Kaiser Teodosius II. hatte für den Anfang August 194 449 ein allgemeines Concil nach Ephesus ausgeschrieben. Er tat es auf die vereinten und wahrscheinlich auch von dem Minister Chrysaphius unterstützten Bitten des Eutyches und des Patriarchen Dioscorus von Alexrandrien, den ein doppeltes Motiv antrieb, den Eutyches gegen seinen Bischof Flavianus zu halten. Einerseits nämlich stand Dioscorus auf demselben dogmatischen Boden wie Eutyches, andererseits lastete auf ihm der Verdacht, dass er die Begünstigung dieser Richtung als Mittel gebrauchen wollte, um den Stuhl von Alexandrien wieder über den von Constantinopel und noch mehr über die anderen morgenländischen Patriarchate zu erheben, was ihm in der Tat auf der sogenannten Räubersynode gelang; hatte ja auch schon ein halbes Jahrhundert früher Eifersucht den unversöhnlichen Hass des Theophilus von Alexandrien gegen den heil. Chrysostomus veranlasst. Dioscorus ging nun so weit, dass er allen canonischen Gesetzen zuwider den Eutyches, obgleich er von seiner competenten Behörde excommuniziert war und ihm, dem Dioscorus, nicht die geringste Jurisdiktion über ihn zustand, wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm und ihn in seinen Würden als Priester und Archimandrit restituiert erklärte, noch ehe die zur Untersuchung der Sache berufene größere Synode von Ephesus eine Entscheidung hierüber gab. Von der Berufung dieser Synode hörten wir schon Flavianus oben in seinem Schreiben an Leo sprechen und seine so ziemlich offen geäusserte Erklärung, dass er von ihr nichts Gutes erhoffe. Das kaiserliche Berufungsschreiben selbst, wie gewöhnlich im Namen der beiden Kaiser Theodosius II. und Valentinianus III. erlassen, ist aus Konstantinopel vom 30. März 449 datiert, 195 war gleichlautend an die großen Metropoliten erlassen und hat sich noch in dem an Dioscorus gerichteten Exemplare erhalten. Die Kaiser versichern darin ihren Eifer für die Orthodoxie und erklären, dass, weil Zweifel und Streitigkeiten über den rechten Glauben entstanden, die Abhaltung einer allgemeinen Synode notwendig geworden sei. Dioscorus solle sich deshalb mit zehn der ihm untergebenen Metropoliten und zehn anderen heiligen, durch Wissenschaft und Wandel ausgezeichneten Bischöfen am kommenden 1. August in Ephesus einfinden. Gleiche Einladungen seien auch an die anderen Bischöfe ergangen, und es dürfe, bei großer Verantwortlichkeit, keiner der Gerufenen ausbleiben oder mit der Ankunft zögern. Theodoret von Cyrus dagegen (dieser starke Gegner des Monophysitismus) dürfe nicht erscheinen, wenn nicht die Synode selbst ihn berufe. In einem späteren Edikte ernannte der Kaiser den Dioscorus zum Präsidenten der Synode.
