*1. Dass Eytyches die christliche Hoffnung und die Wahrheit aller Geheimnisse vernichte.
2. Dass die Eigentümlichkeiten beider Naturen in Christus bewahrt bleiben.
3. Dass die Seele Christi nicht vor seinem Leibe schon existiert habe noch sein Leib aus Nichts geschaffen worden sei, sondern beides sei von derselben Natur mit uns.*
Leo, Bischof der Stadt Rom, (sendet) dem geliebtesten Bruder, dem Bischofe Julianus (seinen Gruß).
1. Cap. Obwohl wir durch die Unsrigen, welche wir 234 von der Stadt um der Glaubensangelegenheit willen absandten, an unsern Bruder Flavianus ein sehr ausführliches Schreiben gegen den überaus gottlosen Irrtum richteten, fügten wir dennoch, weil wir durch unsern Sohn, den Diakon Basilius, das Schreiben deiner Liebe erhielten, welches uns wegen seines Eifers für die katholische Gesinnung sehr gefiel, auch diese mit jenem Briefe übereinstimmenden Zeilen bei, auf dass ihr einmütig und standhaft denen, welche das Evangelium Christi zu entstellen suchen, widerstehet; denn in uns und in euch ist des heiligen Geistes Unterweisung und Lehre eine und dieselbe; wer immer diese nicht annimmt, ist kein Glied am Leibe Christi und kann sich dessen nicht als Haupt rühmen, von welchem er behauptet, dass in ihm nicht seine Natur enthalten sei. Was aber nützt es dem gar so unvernünftigen Greise, mit dem Namen der nestorianischen Häresie die Meinung derjenigen zu schmähen, deren ganz gottesfürchtigen Glauben er nicht umstoßen kann? Denn soweit Nestorius von der Wahrheit abwich, indem er die Gottheit des Wortes von der Substanz des angenommenen Menschen trennte, ebenso weit entfernt sich auch der vom rechten Wege, welcher lehrt, dass der eingeborene Sohn Gottes so aus dem Leibe der seligen Jungfrau geboren wurde, dass er zwar die scheinbare Gestalt eines menschlichen Körper getragen, jedoch die Wahrheit des menschlichen Fleisches mit dem Worte nicht vereint gewesen sei. Wer sähe nicht, welch’ ungeheuerliche Meinungen aus diesem wunderlichen Irrtume hervorgehen? Wer nämlich leugnet, dass Jesus Christus wahrer Mensch ist, muss voll von allerlei Gottlosigkeit sein und sich entweder an ApolIinaris anschließen 235 oder an Valentinus oder dem Manichäus beitreten, von denen keiner an die Wahrheit des menschlichen Fleisches in Christus glaubte. Nimmt man diese nicht an, so wird jedenfalls nicht nur geleugnet, dass der, welcher in Gottesgestalt war und in der Knechtsgestalt derselbe blieb, als Mensch mit Fleisch und einer vernünftigen Seele geboren wurde, sondern auch das in Abrede gestellt, dass er gekreuzigt wurde, starb und begraben wurde, dass er am dritten Tage wieder auferstand, dass er zur Rechten des Vaters sitzt und kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, in jenem Leibe, in welchem er gerichtet wurde; denn diese Geheimnisse unserer Erlösung werden bedeutungslos, wenn man nicht glaubt, dass Christus die wahre und ganze Natur eines wahren Menschen angenommen habe.
2. Cap. Oder sollten vielleicht deshalb, weil die göttlichen Zeichen offenbar waren, die leiblichen Zeugnisse für falsch erklärt werden? und sollen die Beweise beider Naturen (nur) gelten, damit der Schöpfer erkannt werde, nicht (aber auch) gelten, damit das Geschöpf erlöst werde? Was der Gottheit eigen ist, hat das Fleisch nicht verringert; was dem Fleische eigen ist, hat die Gottheit nicht aufgehoben. Denn derselbe ist ewig vom Vater aus und zeitlich von der Mutter aus; in seiner Kraft unverletzlich, in userer Schwäche leidensfähig, in der Gottheit der Dreifaltigkeit mit dem Vater und dem heiligen Geiste einer und derselben Natur, in der Annahme des Menschen aber nicht einer Substanz, sondern einer und derselben Person; [so dass derselbe reich ist in Armut, allmächtig in Erniedrigung, leidensunfähig in der Todespein, unsterblich im Tode]. Denn das Wort ist auch nicht in irgend einem Teile in Fleisch oder Seele verwandelt worden, da die einfache und unveränderliche Natur der Gottheit in ihrer Wesenheit stets ganz ist und weder eine Beeinträchtigung noch eine Vergrößerung erfährt und die angenommen Natur so beseliget, dass die verherrlichte (Natur) in der 236 verherrlichenden (unversehrt) bleibt. [Warum aber sollte es unpassend oder unmöglich scheinen, dass das Wort, das Fleisch und die Seele der eine Jesus Christus, der eine Gottes und Menschensohn ist, wenn Fleisch und Seele, obwohl sie verschiedenen Naturen angehören, auch ohne die Menschwerdung des Wortes eine Person ausmachen, da es doch viel leichter ist, dass diese Einheit zwischen