*1. (Der Papst) regt den Eifer Pulcheria’s gegen Eutyches an.
2. Es sei für das Menschenheil von Bedentung, dass Christus nicht bloß Mensch, sondern auch ein Mensch desselben Geschlechtes mit uns ist.
3. Dass die Geburt des Christen aus der Geburt Christi hervorgehe. Der Starrsinn des Eutyches. Die MiIde des apostolischen Stuhles.
4. Dass Leo dem Concil beiwohne, verbietet 218 die Gewohnheit, die Lage der Zeit, die Liebe zu seinen Mitbürgern. Das apostolische Symbolum wird durch eine neue Häresie erschüttert.*
Leo, (sendet) der Kaiserin Pulcheria (seinen Gruß).
1. Cap. Welch’ große Stütze der Herr seiner Kirche in euerer Milde bereitete, erwiesen wir oft durch viele Zeugnisse. Was immer in unseren Zeiten die Bemühung der Bischöfe gegen die Feinde der katholischen Wahrheit erzielte fiel größtenteils euerem Ruhme anheim, da ihr nach Unterweisung des heiligen Geistes euere Gewalt jenem in allem unterwerfet, durch dessen Gnade und (unter dessen) Schutz ihr regieret. Weil ich also aus dem Berichte meines Bruders und Mitbischofs Flavianus erfuhr, dass der Kirche von Konstantinopel gegen den echten christlichen Glauben durch Eutyches ein Streit entstanden sei, dessen ganzen Verlauf die Synodalakten darstellten, ist es eures Ruhmes würdig, dass der Irrtum, der, wie ich glaube, mehr aus Unwissenheit als aus Verschmitztheit hervorgegangen ist, beseitigt werde, bevor er noch durch die Zustimmung Unwissender zu einem hartnäckigen Übel erstarkte. Denn auch Unwissenheit gerät bisweilen in große Fehltritte, und unvorsichtige Einfältigkeit stürzt meistens in die Grube des Teufels; auf diese Weise, meine ich, täuschte den Obgenannten der Geist des Irrtums; da er nämlich wähnte, er hege über die Majestät des Sohnes Gottes frommere Meinung, wenn er sagt, es wohne in ihm nicht 219 die Wahrheit unserer Natur, glaubt er, dass jenes Ganze, was (als) „Wort Fleisch geworden ist“, von einer und derselben Substanz sei. Soweit sich ferner Nestorius von der Wahrheit entfernte, da er behauptete, Christus sei von der Mutter nur als Mensch geboren worden, ebenso weit weicht dieser von der katholischen Lehre ab, da er glaubt, es sei von derselben Jungfrau nicht unsere Substanz geboren worden, indem er nur die der Gottheit allein verstanden wissen will, so dass, das, dass er die Knechtsgestalt trug und uns ähnlich und gleichförmig war, gewissermaßen ein Bild, aber nicht die Wahrheit unserer Natur war.
2. Cap. Es nützt aber nichts, zu sagen, unser Herr, Sohn der seligen Jungfrau Maria, sei ein wahrer und vollkommener Mensch, wenn man nicht glaubt, dass er Mensch jener Abstammung sei, als deren Sprosse er im Evangelium verkündiget wird. Mattäus nämlich sagt: „Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ und verfolgt die Ordnung des menschlichen Ursprungs so, dass er die Linien der Abstammung herabführt bis auf Josef, mit dem die Mutter des Herrn verlobt war. Lucas aber nimmt die Grade der Abkömmlinge in umgekehrter Reihe durch und geht bis auf den Stammvater des Menschengeschlechtes selbst zurück, damit 220 er zeige, dass der erste und der letzte Adam von derselben Natur sind. Zwar konnte die Allmacht des Sohnes Gottes zur Belehrung und Rechtfertigung der Menschen so erscheinen, wie er den Patriarchen und Propheten in Fleischesgestalt erschien, da er sich entweder in einen Kampf einließ oder eine Ansprache hielt oder auch die angebotene Gastfreundschaft nicht verschmähte oder eine vorgesetzte Speise annahm. Aber jene Bilder waren Anzeichen dieses Menschen, dessen Wahrheit aus dem Stamme der vorhergehenden Väter genommen werden soll, wie es die mystischen Zeichen verkündeten. Deshalb auch brachten keine Bilder das vor ewigen Zeiten eingeleitete Geheimnis unserer Erlösung zur Erfüllung, weil der heilige Geist noch nicht über die Jungfrau herabgekommen war und die Kraft des Allerhöchsten sie nicht überschattet hatte, damit, indem sich die Weisheit im unversehrten Leibe ein Haus erbaute, das Wort Fleisch werde und, indem sich die Gottesgestalt und Knechtsgestalt in eine Person vereinigte, der Schöpfer der Zeiten in der Zeit geboren und der, durch welchen alles geworden ist, selbst unter allem hervorgebracht werde. Denn wenn der neue Mensch, welcher „dem Fleische der Sünde ähnlich wurde“, nicht unseren alten Menschen annahm 221 und er, der allein von der Sünde frei ist, unsere Natur (nicht) mit sich vereinigte, so würde die ganze menschliche Gefangenschaft unter dem Joche des Teufels festgehalten sein und könnten wir den Sieg des Triumphierenden uns nicht zu Nutzen machen, wenn derselbe ausserhalb unserer bestände.