Die Aufforderung, an der Synode von Ephesus teilzunehmen, war auch an Papst Leo ergangen und am 13. Mai 449 in Rom angekommen. Der Papst konnte jedoch dem Wunsche des Kaisers, persönlich zu erscheinen, wegen der unruhigen Zeitläufe nicht entsprechen und bestellte deshalb drei Legaten, den Bischof Julius vou Puzzuoli in Campanien, den Priester Renatus (Cardinal von St. Clemens) und den Diakon Hilarus, um seine StelIe bei der Synode zu vertreten und seine Briefe an den Erzbischof Flavianus, an den Kaiser, an die Synode, an Pulcheria, die Schwester und Mitregentin des Kaisers, an die Archimandriten von Konstantinopel, an den Bischof Julianus von Cos zu überbringen. Unter allen diesen, sämtlich vom 13. Juni 449 datierten Briefen ist der erste an Flavianus gerichtete der weitaus wichtigste; er enthält jene ausführliche dogmatische Abhandlung über die Lehre von der Person Christi, welche Leo dem Bischofe von Constantinopel schon früher (im 27. Briefe) in Aussicht gestelIt und die nachmals von der vierten allgemeinen Synode approbiert 196 symbolisches Ansehen erhalten hat. Gennadius sagte zwar (c. 84. de viris illustr.), dass von manchen Prosper von Aquitanien für den Concipienten dieses Briefes gehalten werde; er selbst aber vindicirt die Autorschaft dem Papste Leo, was aus der Ähnlichkeit des Stiles dieses Schreibens mit dem der übrigen Briefe und Schriften Leo’s und der Unähnlichkeit mit dem Stile Prospers nach der Bemerkung der Ballerini (I. p. 795 n. 4 und 5)) ganz zweifellos ist. Diesem Briefe fügte Leo später (nach der Räubersynode) noch eine Anzahl patristischer Zeugnisse, lateinische und griechische, zur Bestätigung seiner Lehre bei und schickte diese durch seine Legaten, die Bischöfe Abundius und Asterius und die Priester Basilius und Senator, mit einem Schreiben vom 16. Juli 450 an den Kaiser Theodosius nach Konstantinopel. Weil jedoch diese patristischen Zeugnisse einerseits nicht dem ersten Exemplar unseres Schreibens angehängt waren, andererseits in der Reihe jener patristischen Zeugnisse Belegstellen enthalten sind, welche der Papst Leo seinem (165.) Schreiben an den Kaiser Leo vom 17. August 458 beigab, werden sie nach dem Vorgange der Ballerini erst nach diesem letzteren Briefe aufgeführt. Endlich ist zu erwähnen, dass der ursprüngliche Text des folgenden Schreibens lateinisch ist; die griechische Übersetzung wurde wahrscheinlich gleich nach seiner Ankunft in Konstantinopel gemacht und auf der Synode von Chalcedon verlesen.
*1. Dass Unkenntnis der heiligen Schrift den Eutyches zu einem Häretiker gemacht.
2. Gegen diejenigen, welche das Geheimnis 197 des Werkes des Herrn an zwei Söhne zu zerreissen suchen.
3. Gegen die, welche zu behaupten wagen, die Gottheit des eingeborenen Sohnes Gottes sei leidensfähig gewesen.
4. Gegen jene, welche bei den zwei Naturen Christi eine Ausgleichung oder Vermischung annehmen.
5. Gegen diejenigen, welche so wahnsinnig sind, zu behaupten, es existiere eine himmlische oder irgend einer anderen Substanz entsprungene Knechtsgestalt, welche er aus uns angenomnen hat.
6. Gegen diejenigen, welche wähnen, es seien zwar vor der Vereinigung zwei Naturen des Herrn gewesen, nach der Vereinigung aber nur eine sich einbilden.*
Leo, der Bischof, (sendet) dem geliebtesten Bruder Flavianus, dem Bischofe von Konstantinopel (seinen Gruß).
Aus dem Schreiben deiner Liebe, über dessen so späte Absendung wir uns übrigens wundern, und aus den beigeschlossenen 198 Synodalakten erlangten wir endlich Kenntnis von dem Ärgernisse, welches bei euch gegen die Unversehrtheit des Glaubens entstanden ist. Was bisher noch dunkel war, ist uns jetzt ganz klar geworden. Eutyches, so ehrwürdig ihn seine Priesterwürde machte, zeigt sich dadurch als im hohen Grade unwissend und unverständig, so dass auch von ihm das Wort des Propheten gilt: „Er wollte nicht klug werden, um Gutes zu tun; Ungerechtigkeit sann er auf seinem Lager.“ Was aber ist schlimmer, als gottloses hegen und Weiseren und Gelehrteren nicht nachgeben? In diese Torheit jedoch fallen alle, die, wenn sie durch eine Schwierigkeit an der Erkenntnis der Wahrheit gehindert werden, nicht hei den Worten der Propheten, nicht bei den Schriften der Apostel, nicht bei den Aussprüchen der Evangelien, sondern bei sich selbst Rat erholen und deshalb Lehrer des Irrtums werden, weil sie nicht Schüler der Wahrheit gewesen sind. Denn welche Kenntnis von der hl. Schrift des alten und neuen Testamentes kann der besitzen, welcher nicht einmal die Anfangsgründe des Glaubensbekenntnisses versteht? Und was die Täuflinge auf der ganzen Welt bekennen, das kann das Herz dieses alten Mannes noch nicht fassen.