sich und dem Menschen die Macht der Gottheit herstellt, als dass die Ohnmacht der Menschheit allein dieselbe in ihren Substanzen erlange?] Deshalb wurde weder das Wort in Fleisch noch das Fleisch in das Wort verwandelt, sondern beides verbleibt in dem einen, und der eine ist in beidem, durch keine Verschiedenheit getrennt, durch keine Vermischung vermengt; nicht ein anderer aus dem Vater, ein anderer aus der Mutter, sondern derselbe (ist) anders aus dem vor allem Anfange, anders aus der Mutter am Ende Zeiten, damit er der Mittler sei zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus, in welchem „die Fülle der Gottheit leibhaftig innewohnen“ sollte, weil es eine Beförderung des Angenommenen, nicht des Annehmenden ist, dass „Gott ihn erhöhte und ihm einen Namen gab, welcher über alle Namen ist, damit sich im Namen Jesu alle Kniee beugen, derer im Himmel, auf der Erde und unter der Erde, und jede Zunge bekenne, dass der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist.“
3. Cap. [In dem aber, was Eutyches in dem bischöflichen Gerichte zu sagen wagte, dass „vor der Menschwerdung in Christus zwei Naturen gewesen seien, nach der Menschwerdung (nur) eine“, war es notwendig gewesen, dass 237 er durch häufige und sorgfältige Fragen der Richter zur Rechenschaftsablegung über sein Bekenntnis gedrängt wurden, damit nicht als unbedeutend durchging, was nur aus der Annahme vergifteter Lehren hervorgekommen. Denn ich glaube, dass der, welcher solches redet, überzeugt sei, dass die vom Erlöser angenommene Seele vorher im Himmel weilte, bevor er aus Maria der Jungfrau geboren wurde und das Wort sich dieselbe im Schoße (der Mutter) verband. Das aber ertragen katholische Gesinnungen und Ohren nicht; denn der Herr brachte, da er vom Himmel, kam nichts mit, was uns angehört, er nahm nämlich weder eine Seele an, welche schon vorher existierte, noch ein Fleisch, welches nicht vom Leibe der Mutter war. Unsere Natur wurde ja nicht so angenommen, dass sie zuerst erschaffen, nachher angenommen wurde, sondern so, dass sie eben bei der Annahme geschaffen wurde. Was daher mit Recht an Origenes verdammt wurde, welcher behauptete, dass die Seelen vor ihrer Einschließung in die Körper nicht nur schon lebten, sondern auch verschiedenartige Handlungen verrichteten, das muss auch an diesem geahndet werden, wenn er es nicht vorzieht, (seine) Meinung aufzugeben.] Denn die Geburt des Herrn im Fleische hat allerdings gewisse Eigentümlichkeiten, durch welche sie die Anfänge der menschlichen Erschaffung überragt, sei es nun deshalb, weil er allein von der unverletzten Jungfrau ohne die Begierlichkeit empfangen und geboren worden, oder deswegen, weil er im Schoße der Mutter so zur Welt kam, dass sowohl die Fruchtbarkeit gebar als auch die Jungfräulichkeit blieb; nichts destoweniger ist sein Fleisch von keiner andern als von unserer Natur; auch wurde ihm die Seele von keinem anderen Ursprunge aus eingehaucht als den übrigen Menschen, welche sich nicht durch die Verschiedenheit des 238 Ursprungs, sondern durch die Erhabenheit der Tugend auszeichnete. Denn er hatte an seinem Fleische nichts als Gegensätzliches [noch erzeugte ein (etwaiger) Zwiespalt der Wünsche einen Kampf der Willen] Die Sinne Körpers wirkten ohne das Gesetz der Sünde, und Wahrheit der Affekte (stand) unter der Leitung der Gottheit und des Geistes, wurde weder durch Verlockungen versucht, noch gab sie einem Unrechte nach. Der wahre Mensch war mit dem wahren Gott vereinigt und wurde weder mit einer früher (schon) eristierenden Seele vom Himmel herabgezogen noch dem Fleische nach aus nichts erschaffen, da er in der Gottheit des Wortes dieselbe Person darstellte und dem Leibe sowie der Seele nach die gemeinsame Natur mit uns hatte. Er wäre ja nicht der Mittler zwischen Gott und den Menschen, wenn nicht derselbe Gott und derselbe Mensch wäre, in beidem der eine und wahrhaft. Die Wichtigkeit des Gegenstandes veranlasst uns zwar zu weitläufigen Erörterungen, allein bei deinem Wissen is große Mühe überflüssig, besonders da wir schon durch unsere Brüder an den Bruder Flavianus ein Schreiben schickten, welches zur Bekräftigung der Gemüter nicht nur von Bischöfen, sondern auch von Laien ausreicht. Gottes Barmherzigkeit wird, wie wir glauben, es dahin bringen, dass, ohne Verlust irgend einer Seele, gegen die Ränke desTeufels das Gesunde verteidigt und das Verwundete geheiltt werden kann. Gegeben am 13. Juni unter dem Consulate 239 des Asturius und Protogenes, der erlauchtesten Männer.