Gründlichkeit des Geschriebenen. Denn es zeigte beides an ihm, sowohl die ewige Gottheit des Eingeborenen vom ewigen Vater wie auch seine Menschheit aus dem Samen Abrahams 284 und Davids, und dass die angenommene Natur uns in allem glich und nur in dem allein uns unähnlich war, dass sie von aller Sünde frei geblieben, da diese nicht aus der Natur, sondern aus dem freien Willen hervorgeht. Aber auch das enthielt das Schreiben, dass der eingeborene Sohn Gottes zwar (nur) Einer sei, dass aber seine Gottheit leidensunfähig sei und unwandelbar und unveränderlich, wie der Vater, welcher ihn zeugte, und der heilige Geist. Deshalb habe er auch eine leidensfähige Natur angenommen, da die göttliche Natur kein Leiden auf sich nahm, damit er durch das Leiden seines Fleisches denen, welche an ihn glauben, die Leidenslosigkeit schenke. Dies und anderes damit Verwandtes war in dem Briefe enthalten. Wir aber bewunderten die Weisheit deines Geistes und priesen die Gnade des heiligen Geistes, welche durch euch geredet, und bitten, beschwören und flehen inständigst und dringend deine Heiligkeit an, dass sie den im Sturme herumgeworfenen Kirchen Gottes Hilfe bringe.
3. Cap. Da wir nämlich durch die von deiner Heiligkeit nach Ephesus Gesandten das Ende des Sturmes erwarteten, gerieten wir in einen noch ärgeren. Der gerechteste Bischof von Alexandrien nämlich war keineswegs mit der so unbilligen und ganz ungerechten Absetzung des heiligsten und von Gott geliebtesten Herrn Bischofes Flavianus zufrieden, noch genügte die ähnliche Niederwerfung anderer Bischöfe seiner Seele, sondern er tötete in ähnlicher Weise auch mich Abwesenden, ohne dass ich vorgeladen oder persönlich angeklagt oder gefragt worden wäre, was ich bezüglich der Menschwerdung unseres Gottes und Erlösers 285 denke. Mörder und Grabschänder und Ehebrecher verurteilen die Richter nicht früher, bevor sie die ihnen zur Last gelegten Verbrechen entweder durch ihr eigenes Geständnis bestätigt haben oder sie (derselben) von anderen offenbar überwiesen wurden. Uns aber verurteilte jener, der in den göttlichen Gesetzen auferzogen worden, in einer Entfernung von 35 Tagereisen, wie er wollte. Und nicht nur jetzt hat er dies getan, sondern auch im vorigen Jahre, als zwei von der Krankheit des Apollinaris angesteckte sich dortin begeben und Verleumdungen gegen uns vorgebracht hatten, erhob er sich in der Kirche und sprach über uns den Bann aus; und dies, obwohl ich ihm geschrieben und meine Gesinnung brieflich erklärt hatte.
4. Cap. Ich aber bedauere den kirchlichen Sturm und liebe den Frieden; denn obwohl ich die mir von dem Gott des Alls anvertraute Kirche seit 26 Jahren regierte, erhielt ich weder unter dem seligsten Theodotos, dem Bischofe des Orients, noch unter seinen Nachfolgern auf dem Stuhle der Antiochener auch nur den geringsten Tadel; vielmehr habe ich unter der Beihilfe der göttlichen Gnade über Tausend Seelen von der Krankheit des Marcion befreit und viele andere von der Partei des Arius und Eunomius zu Christus, dem Herrn, geführt. Über achtundert Kirchen erhielt ich die Hirtensorge, denn so viele Parochien hat Cyrus, in welchen durch die Hilfe euerer Gebete kein Unkraut mehr übrig ist, sondern unsere Herde wurde allen häretischen Irrtümern entrissen. Gott, der alles sieht, weiß, wie viel Steinwürfe ich von den verruchten Häretikern bekommen, wie viel Kämpfe ich in den Städten des Orients mit Heiden, mit Juden und mit sämtlichen häretischen Irrlehren zu bestehen hatte. Nach so viel Schweiß und Mühe bin ich nun ungehört verurteilt.
286 5. Cap. Ich aber erwarte den Ausspruch eueres apostolischen Stuhles und bitte und beschwöre deine Heiligkeit, dass sie mir, der ich an eueren rechten und gerechten Richterstuhl appelliere, helfe und mich zu euch kommen und beweisen lasse, dass meine Lehre der apostolischen folge. Denn ich habe teils vor 20, teils vor 18, teils vor 15, teils vor 12 Jahren Schriften verfaßt gegen die Arianer und Eunomianer, andere gegen die Juden und Heiden, einige gegen die Magier in Persien, andere über die allgemeine Vorsehung und wieder andere über die Theologie und über die Menschwerdung Gottes. Es wurden von mir auch durch die göttliche Gnade sowohl die Schriften der Apostel wie auch die Weissagungen der Propheten erklärt. Aus diesen (Schriften) kann man leicht ersehen, ob ich eine feste Glaubensregel bewahrt, und ob ich von dem rechten Wege derselben abgewichen bin. Doch wollet, ich beschwöre euch, meine flehentliche Bitte nicht zurückweisen und mein armes, nach so vielen Arbeiten schmählich behandeltes weisses Haar nicht verachten.
6. Cap. Vor allem bitte ich euch, mich zu belehren, ob ich mich mit dieser ungerechten Absetzung zufrieden geben soll oder nicht; denn ich erwarte euere Entscheidung. Befehlt ihr mir, mich an das Urteil zu halten, so will ich es tragen, will keinem Menschen mehr lästig sein, sondern das rechte Gericht unseres Gottes und Erlösers abwarten. Gott, der Herr, ist mein Zeuge, nicht Sorge um Ruhm und Ehre bewegt mich, sondern die um das gegebene Ärgernis; denn viele Einfältigere und besonders die, welche aus den verschiedenen Häresien durch unsere Bemühung sich bekehrten, werden im Hinblick auf den Stuhl derjenigen, welche (uns) verurteilten, uns vielleicht für Häretiker halten, da sie nicht im Stande sind, die Lehre scharf zu unterscheiden, da ich auch während meines langjährigen Bischofsamtes mir weder Häuser, noch Äcker, noch Geld, ja nicht einmal ein Grab erworben, sondern die freiwillige Armut erwählt und mein väterliches Erbe nach dem Tode meiner 287 Eltern alsbald verteilt habe, wie es alle wissen, die im Oriente wohnen.
7. Cap. Vor allem aber beschwöre ich euer heiliges und von Gott geliebtes Haupt, meinen Bitten Hilfe und Beistand zu gewähren. Das habe ich euerer Heiligkeit durch die gottesfürchtigsten und von Gott geliebtesten Priester, die Chorbischöfe Hypatius und Abramius, und durch Alypius, den Exarchen meiner Mönche, mitgeteilt, damit mich sowie andere das Verbot des kaiserlichen Schreibens hinderte, zu euch zu reisen. Ich bitte euere Heiligkeit auch jene mit väterlicher Liebe anzusehen und ihnen euer unbeugsames Ohr in Gnade zu leihen, mein Greisenalter aber, welches mit Verleumdungen gequält und ohne Grund verfolgt ist, eueres Eifers und euerer Fürsorge zu würdigen, vor allem aber auch für den durch List angegriffenen Glauben möglichst zu sorgen und das väterliche Erbe den Kirchen unversehrt zu bewahren, damit euere Heiligkeit den auch hierfür bereiteten Lohn von dem freigebigen Herrn empfange.