Wie schon bei dem Briefe des Eutyches an den Papst Leo bemerkt wurde, suchte jener gegen das Urteil der Synode von Konstantinopel Schutz und Hilfe bei den Bischöfen des Abendlandes; ausser dem Papste war wohl kein anderer Bischof des Abendlandes zu diesem Zwecke von so großer Bedeutung, als der Bischof von Ravenna, der Residenz des abendländischen Kaisers Valentinianus; es ist demnach begreiflich, dass Eutyches vor allem auch diesen für sich zu gewinnen suchte. Sein Schreiben an ihn besitzen wir nicht nur die Antwort des Petrus Chrysologus. Was nun zunächst den Text dieses Antwortschreibens betrifft, so wurden bezüglich der Echteit des zweiten Kapitels von 185 Quesnell Bedenken erhoben, weil in sehr vielen Handschriften nur das erste Kapitel vorkommt; die Ballerini aber weisen die Authentie beider Kapitel nach und erklären auch, weshalb so viele Codices nur das erste Kapitel enthalten. Weiterhin sprechen sich die Ballerini auf Grund der großen Verschiedenheit des Stiles zwischen den zwei Kapiteln des Briefes dahin aus, dass der lateinische Text des ersten Kapitels der Originaltext sei, welcher mit der sonstigen Redeweise des Heiligen übereinstimme und klar und verständlich sei, hingegen die Unverständlichkeit und teilweise Unrichtigkeit des zweiten Kapitels darauf hinweise, dass wir hier nur die ungeschickte Rückübersetzung aus dem Griechischen vor uns haben. Bezüglich der Abfassungszeit endlich entscheiden sich die Ballerini für den Februar des J. 449 gegen andere, welche unseren Brief in den Mai oder einen noch späteren Monat verlegen wollen; sie stellen es nämlich als höchst wahrscheinlich dar, dass der Überbringer der Briefe des Kaisers und des Eutyches an den Papst von Rom nach Ravenna zum Kaiser gegangen und dabei den Brief des Eutyches dem Petrus Chrysologus eingehändigt habe, und dass derselbe mit der Antwort des Kaisers Valentinianus auch die des Petrus Chrysologus mitbekam, also zu derselben Zeit beiläufig, als Papst Leo obige zwei Briefe schrieb.
*1. (Der Schreiber) erklärt, dass gegen die Bekämpfer der Menschwerdung des Wortes schon längst die Entscheidung getroffen worden sei, und dass man dieselbe nicht erforschen dürfe, sondern mit Ehrerbietung und Furcht an sie glauben müsse.
2. Er rät dem Eutyches, auf die Schriften des römischen Bischofs in Gehorsam zu achten, weil Petrus, welcher die Vorsteher seines Stuhles leitet, denen, die da suchen, die Wahrheit des Glaubens bietet. 186
Dem geliebtesten Sohne und mit Recht ehrwürdigen Priester Eutyches (sendet) Bischof Petrus (seinen Gruß).
1. Cap. Traurig habe ich dein trauriges Schreiben gelesen und deinen betrübenden Brief mit gebührender Betrübnis durchgegangen; denn wie Friede der Kirchen, Eintracht der Bischöfe und Ruhe des Volkes uns mit himmlischer Freude erfüllt, so schmerzt und drückt uns nieder der Zwist der Brüder, besonders wenn er aus solchen Ursachen entsteht. In dreissig Jahren beseitigen die menschlichen Gesetze menschliche Streitigkeiten, und Christi Geburt, vom göttlichen Gesetze als unaussprechlich bezeichnet, wird nach so vielen Jahrhunderten frevelhafter Erörterung unterzogen! Wohin Origenes, der Prinzipienspürer, geriet, und wie Nestorius fiel, der über die Naturen disputierte, ist deiner Klugheit nicht unbekannt. Die Weisen bekennen Christus in der Wiege durch mystische Geschenke als Gott, und Priester fragen in bedauernswerter Untersuchung, wer es ist, der durch die Geburt der Jungfrau vom heiligen Geiste geboren wurde! Als Jesus in der Wiege weinte, rief die himmlische Heerschaar: „Ehre sei Gott in der Höhe,“ und jetzt, wo „im Namen Jesu sich alle Kniee beugen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde,“ regt man nach seinem Ursprunge Fragen an! Wir, mein Bruder, sagen mit dem Apostel: „Und wenn wir Jesus dem Fleische nach gekannt haben, aber jetzt kennen wir ihn nicht mehr.“ Wir können den nicht in beleidigender Weise untersuchen dem wir Ehre und Furcht schulden, und müssen den erwarten und nicht erforschen, den wir als Richter bekennen.
1. Cap. Dies, mein Bruder, habe ich in Kürze auf 187 deinen Brief geantwortet; mehr würde ich geschrieben haben, wenn unser Bruder und Mitbischof Flavianus mir in dieser Sache ein Schreiben gesandt hätte. Denn wenn es dir mißfällt, weil du geschrieben hast, du seist nicht gehört worden, wie sollen wir über diejenigen urteilen können, die wir wegen ihrer Abwesenheit nicht sehen, und deren Ansichten wir wegen ihres Stillschweigens nicht kennen? Der ist kein gerechter Mittler, welcher die eine Partei so hört, dass er der andern nichts vorbehält. In allem aber, ehrwürdiger Bruder, ermahnen wir dich, dass du auf dasjenige gehorsam achtest, was der heiligste Papst der römischen Stadt geschrieben hat; denn der heilige Petrus, der auf seinem Stuhle lebt und herrscht, bietet denen, die da suchen, die Wahrheit des Glaubens. Wir nämlich können bei unserem Eifer für den Frieden und Glauben ohne Wissen des Bischofs der römischen Stadt Glaubenssachen nicht anhören. Der Herr wolle deine Liebe noch sehr lange unversehrt bewahren, geliebtester und ehrwürdigster Sohn! 188