Zur Würdigung der überaus schwierigen Lage, in welcher sich Papst Leo gegenüber dem an ihn gestellten Ansuchen befand, die Ordination des Anatolius zum Bischöfe von Konstantinopel anzuerkennen und durch ein an diesen gerichtetes Gemeinschaftsschreiben zu bestätigen, möge man mit Arendt bedenken, dass er einerseits annehmen musste, dass Anatolius, da er die Genehmigung des Kaisers hatte, in mehr oder minder engem Verhältnisse mit Dioskorus und der demselben geneigten Partei am Hofe stand, und dass er vor allem die Irrtümer des Dioskorus in Bezug 324 auf die Lehre teilte. In dieser Beziehung konnte er ihm unmöglich seine Anerkennung zuteil werden lassen; auf der anderen Seite aber hatte er auch bei der unbestimmten Weise, in der sich Anatolius in seinem Schreiben ausgesprochen, durchaus keinen bestimmten Grund, ihn unchristlicher Lehren oder eines bösen Willens zu beschuldigen und deswegen seine Anerkennung zu versagen. Schien es demnach gefährlich, die Zustimmung zu geben, so andererseits ungerecht, sie zu verweigern. Es bedurfte mannigfacher, die Sache wohl überlegender Beratung, und wir sahen aus den in obigem Briefe an Ravennius gemachten Andeutungen, wie sehr ihn diese Angelegenheit damals beschäftigte; der Entschluß aber, den er fasste, begegnete allen Schwierigkeiten, wie er auch das konsequente Ergebnis kirchlicher Anschauung war. Er versagte nämlich dem Anatolius nicht seine Anerkennung, verlangte aber zuvor von ihm, dass er sich in entschiedener Weise für die kirchliche Lehre ausspreche; auch beehrt er ihn selbst noch mit keinem Antwortschreiben, sondern stellt diese Forderung im gegenwärtigen, an den Kaiser gerichteten Briefe.
*1. (Der Papst) lässt seine Zustimmung zu der Ordination des Anatolius als Bischof von Constantinopel in der Schwebe und begehrt von ihm ein Glaubensbekenntnis.
2. Er fordert, dass derselbe sich von der Gemeinschaft der Häretiker lossage, dem gemeinschaftlichen Glauben durch Unterschrift beitrete; er sendet Legaten und begehrt eine Synode in Italien. 343
Leo, der Bischof, (entbietet) dem ewigen Kaiser Teodosius (seinen Gruß).
1. Cap. Ihr habt uns allerdings durch alle Briefe euerer Frömmigkeit, mitten in den Sorgen, welche wir um des Glaubens willen leiden, eine sehr große Hoffnung auf Sicherheit bereitet durch die Hochpreisung des rumänischen Concils, so dass ihr, wie ihr schon oft schreibt, nicht duldet, dass die Bischöfe des Herrn davon abweichen. Damit es jedoch nicht scheine, als ob ich etwas zum Schaden der katholischen Verteidigung getan, glaubte ich in Betreff der Ordination desjenigen, welcher die Leitung der Kirche von Konstantinopel antrat, indessen nach keiner Seite hin eine (entscheidende) Antwort geben zu dürfen, indem ich zwar die Liebe nicht verweigere, jedoch eine offene Erklärung der katholischen Wahrheit erwarte. Euere Milde, ich beschwöre (euch), möge dies in billigem Sinne hinnehmen, damit wir uns, nachdem er sich gegen den katholischen Glauben so erwiesen, wie wir wünschen, über seine Lauterkeit desto mehr und sicherer erfreuen. Damit ihn aber kein böser Argwohn bezüglich unserer Gesinnung kränke, beseitige ich allen Anlass zu einer Beschwerde und fordere gar nichts, was entweder hart oder bedenklich erscheinen könnte, sondern ersuche um das, wessen sich kein Katholik weigert. Denn in der ganzen Welt sind die bekannt und offenkundig, 344 welche vor uns, sei es in der griechischen oder in der lateinischen Sprache, in der Verkündigung der katholischen Wahrheit hervorleuchteten, zu deren Wissenschaft und Lehre auch einige unserer Zeit hinzukommen, aus deren Schriften eine ebenbürtige und vielseitige Unterweisung hervorgeht. Diese hat die nestorianische Häresie vernichtet und ebenso auch den jetzt hervorkeimenden Irrtum abgeschnitten. Er möge also sorgfältig