3. Aus dieser wunderbaren Teilhaftmachung leuchtete uns das Geheimnis der Wiedergeburt, dass durch denselben Geist, durch den Christus empfangen und geboren wurde, auch wir, die wir durch die Begierlichkeit des Fleisches geboren wurden, abermals durch eine geistige Abstammung geboren werden. Deshalb heißt es bezüglich der Gläubigen beim Evangelisten: „Diejenigen, welche nicht aus dem Blute noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ An dieser unaussprechlichen Gnade hat der keinen Teil und kann nicht den von Gott an Kindes statt Angenommenen beigezählt werden, wer immer von seinem Glauben das, was uns vor allem erlöst, ausschließt. Darum schmerzt und betrübt es mich sehr, dass der, welcher bis nun durch seinen Vorsatz der Demut lobenswert erschien, gegen unsere und unserer Väter einzige Hoffnung Eitles und allzu Albernes zu behaupten wagt. Er hätte, da er sah, dass seine Torheit katholischen Ohren mißfalle, seine Meinung aufgeben sollen, nicht aber die Vorsteher der Kirche so gegen sich aufbringen, 222 dass er das Urteil der Verdammung verdiente, welches, falls er in seiner Gesinnung verharren will, niemand wird mildern können. Der apostolische Stuhl nämlich beobachtet dieses Vorgehen, dass er gegen Verstockte Strenge anwendet, Gebesserten Verzeihung angedeihen lassen will. Weil ich also auch in den so erhabenen Glauben deiner Frömmigkeit großes Vertrauen setze, beschwöre ich deinem glorreiche Milde, dass, gleichwie die katholische Lehre an deinem heiligen Eifer stets eine Stütze fand, dieselbe auch jetzt deinen Schutz genieße; vielleicht ließ Gott diesen Angriff auf sie zu, damit die in der Kirche verborgenen (Feinde) erkannt werden können. Wir dürfen die Heilung derselben keineswegs vernachlässigen, damit wir uns auch über ihren Verlust nicht zu betrüben brauchen.
4. Cap. Der durchlauchtigste und christlichste Kaiser aber, welcher wünscht, dass die gestörte Ruhe so schnell als möglich hergestellt werde, kündigte für das bischöfliche Concil, welches in Ephesus gehalten werden soll, einen viel zu kurzen und knappen Termin an, indem er den 1. August für die Versammlung ansetzte; denn vom 13. Mai an, wo wir das Schreiben seiner Durchlaucht erhielten, muss der größere Teil der Zeit darauf verwendet werden, dass die Reise der Bischöfe angeordnet werden kann, welche dieser Angelegenheit gewachsen sind. Auch das, dass seine Frömmigkeit glaubte, auch ich solle dem Concil beiwohnen, wovon man (übrigens) irgend ein früheres Beispiel aufsuchen müsste, könnte jetzt auf keinen Fall befriedigt werden, weil die allzu große Unsicherheit der jetzigen Zeitverhältnisse 223 meine Abwesenheit von der Gemeinde einer so bedeutenden Stadt nicht zulässt und die Gemüter der in Unruhe Versetzten einer gewissen Verzweiflung anheimfielen, wenn ich aus Anlass einer kirchlichen Angelegenheit das Vaterland und den apostolischen Stuhl verlassen wollte. Weil ihr also sehet, dass es im öffentlichen Nutzen gelegen war, dass ich, unter der Nachsicht euerer Milde, mich der Liebe und den Bitten meiner Mitbürger nicht entzog, haltet in diesen meien Brüdern, welche ich an meiner Statt sandte, auch mich für mit den übrigen Versammelten anwesend; ihnen habe ich gemäß der Angelegenheit, wie sie mir aus den Akten und aus dem Bekenntnisse desjenigen selbst, um den es sich handelt, zur Genüge klar wurde, deutliche und vollständige Verhaltungsmaßregeln gegeben. Denn nicht irgend ein unbedeutender Teil des Glaubens steht in Frage, welcher vielleicht weniger deutlich erklärt ist, sondern das wagt ein überaus törichter Widerspruch anzukämpfen, was nach dem Willen unsers Herrn niemandem beiderlei Geschlechtes in der Kirche unbekannt sein darf. Ist doch selbst das kurze und vollkommene Bekenntnis des katholischen Symbolums, welches in zwölf Sätzen ebenso vieler Apostel verzeichnet ist, durch himmlische Kraft so beschaffen, dass durch dessen Schwert allein alle Meinungen der Häretiker vernichtet werden können. Hätte Eutyches die Fülle dieses Symbolums mit reinem und einfältigem Herzen erfassen wollen, er würde in nichts von den Decreten des heiligsten nicänischen Concils abweichen und würde einsehen, dass von den heiligen Vätern angeordnet wurde, dass gegen den apostolischen Glauben, welcher nur einer ist, sich kein Geist, kein Ausspruch erheben dürfe. Wollet daher auch nach der Gewohnheit euerer Frömmigkeit dahin wirken, dass, was eine gotteslästerliche Torheit gegen das einzige Geheimnis des Menschenheiles vorbrachte, von den Herzen aller ferngehalten werde. Wenn ferner derjenige selbst, welcher in diese Versuchung fiel, in sich geht, so zwar, dass er durch schriftliche Genugtuung seinen eigenen Irrtum verdammt, so soll ihm die Gemeinschaft seines Ordo nicht 224 verweigert werden. Deine Milde mag wissen, dass ich dies auch dem heiligen Bischofe Flavianus geschrieben, dass die Liebe nicht ausser Acht gelassen werde, wenn der Irrtum aufgehoben wird. Gegeben am 13. Juni unter dem Consulate des Asturius und Protogenes, der erlauchtesten Männer.