Wenn er also nicht wußte, was er über die Menschwerdung des göttlichen Wortes denken solle, und er, um sich hierüber zu belehren nicht die ganze heil. Schrift 199 durchforschen wollte, so hätte er doch wenigstens jenes allgemeine und ohne Unterscheidung angenommene Bekenntnis mit sorgsamem Ohre beherzigen sollen, durch welches alle Gläubigen bekennen: zu glauben an Gott, den allmächtigen Vater, und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn, der geboren ist von dem heiligen Geiste und von Maria der Jungfrau. Durch diese drei Sätze werden die Anschläge fast aller Häresien vernichtet. Denn wenn man glaubt, Gott sei allmächtig und Vater, so erklärt man den Sohn für gleichewig mit ihm, der sich in nichts vom Vater unterscheidet, weil er Gott von Gott, allmächtig von dem Allmächtigen, gleichewig von dem Ewigen ist, nicht später der Zeit, nicht niedriger der Macht, nicht ungleich der Herrlichkeit, nicht getrennt der Wesenheit nach; dieser aber des ewigen Vaters eingeborene ewige Sohn ist von dem heiligen Geiste und von Maria der Jungfrau geboren. Diese zeitliche Geburt hat jener göttlichen und ewigen Geburt nichts benommen, nichts zugebracht, sondern war ganz auf die Erlösung des verführten Menschen gerichtet, um den Tod zu besiegen und den Teufel, der des Todes Gewalt hatte, durch ihre Kraft zu überwinden. Denn wir könnten den Urheber der Sünde und des Todes nicht überwinden, wenn nicht jener unsere Natur angenommen und zu der seinigen gemacht hätte, den weder eine Sünde beflecken noch der Tod festhalten konnte. Er ist nämlich empfangen vom heiligen Geiste im Leibe der jungfräulichen Mutter, die ihn ebenso ohne Verletzung der Jungfrauschaft geboren, wie sie ihn ohne Verletzung derselben empfangen hat. Wenn (Eutyches) von dieser so reinen Ouelle des christlichen Glaubens keinen klaren Begriff erlangen konnte, weil er den Glanz der hellen Wahrheit durch die ihm eigene Verblendung verdunkelt hatte, so hätte er sich doch der Lehre des Evangeliums unterwerfen sollen, da auch Mattäus sagt: „Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, 200 des Sohnes Abrahams;“ er hätte sich auch von der Lehre der Apostel Aufklärung geben lassen sollen, und so er im Briefe an die Römer liest: „Paulus, ein Diener Jesu Christi, berufener Apostel, auserwählt für das Evangelium Gottes, welches er zuvor durch seine Propheten in den heiligen Schriften versprochen hatte, von seinem Sohne, der ihm aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach geworden ist,“ dann hätte er seine fromme Aufmerksamkeit auf die prophetischen Bücher gerichtet. Er fände da die Verheißung Gottes an Abraham: „In deinem Samen werden gesegnet werden alle Völker der Erde,“ und damit er über die Eigentümlichkeit dieses Samens nicht im Zweifel sei, hätte er dem Apostel folgen sollen, der sagt: „Es sind dem Abraham Verheißungen zugesagt worden und seinem Samen; er sagt nicht: „„und den Samen““ (als spräche er) wie von Vielen, sondern (er spricht) wie von Einem: „„und deinem Samen,““ welcher ist Christus.“ Auch das Wort des Isaias hätte er mit dem Ohre seines Geistes erfassen können, da er sagt: „Sieh’, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man Emmanuel nennen, d. h. Gott mit uns;“ er hätte auch im Glauben die Worte desselben Propheten gelesen: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen Schultern die Herrschaft ruhet; und man nennt seinen Namen: Engel des großen Rates, Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Friedensfürst, Vater der Zukunft.