Es war selbstverständlich, dass Flavianus von der Absetzung und Ausschließung des Eutyches durch die Synode die übrigen Bischöfe benachrichtigte; schon in der 2. Sitzung verlangte Bischof Sabbas von Paltus in Syrien von ihm dass er die Akten der Synode den orientalischen Bischöfen zuschicken solle, und dass er dies wirklich getan, bezeugt der Patriarch Domnus von Antiochien aus der Räubersynode. Ebenso haben wir ein Schreiben, welches Flavianus an den P. Leo über die Irrlehre und Verurteilung des Eutyches nach der Synode im Spätjahr 448 oder am Anfange des J. 449 richtete, bevor er noch hierzu von Leo aufgefordert wurde. Wohl behauptet Ouesnell und nach ihm Pagi gegen Baronius, dass Flavianus erst dann geschrieben habe, als der Papst über sein Schweigen sich beschwerte und Aufklärung verlangte, und verkehren diese die Ordnung der zwei von Flavianus an Leo gerichteten (22. u. 26.) Briefe; allein schon Tillemont und noch gründlicher die Ballerini weisen nach, dass unser 22. Brief der erste und jener gewesen, auf welchen P. Leo sich in seinem 28. Briefe beruft, und der ihn zur Abfassung dieses hochberühmten Schreibens veranlasste. Von unserem Briefe aber besitzen wir neben dem griechischen Originale zwei lateinische Versionen, von welchen die eine zwar die ältere, ursprüngliche, vom Papste benützte, aber oft unverständlich und vom Originale abweichende ist, die andere jüngere dieses richtiger und genauer gibt. 175
1. Über die Nachstellungen des Teufels, welchen der entgeht, welcher der Lehre der heiligen Väter anhängt. 2. Über die Verschmitztheit der Häretiker, mit welcher sie Unvorsichtige täuschen. 3. Dass Eutyches die Lehren des Valentinus und Apollinaris erneuere. 4. Über dessen ganz gerechte Absetzung und Exkommunikation, um deren Mitteilung an die Bischöfe des Abendlandes er Leo ansucht.
Dem heiligsten und von Gott geliebtesten Vater und Mitbischofe Leo (sendet) Flavianus Gruß im Herrn.
1. Cap. Es gibt nichts, was der Bosheit des Teufels Einhalt gebietet, „jenem nimmer müden Übel voll des tödlichen Giftes“; nach oben und unten geht er alles durch und „sucht, wen er schlagen, wen er beunruhigen, wen er verschlingen könnte.“ Deshalb lernen wir aus der hl. Schrift, wachsam und nüchtern sein zum Gebete und uns Gott zu nahen, eitle Fragen zurückzuweisen, den Vätern folgen und die ewigen Grenzen nicht zu überschreiten. Ich lege also die Last der Trauer, die Menge der Tränen (vor dir) nieder, weil ein Kleriker von denen, welche mir angehören, sich fangen ließ und ich nicht im Stande war, ihn zu retten und dem Wolfe zu entreissen, obwohl ich bereit gewesen wäre, mein Leben für ihn einzusetzen. Wie er geraubt wurde, wie er hinaussprang, weil er die Stimme 176 des (ihn) Rufenden haßte und lieber dem Verderber zulief weil er auch die väterlichen Vermächtnisse verließ und ihre Wege völlig verabscheute, beginne ich zu erzählen.
2. Cap. Es gibt solche, die „in Schafskleidern (einhergehen), innen aber reißende Wölfe sind“; Diese erkennen wir aus den Früchten. „Sie scheinen Schafe von uns zu sein, aber sie sind es nicht; denn wären sie von uns, so würden sie wohl bei uns geblieben sein.“ Sobald sie aber ihre Gottlosigkeit ausgespieen haben, indem sie die in ihnen verborgene List hervorkehren und die Schwächeren und die, welche für die göttlichen Aussprüche weniger Verständnis haben, erfassen, ziehen sie diese mit sich in’s Verderben, indem sie die Lehren der Väter „verkehren und beschimpfen, wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ Vor diesen muss man sich, wenn man sie vorher kennt, hüten, damit sich nicht einige durch ihre Bosheit verführen und von der eigenen Festigkeit losreißen lassen. „Denn sie spitzen ihre Zungen wie die Schlangen; Otterngift ist unter ihren Lippen“, wie dies von ihnen der Prophet verkündigte.
3. Cap. Als ein solcher gab sich uns jetzt Eutyches zu erkennen, seit langem Priester und Archimandrit, indem es zwar schien, als ob er so dächte wie wir und den rechten Glauben hätte, auch der Gottlosigkeit des Nestorius Widerstand leistete und den Kampf gegen ihn scheinbar 177 mitmachte, allein die Glaubenserklärung der 318 Väter und das Schreiben des Cyrillus, heiligen Andenkens, an Nestorius wie auch das an die Orientalen, welchen (Briefen) alle zustimmten, zu vernichten, die alten Irrlehren aber des gottlosen Valentinus und Apollinaris zu erneuern suchte. Er fürchtete auch nicht das Gebot des wahren Königs, welcher sagt:„Wer eines von diesen Kleinen ärgert, dem wäre es besser, wenn man ihm einen Mühlstein an den Hals hängen und ihn in die Tiefe des Meeres versenken würde.“ Er legte aber alle Scham und alle ihn umkleidende Hülle ab und behauptete offen vor unserer heiligen Synode, wir dürften nicht anerkennen, dass unser Herr Jesus Christus der nach der Menschwerdung aus zwei Naturen in einer Person (bestehe), noch dass das Fleisch des Herrn uns wesensgleich sei, als ob es von uns angenommen und mit dem göttlichen Worte der Person nach vereint worden wäre; er aber, dass zwar die Jungfrau, welche ihn geboren, dem Fleische nach uns wesensgleich sei, allein der Herr habe aus ihr keinen uns wesensgleichen Leib angenommen, und der Leib des Herrn sei zwar nicht der Leib eines Menschen, wohl aber sei der aus der Jungfrau stammende Leib ein menschlicher; so steht er mit allen Erklärungen der heiligen Väter im Widerspruch. 178
3. Cap. Damit ich jedoch nicht, wenn ich alles vollständig erzähle, den Brief in’s Unendliche ausdehne, schickten wir deiner Heiligkeit die vor einiger Zeit über ihn aufgenommenen Akten, nach welchen wir ihn, da er sich also fangen ließ, des Priestertums und der Leitung des Klosters und unserer Gemeinschaft beraubten, damit deine Heiligkeit das ihn Betreffende erkenne und allen von Gott geliebtesten Bischöfen, welche unter deiner Ehrwürdigkeit stehen, dessen Gottlosigkeit bekannt mache, damit sie nicht etwa, weil sie nicht wissen, welche Gesinnungen er hat, und worin er offenbar betroffen wurde, mit ihm wie mit einem Glaubensgenossen entweder durch Briefe oder auf sonst eine Art Gemeinschaft halten. Der ganzen Brüderschaft eurer Heiligkeit in Christus senden ich und die Meinen viele Grüße. Mögst du, von Gott geliebtester Vater, unversehrt im Herrn, unser im Gebete eingedenk und uns gewogen bleiben! 179