lesen, was von den heiligen Vätern als Glaube an die Menschwerdung des Herrn bewahrt und ebenso stets gelehrt wurde, und nachdem er gefunden, dass der Brief des Cyrillus, des Bischofs von Alexandrien heiIigen Andenkens, (durch welchen er den Nestorius bessern und heilen wollte, indem er seine bösen Lehren tadelte und die nicänische Glaubensentscheidung deutlicher auseinandersetzte, welchen auch, weil er von ihm übersendet wurden das Archiv des apostolischen Stuhles aufnahm.) mit dem Sinne der vorhergehenden übereinstimmt, dann gehe er auch die Akten der ephesinischen Synode durch, welchen gegenüber der Gottlosigkeit des Nestorius von Cyrillus heiligen Andenkens die Zeugnisse der katholischen Bischöfe über die Menschwerdung des Herrn beigegeben und angefügt sind. Er verachte es auch nicht, mein Schreiben durchzugehen, welches, wie er finden wird, mit dem frommen Sinne der Väter vollkommen übereinstimmt. Hat er dann erkannt, dass man von ihm (nur) das verlangt und wünscht, was ihm nützen wird, so möge er den Aussprüchen der Katholiken mit ganzem Herzen beistimmen, so dass er ein aufrichtiges Bekenntnis des gemeinsamen Glaubens mit seiner vollen Unterschrift vor dem ganzen Klerus und dem gesammten Volke abgibt, welches dem apostolischen Stuhle 345 und allen Bischöfen und Kirchen des Herrn mitgeteilt werden wird, damit, nachdem die Welt durch einen Glauben beruhigt worden, wir alle sagen können, was die Engel bei der Geburt des Erlösers aus Maria der Jungfrau gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.“
2. Cap. Weil aber wir und unsere seligen Väter, deren Lehre wir verehren und befolgen, in der Eintracht eines Glaubens sind, wie es die Bischöfe aller Provinzen bezeugen, so wolle der gottesfürchtigste Glaube euerer Milde dahin wirken, dass das Schreiben des Bischofes von Konstantinopel, wie es einem bewährten und katholischen Bischofe gebührt, so bald als möglich an uns gelange, welches die offene und deutliche Erklärung entält, dass, wenn jemand über die Menschwerdung des göttlichen Wortes etwas anderes glaubt oder behauptet, als das Bekenntnis aller Katholiken und das meine bezeugt, er einen solchen von seiner Gemeinschaft ausscheide, damit wir ihm mit Recht unsere brüderliche Liebe in Christus schenken können. Damit aber unseren heilsamen Bemühungen ein schnellerer und vollständigerer Erfolg unter dem Beistande des Herrn durch den Glauben euerer Milde zu Teil werde, schickte ich an euere Frömmigkeit meine Brüder und Mitbischöfe Abundius und Asterius, aber auch die Priester Basilius und Senator, deren Gottesfurcht mir wohl bekannt ist, durch die ihr aus den ihnen mitgegebenen Instructionen unsere Glaubensregel gefälligst zur Kenntnis nehmen könnet, damit, wenn der Bischof von Konstantinopel diesem Bekenntnisse mit ganzem Herzen zustimmt, wir uns in Sicherheit, wie es sich geziemt, über den kirchlichen Frieden erfreuen 346 und gar kein Bedenken übrig bleibe, weshalb wir uns mit etwa überflüssigem Argwohn quälen würden. Wenn jedoch einige von der Reinheit unseres Glaubens und von der Autorität der Väter abweichen, so möge euere Milde, nach dem Wunsche der ob dieser Angelegenheit in Rom versammelten Synode und dem meinigen, ein allgemeines Concil in Italien gestatten, damit in der Gegenwart aller für die Besserung derjenigen, welche aus Unwissenheit oder Furcht fielen, gesorgt werde und es niemand mehr freistehe, die nicänische Synode so anzuziehen, dass er als ein Feind des Glaubens derselben befunden wird, weil es sowohl der ganzen Kirche wie auch diesem euerem Reiche zum Vorteile gereichen wird, wenn ein Gott, ein Glaube und ein Geheimnis des Menschenheiles durch ein Bekenntnis der ganzen Welt festgehalten wird. Gegeben am 16. Juli unter dem 7. Konsulate des Valentinianus und dem des erlauchtesten Avienus.