“ Er hätte dann nicht eitel gesprochen und behauptet, das Wort sei nur insoferne Fleisch geworden, als der aus dem Leibe der Jungfrau geborene Christus die Gestalt eines Menschen, nicht aber einen wahrhaften Leib von seiner Mutter gehabt habe. Oder glaubte Eutyches vielleicht deshalb, unser Herr Jesus Christus sei nicht gleicher Natur mit uns, weil der zur seligen allzeit jungfräulichen Maria gesandte Engel 201 sagte: „Der heilige Geist wird über dich herabkommen und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; deshalb wird auch das Heilige, das aus dir wird geboren, Sohn Gottes genannt werden?“ (Oder glaubte er vielleicht,) weil die Empfängnis der Jungfrau ein Werk Gottes war, deshalb sei das Fleisch des Empfangenen nicht aus der Natur derjenigen, die empfangen hat? Allein nicht also ist die ganz eigens wunderbare und wunderbar eigene Geburt aufzufassen, als ob durch eine neue Schöpfung die Eigentümlichkeit des (menschlichen) Geschlechtes entfernt worden wäre. Der heilige Geist nämlich gab der Jungfrau die Fruchtbarkeit, der wahrhaftige Leib aber ward von (ihrem) Leibe genommen, und „indem sich die Weisheit ein Haus baute,“ „ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,“ d. h. in jenem Fleische, welches er aus einem Menschen annahm, und das er mit einem vernünftigen Geiste belebte.
Indem also die Eigentümlichkeit beider Naturen und Substanzen unbeeinträchtigt blieb und in eine Person zusammenging, ist von der Majestät die Niedrigkeit, von der Kraft die Schwäche, von der Ewigkeit die Sterblichkeit aufgenommen worden; und um unsere Schuld zu bezahlen, einigte sich die unverletzbare Natur mit der leidensfähigen, damit, wie es unsere Rettung erforderte, der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, auf der einen Seite sterben, auf der andern nicht sterben konnte. In der unversehrten und vollkommenen Natur eines wahren Menschen ist der wahre Gott geboren, vollkommen in dem 202 Seinigen, vollkommen in dem Unsrigen. Das Unsrige aber nennen wir das, was der Schöpfer vom Anfange her in uns geschaffen und (Christus) wiederherzustellen übernommen hat. Denn von dem, was der Verführer in uns hineingebracht hat und der verführte Mensch zuließ, war im Erlöser keine Spur. Auch hatte er deshalb, weil er an den menschlichen Schwächen teil nahm, nicht auch Teil an unseren Sünden. Er nahm Knechtsgestalt an ohne den Schmutz der Sünde, indem er das Menschliche erhöhte, ohne das Göttliche zu verringern, weil jene Selbstentäusserung, durch welche sich der Unsichtbare als sichtbar darstellte und der Schöpfer und Herr aller Dinge einer der Sterblichen sein wollte, eine Herablassung der Erbarmung, nicht eine Abnahme der Macht war. Demnach wurde er, der in Gottes Gestalt den Menschen gemacht, Mensch in Knechtsgestalt. Jede Natur bewahrt also ihre Eigentümlichkeit unversehrt, und wie die Gottesgestalt die Knechtsgestalt nicht vernichtet, so verringert die Knechtsgestalt nichts an der Gottesgestalt. Denn da der Teufel sich rühmte, durch seine List es dahin gebracht zu haben, dass der Mensch der Gaben Gottes verlustig, der Unsterblichkeit beraubt und einem harten Todesurteile unterworfen worden sei, und dass er in seinem Unglücke an der Gesellschaft eines Sünders Trost gefunden, Gott selbst aber seiner Gerechtigkeit zufolge seine Gesinnung gegen den Menschen, welchen er in einem so ehrenvollen Zustande erschaffen hatte, geändert habe, so bedurfte es der Anlegung eines geheimen Planes, damit der unveränderliche Gott, dessen Willen nie der Güte beraubt werden kann, die erste Absicht seiner Liebe gegen uns durch eine geheimnisvolle Anstalt ausführen könne, und damit der Mensch, welcher durch die List des Teufels zur Sünde verführt wurde, nicht wider den Willen Gottes verloren ginge. 203
