Über seine Ordination.
(Fragment.)
Mit der Erhebung des Anatolius, eines alexandrinischen 288 Priesters, auf den bischöflichen Stuhl von Constantinopel war Dioskorus auf dem Gipfel seiner Macht und am Ziele seiner Wünsche angelangt; war doch hierdurch die sich mächtig erhebende Kirche in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu der alexandrinischen Kirche gebracht. Wann die Wahl und Consecration des Anatolius stattgefunden, ist mit Genauigkeit nicht zu bestimmen; wir wissen nur, dass es der Partei des Dioskorus und Eutyches gelang, den Constantinopolitanern den Tod ihres hochverehrten und geliebten Bischofes noch eine Zeit lang zu verheimlichen; denn noch im October, wo die Archimandriten von Konstantinopel an den Papst schrieben, war diesen der Tod des Flavianus unbekannt. Andererseits berichtet uns Theodosius, Lector, dass Anatolius noch im J. 449 ordiniert wurde; man kann also nur sagen, dass Anatolius zwischen October und Ende December 449 consecriert wurde. Noch weniger lässt sich das Datum jener 2 Schreiben feststellen, durch welche der ordinierte Anatolius und seine Ordinatoren den Papst von der geschehenen Ordination unterrichteten, um von ihm ein Gemeinschaftsschreiben und somit die Bestätigung der Wahl zu erlangen. Ouesnell, welcher unser Fragment aus Cotelerius in seiner 2. Ausgabe von Leo’s Werken aufnahm, setzte es vor den 69. Brief, welcher, sowie der 70. und 71., im Juli 450 geschrieben ist, und meint, dass um diese Zeit Flavianus gestorben, Anatolius ordiniert worden und von diesem unser Schreiben an Leo gerichtet worden sei. Dieser Ansicht Ouesnell’s widersprechen die Ballerini, indem sie mit Recht hervorheben, dass Flavianus schon im August des J. 449 gestorben, Anatolius längstens gegen Ende desselben Jahres ordiniert worden, hiernach, erklären sie, hätten Anatolius und seine Ordinatoren alsbald, also noch vor Ende 449 an Leo geschrieben, denn solche Ordinationsberichte seien gleich nach der Ordination erstattet worden; 289 doch seien diese Briefe nicht vor März 450, erst im April oder Mai d. J. dem Papste zugekommen, weil dieser in seinem 60. und 61. Briefe vom 17. März 450 den Bischof Flavianus noch als lebend voraussetzt; wodurch aber die Ankunft der Briefe so sehr sich verzögert habe, dafür könnten sie keine Gründe angeben; dass der Papst sie erst im Juli 450 beantwortete, erklären sie durch die Wichtigkeit und große Schwierigkeit des Falles. Diesem Calcul der Ballerini kann ich nicht ganz beipflichten und finde die von Arendt angedeutete verspätete Absendung der Ordinationsberichte für viel wahrscheinlicher und begründeter; denn dass es dem Anatolius wie seinen Ordinatoren aus mehr als einer Ursache sehr schwer war, sich nach dem Vorgefallenen an den Papst zu wenden, ist sicher, und dass sie damit absichtlich, teils aus Furcht, teils aus Trotz, so lange als möglich zögerten, ist sehr leicht erklärlich, mindestens viel leichter, als dass ein vor Ende December 449 von Constantinopel abgegangenes Schreiben bis zum 17. März 450 noch nicht in Rom angekommen, dann erst am 16. Juli 450 beantwortet wurde; ich halte es daher für viel wahrscheinlicher, dass die betreffenden Ordinationsschreiben erst beiläufig im Februar abgesendet worden, gegen Ende April in Rom angekommen seien. Ausser diesen zwei Briefen 290 des Anatolius und seiner Ordinatoren, unter denen auch Dioskorus war, erhielt der Papst wohl zugleich, auch ein Schreiben des Kaisers Theodosius und der Kaiserin Pulcheria über diese Angelegenheit; von all diesen Briefen ist uns nun nichts als das folgende Fragment aus dem Schreiben des Anatolius erhalten; doch können wir wenigstens bezüglich des Inhaltes der zwei ersten Schreiben aus der hierüber dem Theodosius und der Pulcheria (Br. 69 u. 70) erteilten Antwort entnehmen, dass Anatolius, wie seine Ordinatoren, die Sache ziemlich leicht und oberflächlich behandelten, ohne das dogmatische Moment zu berühren.
Aus dem Briefe des Anatolius, (Bischofs) von Constantinopel, an Leo, (Bischof) von Rom.
Denn unser gottesfürchtigster und Christus liebender Kaiser Theodosius, welcher (alles Übrige) dem, was Gott betrifft, nachsetzt, war, nachdem die heiligste Kirche von Constantinopel ihres Hirten beraubt war und sie einen geeigneten Leiter erhalten sollte, hiefür sehr besorgt. Zuerst also beauftragte er den gottesfürchtigsten Klerus der Stadt, unter Prüfung die Tauglicheren anzugeben, und behielt sich die Wahl des Vorzüglichsten von allen vor. Hernach, weil unter diesen eine übermäßige Uneinigkeit entstanden und daher alle in viele Parteien zerrissen waren, befiehlt der Kaiser, es sollten die Kleriker, welche in der Kaiserstadt auch aus anderen Städten gewisser Geschäfte halber, wie es zu geschehen pflegt, sich aufhalten, aufgesucht werden, damit aus diesen der Tüchtigste ohne alle Parteilichkeit zur bischöflichen Würde erhoben werde. Nachdem dies geschehen war, beschlossen die, welche das Ganze leiteten, dem Klerus die Wahl des Bischofes zu überlassen. Siehe da, die Stimmen fielen auf mich, den Geringsten von allen; nicht wegen meiner Gerechtigkeit, sondern „damit Christus Jesus an mir alle seine Langmut zeige“ nach dem Apostel. Daher lag es der heiligen Synode der in Constantinopel weilenden Bischöfe ob, ohne Zögern meine Ordination vorzunehmen.