Während die Gesandten des Papstes noch auf der 353 Reise nach Konstantinopel waren, vollzog sich daselbst plötzlich eine gänzliche Umwandlung der Verhältnisse zu Gunsten des Friedens und des Glaubens. Kaiser Theodosius starb nämlich in Folge eines Sturzes vom Pferde am 28. Juli 450. Da er keine männlichen Nachkommen hinterließ, fiel die Krone an seine schon im J. 415 zur Augusta und Mitregentin erhobene Schwester Pulcheria (seine Tochter Eudoxia war mit dem abendländischen Kaiser Valentnianus III. vermählt). Weil aber noch nie eine Frau allein das römische Reich regiert hatte, bot Pulcheria einem der angesehensten Generäle und Staatsmänner, Marcianus, einem wegen Frömmigkeit und Tüchtigkeit höchst geachteten Manne, ihre Hand und damit den Thron an, unter der Bedingung, dass sie dadurch in ihrem Gelübde beständiger Virginität nicht gestört werde. Auf Marcian’s Zusage stellte sie denselben dem versammelten Rate als ihren Gemahl und künftigen Kaiser vor und wurde er unter allgemeinem Beifall am 24. August 450 feierlich gekrönt. Auch Kaiser Valentinianus gab dem Geschehenen seine Zustimmung und erwarb sich der neue Kaiser solchen Ruhm, dass alle Schriftsteller ihn zu den besten Fürsten zählen, viele sogar ihn über Constantin und Theodosius den Großen erheben. Dadurch aber war die Lage der kirchlichen Angelegenheiten plötzlich geändert, indem Marcianus wie Pulcheria der orthodoxen Lehre zugetan war und überdies der bisherige Hauptbeschützer des Eutychianismus, der Minister Chrysaphius, wegen seiner vielen Ungerechtigkeiten hingerichtet wurde (ob kurz vor dem Tode des Theodosius oder nachher, ist zweifelhaft). Dioskorus, welcher ahnte, was er von dem neuen Kaiser zu befürchten habe, machte einen verunglückten Versuch, die Anerkennung demselben in Alexandrien 354 zu hintertreiben, und sich dadurch dopplet strafwürdig. Eudoxia, die ränkesüchtige Gemahlin des Theodosius, wurde entfernt und musste ihr Leben in einem Kloster zu Jerusalem beschließen; mit ihr fiel die letzte Stütze der eutychianischen Partei am Hofe. Kaiser Marcianus aber trat bald nach seiner Thronbesteigung in einen freundlichen Briefwechsel mit dem Papste Leo und zeigte ihm in seinem und des abendländischen Kaisers Namen Ende August oder Anfangs September seine Erhebung in folgendem verbindlichen und ergebenen Schreiben mit.
Über seine Erwählung (zum Kaiser) und über die Feier eines Concils. Die Sieger Valentinianus und Marcianus, die glorreichen Triumphatoren, ewigen Kaiser, (entbieten)* Leo, dem hochwürdigsten Erzbischofe der glorreichen Stadt Rom *(ihren Gruß).
Zu dieser höchsten Kaiserwürde gelangten wir durch Gottes Vorsehung und die Wahl des hochansehnlichen Senates und des ganzen Heeres. Deshalb hielten wir es in Anbetracht der ehrwürdigen und katholischen Religion des christlichen Glaubens, zu dessen Beschützung, wie wir überzeugt sind, die Macht unserer Gewalt geleitet wird, für 355 recht, uns an deine Heiligkeit, welche die Aufsicht und die Oberleitung über den göttlichen Glauben inne hat, mit einem kaiserlichen Schreiben (gleich) im Anfange zu wenden, um zu ersuchen und zu bitten, dass deine Heiligkeit die ewige Gottheit um die Festigkeit und den Beistand unseres Reiches bitten möge; damit wir ein solches Vorhaben und Verlangen haben, dass, nachdem aller gottlose Irrtum beseitigt ist, durch den Zusammentritt der Synode unter deiner Leitung der größte Friede des katholischen Glaubens bei allen Bischöfen (wieder) auflebe und frei und unversehrt von allem Frevel fortbestehe. Geschehen in Konstantinopel unter dem 7. Consulate unseres Herrn Valentinianus, des ewigem Kaisers, und dem des Avienus. 356