So tritt denn der Sohn Gottes in diese niedere Welt ein von seinem himmlischen Sitze herabsteigend, ohne von der Herrlichkeit seines Vaters zu lassen, in einer neuen Ordnung, in einer neuen Geburtsart zur Welt kommend. In einer neuen Ordnung, indem der in dem Seinigen Unsichtbare in dem Unsrigen sichtbar geworden ist, der Unbegreifliche begriffen werden wollte, der vor aller Zeit existierende in der Zeit zu sein angefangen, der Herr des Alls mit Verhüllung seiner unermesslichen Majestät Knechtsgestalt angenommen, der leidensunfähige Gott ein leidensfähiger Mensch zu sein und der Unsterbliche den Gesetzen des Todes sich zu unterwerfen nicht verschmäht hat. In einer neuen Geburtsart kam er zur Welt, weil die unversehrte Jungfräulichkeit die Lust nicht kannte (und) den Stoff des Fleisches hergab. Es wurde von der Mutter des Herrn die Natur, nicht die Schuld angenommen; auch ist im Herrn Jesus Christus, welcher aus dem Schoße der Jungfrau geboren ist, deshalb, weil seine Geburt wunderbar ist, nicht seine Natur der unsrigen unähnlich. Denn derselbe, der wahrer Gott ist, ist zugleich wahrer Mensch, und ist in dieser Einheit keine Lüge, da die Niedrigkeit des Menschen und die Hoheit Gottes sich in ihr durchdrungen haben. Wie nämlich Gott nicht verändert wird durch sein Erbarmen so wird auch der Mensch durch die göttliche Würde nicht verzehrt. Denn jede der beiden Formen tut in Gemeinschaft mit der andern, was ihr eigen ist, indem das Wort (Gottes) wirkt, was des Wortes ist, und das Fleisch verrichtet, was des Fleisches ist. Das eine strahlt herrlich in Wundern, das andere unterliegt den Schmähungen. 204 Und wie das Wort von der Gleichheit der väterlichen Herrlichkeit nicht ablässt, so lässt das Fleisch nicht ab von der Natur unseres Geschlechtes. Denn der Eine und Selbe ist, was man oft wiederholen muss, wahrhaft Gottes Sohn und wahrhaft Menschensohn: Gott dadurch, dass „im Anfange das Wort war und das Wort bei Gott und selbst Gott war“; Mensch dadurch, dass „das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat“; Gott dadurch dass „alles durch ihn erschaffen ist und ohne ihn nichts erschaffen ist“; Mensch dadurch, dass „er aus dem Weibe geboren ist und unter dem Gesetze“. Die Geburt des Fleisches ist die Offenbarung der menschlichen Natur, das Gebären der Jungfrau ist das Zeichen der göttlichen Kraft. Die Schwäche des Kindes wird gezeigt durch Niedrigkeit der Wiege, die Herrlichkeit des Höchsten wird verkündet durch die Stimme der Engel. Den Anfängen der Menschen gleich ist der, den Herodes gottlos zu töten trachtet; aber der Herr aller ist es, den die Weisen demütig anzubeten sich freuen. Als er dann zur Taufe seines Vorläufers Johannes kam, rief, damit nicht verborgen bleibe, dass unter dem Schleier des Fleisches die Gottheit verhüllt sei, die Stimme des Vaters vom Himmel: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ Dem, welcher als Mensch von der List des Teufels versucht wird, demselben, als Gott, dienen die Engel. Hungern, Dürsten, Ermatten und Schlafen ist offenbar menschlich. Aber mit fünf Broten fünftausend Menschen sättigen, der Samaritanerin lebendiges Wasser geben, dessen Genuß allen Durst auch für die Zukunft verscheucht, auf dem Meere einherzuwandeln, ohne unterzusinken, die Fluten und Stürme zu bedrohen und zu stillen, ist ohne 205 Zweifel göttlich. Wie es also, um vieles zu übergehen, nicht Sache einer und derselben Natur ist, mit tiefem Mitleid den verstorbenen Freund zu beweinen und ihn, der schon vier Tage unter der Grabesdecke lag, bloß durch den Befehl des Wortes wieder in’s Leben zu rufen, oder am Kreuze zu hängen und nach Verwandlung des Tages in Nacht alle Elemente zittern zu machen, oder mit Nägeln durchbohrt zu sein und dem Glauben des Räubers die Tore des Paradieses zu öffnen, ebenso ist es nicht Sache einer und derselben Natur zu sagen. „Ich und der Vater sind eins“ und zu sagen: „Der Vater ist größer als ich.“ Obgleich nämlich im Herrn Jesus Christus nur eine Person des Gottes und des Menschen ist, so ist doch das eine eigene Quelle, aus welcher die Beiden gemeinschaftliche Schmach, und wieder eine andere, aus welcher die gemeinschaftliche Herrlichkeit herrühret. Denn von uns hat er die Menschheit, welche geringer als der Vater ist, vom Vater hat er die dem Vater gleiche Gottheit.
Wegen dieser Einheit der Person also, an die man bei beiden Naturen denken muss, liest man sowohl: der Menschensohn sei herabgestiegen vom Himmel, da doch der Sohn Gottes aus der Jungfrau, von welcher er geboren wurde, Fleisch angenommen hat, wie hingegen auch: der Sohn Gottes sei gekreuzigt und begraben worden, während er doch nicht in der Gottheit, nach welcher er als Eingeborener gleichewig und wesensgleich mit dem Vater ist, sondern in Schwäche der menschlichen Natur gelitten hat. Daher bekennen auch wir alle im Symbolum, der eingeborene Gottes sei gekreuzigt und begraben worden, gemäß 206 (jenen) Worten des Apostels: „Denn hätten sie ihn gekannt, sie hätten nie den Herrn der Majestät gekreuzigt.“ Als aber unser Herr und Erlöser selbst durch seine Fragen seine Schüler im Glauben unterrichten wollte, sprach er: „Wofür halten die Leute mich, den Menschensohn?“ und nachdem sie ihm die verschiedenen Meinungen der anderen erklärt hatten, sagte er: „Ihr aber, wofür haltet ihr mich?“ Also mich, der ich ein Menschensohn bin, und den ihr in Knechtsgestalt und in der Wahrheit des Fleisches erblickt, für wen haltet ihr mich? Wo der hl. Petrus, göttlich inspiriert und mit seinem Bekenntnisse allen Völkern vorangehend, erwiderte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Mit Recht wurde er deshalb vom Herrn für selig erklärt und erlangte von dem Hauptfelsen die Standhaftigkeit seiner Tugend sowohl wie seines Namens, indem er durch die Offenbarung des Vaters eben denselben als Sohn Gottes und als Christus bekannte, weil das eine ohne das andere (uns) nicht zum Heile hätte gereichen können und es gleich gefährlich gewesen wäre, den Herrn Jesus Christus entweder nur für Gott zu halten, ohne ihm die Menschheit zuzuschreiben, oder nur für einen Mensche zu halten, ohne an seine Gottheit zu glauben. Und nach der Auferstehung des Herrn (welche sicherlich die eines wahren Leibes war, weil kein anderer auferweckt worden war als der, welcher gekreuzigt und gestorben war), was ist in jenen vierzig Tagen anderes geschehen, als dass unser Glaube von jedem Dunkel gereinigt wurde? Er redete mit Jüngern, er wohnte und aß mit ihnen, er ließ sich von denen, welche ein Zweifel quälte, genau und neugierig berühren, kam aber bei verschlossenen Türen zu den SchüIern, gab ihnen durch sein Anhauchen den heiligen Geist und erklärte ihnen, nachdem er ihnen das Licht des Verständnisses verliehen, die Geheimnisse der heiligen Schrift 207 zeigte ihnen hinwieder die Seitenwunde und die Male der Nägel und alle Zeichen seines erst überstandenen Leidens, indem er sagte: „Seht meine Hände und meine Füße, dass ich es bin! Greifet und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, dass ich habe,“ damit erkannt werde, dass in ihm die Eigentümlichkeiten der göttlichen und menschlichen Natur unzertrennt verbleiben, und damit wir wissen, dass Wort und Fleisch (zwar) nicht dasselbe, dennoch bekennen, der eine Sohn Gottes sei Wort und Fleisch. Dieses Geheimnis des Glaubens war, so müssen wir es annehmen, dem Eutyches völlig fremd, welcher unsere Natur in dem Eingeborenen Gottes weder in der Erniedrigung der Sterblichkeit noch in der Herrlichkeit der Auferstehung anerkannte; er scheute auch nicht den Ausspruch des seligen Apostels und Evangelisten Johannes, der sagt: „Jeder Geist, welcher bekennt, dass Jesus Christus im Fleische gekommen sei, ist aus Gott; und jeder Geist, der Christus löst, ist nicht aus Gott und ist der Antichrist.“ Was heißt aber, Jesus lösen, anderes, als die menschliche Natur von ihm trennen und das Geheimnis, durch das allein wir erlöst worden, durch die schamlosen Erdichtungen zerstören? Wer aber über die Natur des Leibes Christi im Dunkel ist, der muss auch in Bezug auf sein Leiden in gleicher Verblendung sinnloses lehren. Denn wer das Kreuz des Herrn nicht für unwahr hält und nicht zweifelt, dass der um des Heiles der Welt willen erlittene Tod ein wirklicher gewesen, der muss auch das Fleisch dessen anerkennen, an dessen Tod er glaubt; er darf nicht, leugnen dass der Mensch, den er als leidensfähig erkannt, von unserem Körper gewesen sei; denn die Leugnung des wahren Fleisches ist auch eine Leugnung des körperlichen 208 Leidens. Wenn er also den Christenglauben annimmt und sein Ohr von der Lehre des Evangeliums nicht abwendet, so mag er zusehen, welche Natur von Nägeln durchbohrt am Kreuzholze hing, er mag erkennen, woher, nachdem die Seite des Gekreuzigten durch die Lanze des Soldaten durchstochen worden, Blut und Wasser geflossen sei, damit die Kirche Gottes sowohl durch das Wasserbad wie durch den Kelch befeuchtet werde. Er höre auch auf das Wort des Apostels Petrus, welcher sagt, dass die Heiligung des Geistes durch die Besprengung mit dem Blute Christi geschehe; er lese nicht oberflächlich die Worte desselben Apostels, wo er sagt. „Da ihr wisset, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber und Golde erkauft seid von euerem eitlem Wandel, der sich von den Vätern auf euch vererbt hat, sondern mit dem kostbaren Blute Jesu Christi als eines unbefleckten und tadellosen Lammes.“ Er widerstehe auch nicht dem Zeugnisse des seligen Apostels Johannes, welcher sagt „Und das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, reinigt uns von jeder Sünde;“ und abermals: „Das ist der Sieg, welcher die Welt überwindet, unser Glaube; und: „Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist, Jesus Christus, nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und durch das Blut. Und der Geist ist es, welcher bezeugt, dass der Geist Wahrheit ist. Denn drei sind, die Zeugnis geben: der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei sind Eins.“ Der Geist nämlich der Heiligung und das Blut der Erlösung und das Wasser der Taufe, welche drei Eines sind und unzertrennlich, und deren keines von seiner Verbindung sich lostrennen lässt; denn die katholische Kirche lebt und wächst in diesem Glauben, 209 dass man in Christus Jesus weder an die Menschheit ohne wahre Gottheit noch an die Gottheit ohne wahre Menschheit glaube.
Da aber Eutyches bei der Unterredung auf euere Frage geantwortet: Ich bekenne, dass unser Herr vor der Vereinigung aus zwei Naturen bestanden habe nach der Einigung (aber) bekenne ich (nur) eine Natur,“ so wundere ich mich, sein so törichtes und verkehrtes Bekenntnis von keinem der Richter getadelt und eine solch’ ungereimte und blasphemische Rede so übergangen wurde, als ob man gar nichts Anstößiges gehört hätte; denn es ist ebenso gottlos, zu sagen, der eingeborene Sohn Gottes habe vor der Einigung zwei Naturen gehabt, wie es ein Frevel ist, zu behaupten, dass, nachdem „das Wort Fleisch geworden,“ in ihm nur eine Natur vorhanden gewesen sei. Damit nun Etyches nicht etwa meine, seine Erklärung sei recht oder wenigstens leidlich, weil sie durch keinen Ausspruch von eurer Seite widerlegt wurde, so ermahnen wir den Eifer deiner Sorgfalt, teuerster Bruder, dass, wenn es durch Gottes erbarmende Erleuchtung zu einer Genugtuung kommt, die Torheit des unverständigen Menschen auch von dieser pestartigen Meinung gereinigt werde. Er ließ sich zwar, wie die Akten ausweisen, gut an und ging von seiner Überzeugung ab, da er, durch euere Erklärung gedrängt, bekannte, zu behaupten, was er vorher nicht behauptet habe, und sich jenem Glauben anzuschließen, der ihm vorher fremd gewesen 210 sei. Da er aber das gottlose Dogma nicht anathematisieren wollte, so erkannte euere Brüderlichkeit, dass er in seinem Irrtum verharre und der Verdammung würdig sei. Zeigt er jedoch hierüber aufrichtige und ersprießliche Reue, anerkennt er, wenn auch spät, die Gerechtigkeit des bischöflichen Spruches, und verdammt er, um die Genugtuung zu vollenden, alle seine bösen Behauptungen mündlich und durch eigenhändige Unterschrift, so wird gegen den Gebesserten jede noch so große Erbarmung untadelhaft sein, weil unser Herr, der wahre und gute Hirt, der „sein Leben einsetzte für seine Schafe,“ und der gekommen ist, die Seelen der Menschen zu retten, nicht sie zu verderben, will, dass wir seine Güte nachahmen, dass also zwar die Sünder die Gerechtigkeit bestrafe, die Bekehrten aber die Barmherzigkeit nicht zurückweise. Das ist ja erst die schönste Frucht der Verteidigung des Glaubens, dass die falsche Meinung auch von ihren Anhängern verworfen wird. Um aber die ganze Sache gut und getreu durchzuführen, sandten wir an unserer statt unsere Brüder, den Bischof Julius und den Priester Renatus von dem Titel des heil. Clemens und meinen Sohn, den Diakon Hilarus; diesen gaben wir unsern Notar Dulcitius, einen Mann von bewährter Treue bei, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass unter Gottes Beistand der, welcher geirrt hatte, seine falsche Meinung selbst verwerfen und so Rettung finden werde. Gott erhalte dich unversehrt, teuerster Bruder! Gegeben am 13. Juni unter dem Consulate der erlauchtesten Männer Asturius und Protogenes.